Mit Bildern durch die Mauer: Wie ein Kunstprojekt die chinesische Firewall durchbricht

Sucht man von einem PC in China aus im Netz nach Informationen darüber, wie 1989 Studentendemonstrationen in Peking brutal niedergeschlagen wurden, wird man nicht weit kommen. Denn viele Internetseiten – darunter auch alltägliche Hilfsmittel wie wikipedia – sind in China wegen strenger Zensur nicht oder nur eingeschränkt zugänglich. Zwei Schweizer Medienkünstler haben vor kurzem ein Projekt zur Wahrnehmung des Internets gestartet – und nebenbei damit einen Weg bereitet, die digitale chinesische Mauer zu durchbrechen.
christian-helten
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ihr versteht euer Projekt picidae.net als Kunst. Viele würden sagen, es ist ein technisches Hilfsmittel zur Umgehung von Zensur. Christoph: Wir wollen mit picidae etwas über das Internet herausfinden. Wir denken ja, dass es sich über die ganze Welt erstreckt, dass es einfach da ist als virtueller Freiraum. Diese Vorstellungen widersprechen aber eigentlich der Art, wie das Internet aufgebaut ist. Wenn wir „ins Netz gehen“, wie wir sagen, tun wir das über einen Provider und einen Server, über bestimmte Software. Was wir uns als ein homogenes großes Netz vorstellen, ist faktisch also ein sehr heterogenes Gebilde. Matthias: Wir schaffen ein Instrument, mit dem wir etwas über unsere eigene Wahrnehmung des Internets herausfinden. Das Spannende an picidae ist, dass man eine neue Ansicht des Internets bekommt. Und auch darüber, was Sprache ist, was Information ist, was unser Bild der Welt ist. Das Untersuchungsobjekt ist eigentlich unsere eigene Wahrnehmung. Und das funktioniert wie? Christoph: Wir betrachten das Internet als Bild an einem anderen Ort. Das ist eine andere Dimension, als die, die wir bisher kennen und in der wir das Internet bisher nutzen. Die ganze mit Milliardeninvestitionen finanzierte Zensur-Technologie in China ist auf Texterkennung ausgelegt. Diese Technologie wird von picidae unterlaufen, weil hier Inhalte in Bilddateien umgewandelt werden und somit nicht erfasst werden können. Würde ich auch andere Google-Suchergebnisse bekommen, wenn ich über einen picidae-Server gehen würde? Matthias: Die Google-Suche ist ein gutes Beispiel, weil man daran sieht, wie stark man lokalisiert ist, wie stark der Content für einen an diesem Ort zusammengestellt wird. Google stellt ja selbst Server auf, auch in China. So findet man darüber nur Seiten, die in China zugänglich sind. Auch in Deutschland wird man immer umgeleitet auf Google.de. Das führt zu lokalen Ergebnissen, anderen Rankings, mitunter also zu großen Unterschieden.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ihr seid im Frühjahr nach China gefahren, um picidae zu testen… Christoph: An China hatten wir sofort Interesse, einfach weil es dort die stärkste und am weitesten perfektionierte Zensur gibt. Wir sind dort in Internetcafés gegangen und haben ausprobiert, wie das Internet dort mit und ohne picidae aussieht. Die Zensur ist nicht als solche erkennbar, sondern tritt als Netzwerkproblem getarnt auf. Der User bekommt den Hinweis, dass der Server die Verbindung beendet hat oder wird umgeleitet. War euch nicht manchmal unbehaglich dabei zumute, in China verbotene Websites anzusteuern? Christoph: Es ist schon eine seltsame Situation. Zunächst war es für uns ungewöhnlich, in ein Internetcafe zu gehen und sich ausweisen zu müssen. Es werden Ausweisdaten abgeschrieben und gespeichert, wer an welchem Computer saß. Die Cafés – und die Straßen übrigens auch – werden per Video überwacht, und als Ausländer fällt man ohnehin auf. Außerdem haben wir in den Cafés wirklich ganz gezielt die Grenzen ausgetestet. In China ist es oft so, dass ganze Server oder IP-Adressen zurückgestellt werden. Das heißt, wenn man gewisse IP-Adressen „abschießt“, sind die für niemanden in dem Internetcafé mehr erreichbar. Und das sind in China teilweise riesige Hallen mit Hunderten von Leuten. An solchen Dingen haben die Betreiber der Cafés natürlich kein Interesse, auch weil sie vom Staat ihre Lizenzen erhalten, die schnell wieder entzogen werden können. Es war also schon irgendwie immer eine angespannte Situation.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Wie schwer wäre es für die – immerhin geschätzten 30.000 – Mitarbeiter des chinesischen Zensurapparats, auch Bilder in ihre Filtersysteme aufzunehmen und picidae damit wieder nutzlos zu machen? Christoph: Jeder Scanner kann heute natürlich Texte aus Bildern auslesen. Und in China – da dürfen wir uns keine Illusionen machen – stehen die modernsten Geräte amerikanischer Firmen. Es ist nicht so, dass da drei komische Altkommunisten versuchen, den Hahn zuzudrehen. Theoretisch könnte man das Bild einfach abfangen und anschauen. Matthias: Aber man sagt ja, dass das Internet in China schon jetzt wegen der Firewall so langsam sei. Einen Text durchschauen zu lassen, ist aber noch etwas relativ einfaches. Eine Bilderkennung und -analyse in Echtzeit durchzuführen, ist hingegen technisch viel komplizierter und würde das Internet quasi unbenutzbar machen. Man wartet ja nicht zehn Minuten, bis eine Seite aufgebaut ist. Im Moment ist es also kaum möglich, picidae zu umgehen. Um picidae nutzen zu können, muss man erst einmal wissen, dass es diese Software gibt. Wie soll sich das Projekt überhaupt ausweiten? Christoph: Ein Bestandteil des Projekts ist auch sein Community-Charakter. Die ganze Software ist Open Source, man kann sie sich anschauen, herunterladen, mitentwickeln. Jeder kann sich auf der Development-Section unserer Seite die Software holen und einen pici-Server betreiben. Das ist das primäre Netz. Der Server zeigt dem User in China das öffentlich zugängliche Internet von dem Standpunkt aus, an dem er steht. Da ein solcher Server vielleicht schneller erkannt wird, gibt es ein zweites Netz: Man kann ein pici-Proxy betreiben, der wiederum zu einem Pici-Server verbindet. Das ist also quasi eine Umleitung zu dem Server, der dann auch seinen Dienst leisten kann, wenn er schon längst gesperrt ist. Sich einen solchen Proxy einzurichten ist ganz einfach, das kann jeder der irgendwo Webspace hat. Wie groß ist diese Community geworden, seit ihr vor zwei Wochen online gegangen seid? Christoph: Es sind seitdem Hunderte von solchen Proxys entstanden. Und wie sind sonst die Reaktionen? Christoph: Wir kriegen wahnsinnig viel Feedback, was uns unglaublich freut. Und ich bin sehr erstaunt über die Ernsthaftigkeit der Diskussion und die Betroffenheit der Leute, die jetzt etwas erkennen über den eigenen Zugang zum Internet. Das zeigt zum Teil sehr schön die Bandbreite, auf der jeder von uns seine Fragen zum Internet hat. Wenn ich es recht verstehe, könnte picidae aber auch dazu benutzt werden, Filter zu umgehen, die durchaus ihren Sinn haben. Kindersicherungen zum Beispiel. Christoph:Eine Kindersicherung kann damit tatsächlich unterlaufen werden. Allerdings müsste ein Kind dafür picidae aufrufen, dann da eine vollständige Adresse einer bestimmten Seite eingeben. Diese Frage kam auch in vielen Diskussionsforen, und das zeigt, was für ein Bedürfnis besteht, über Ängste zu reden, die mit dem Internet zusammenhängen. Fotos: picidae.net

  • teilen
  • schließen