"Mit dem Rad ankommen und gut aussehen"

Der Fotograf Horst A. Friedrichs hat für sein Buch "Cycle Style" die Londoner Fahrradszene begleitet. Im Interview spricht er über Rad-Bars und verrät, warum Fahrräder für ihn Kunst sind und wie es kommt, dass er kein Modefotograf sein will.
kathrin-hollmer

Horst A. Friedrichs wurde in Frankfurt am Main geboren. Mit 15 hat er seine erste Kamera bekommen und später Fotografie in München studiert. Seit 1997 arbeitet er als Fotograf in London. Für „Cycle Style“ hat er die Londoner Fahrradfahrer porträtiert. Rund 5.000 Kilometer hat er dafür auf dem Rad zurückgelegt und insgesamt 200 Radler fotografiert, manche ganz Gentleman in Tweed, andere ganz wild mit Tattoos und Vollbart. Wir haben mit ihm über sein Buch und den Hype um schöne Fahrräder gesprochen.

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Illustration: Julia Schubert

"Cycle Style": Streetstyle-Kunst mit Fahrradfahrern

jetzt.de: Du hast für dein Buch die Londoner Fahrradszene begleitet. Was zeichnet die Fahrradkultur dort aus?
Horst A. Friedrichs: Für viele Leute ist ein Fahrrad einfach ein praktischer Gebrauchsgegenstand, der in erster Linie der Fortbewegung dient. In London ist das Fahrrad nicht nur ein bequemes, sondern vor allem ein elegantes Transportmittel für den urbanen Nahverkehr.    

Viele Fotografierte waren Teilnehmer eines  „Tweed Runs“. Was hat es damit auf sich?
Der Londoner „Tweed Run“ ist so eine Art Gipfeltreffen von Zweirad-Enthusiasten, die sich teilweise im Stil der zwanziger bis vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kleiden und manchmal auch Räder in diesem Stil fahren. Hunderte Rad-Dandys fahren dann immer in einem Korso durch London, dieses Jahr am 6. Mai.  

Auf der Straße sieht man meist ganz normale Menschen auf ganz normalen Fahrrädern. Im Buch sehen die meisten wie Models aus. Hast du die alle wirklich so angetroffen?
Ich bin kein Modefotograf, der sagt, was die Leute anziehen sollen. Das finde ich langweilig. Zum Glück trifft man auf den Straßen in London für fast jede modische Ausrichtung einen Vertreter, der seine alltäglichen Wege auf dem Fahrrad bewältigt.  

Wie kam es zu dem Foto von Paul Smith?
Sir Paul Smith liebt meine Bücher und verkauft sie in seinen Läden. Er ist seit seiner Kindheit ein  passionierter Fahrradfahrer. Ich liebe seine Klamotten und wollte ihn schon immer mal kennenlernen. Das Foto war ein Schnappschuss, wir haben uns über Fahrräder und die Unruhen in England unterhalten.  

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Illustration: Julia Schubert

Horst A. Friedrichs hat für sein Buch 5.000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Im Buch sind ganz unterschiedliche Typen abgebildet, manche sind ganz Hipster mit Streifenshirt, Nerdbrille und Single Speed Rad, andere wirken wie aus einer anderen Zeit mit ihren Kniebundhosen und altmodischen Rädern. Was haben sie gemeinsam?
Ihr Motto: Mit dem Rad ankommen und gut aussehen.  

Gut auszusehen wird beim Radfahren immer wichtiger. Fahrräder sind inzwischen mehr Design- als Gebrauchsgegenstand. Seit wann gibt es diese Tendenz und wie erklärst du sie dir? 
Lange war das Rad als Öko-Gefährt verpönt, jetzt gilt es als Mode-Accessoire. Vor ungefähr zehn Monaten haben die Modehäuser Chanel und Hermès Fahrräder herausgebracht, das war auf jeden Fall ein wichtiger Moment. Aber schon länger spüre ich die Begeisterung für schöne Fahrräder. Es gibt die unterschiedlichsten Modelle, die einen machen einfach Spaß, die anderen haben die verrücktesten Designs. Statt mit einem Mini vergeblich nach einen Parkplatz zu suchen, schwingt sich der Hipster von heute aufs Rad.  

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Illustration: Julia Schubert

Jools (rechte Seite): Für Horst A. Friedrichs der gelungene Fahrrad-Style schlechthin.


Was macht für dich einen guten Fahrrad-Style aus?
Ich persönlich mag eine Mischung aus Vintage und Zeitgeist. Jools ist ein ganz gutes Beispiel, mit ihrem Vintage-Rad und -Kleid und der poppigen Sonnenbrille.    

Welche Trends sind dir bei der Arbeit an dem Buch aufgefallen?
Gefragt sind hier vor allem Fixed-Gear-Räder mit einem festen Gang ohne Schaltung und ohne Bremsen, das klassische Hollandrad, E-Bikes, historische Rennräder im Vintage-Style, aber auch Hightech-Rennräder.    

Kann man bei den Rädern auch Trend-Farben oder -Accessoires  ausmachen wie in der Mode?
Brooks-Sattel sind hier gerade sehr angesagt. Bei den Farben sind Weiß, Gelb und das britische „Racing Green“ beliebt, ein sattes Grün, in dem früher britische Rennwägen lackiert waren.   

In deinem Fotoband „21st Century Mods versus Rockers“ hast du subkulturelle Strömungen in England untersucht. Wie ist das mit der Fahrradszene, ist das eine Subkultur?
Die Fahrradszene in London besteht aus verschieden anderen Subkulturen wie den Mods, Rockern und der Rockabilly-Szene.    

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Illustration: Julia Schubert



Sind Fahrräder Fashion Statements?
Radfahren ist Freiheit, zeitlose Eleganz, aber auch Zeitgeist und Fashion-Statement.  

Sind sie Kunst? 
Auf jeden Fall Meisterwerke der Ingenieurskunst.  

Viele hängen sich ihr Fahrrad wie ein Kunstwerk an die Wand. Du auch?
Nein. Aber es steht in der Garage, das Auto draußen im Regen.  

Was für ein Rad fährst du?
Ich fahre einen bescheidenes Rad mit zwei Transporttaschen. Man will der Braut ja nicht die Show stehlen.  

In Deutschland wird immer wieder über eine Helmpflicht diskutiert. Trägst du einen Fahrradhelm?
Ich trage einen Helm, seit ich Vater geworden bin. Vorher bin ich zehn Jahre ohne Helm geradelt.

Im Buch trägt keiner einen Helm...
Es kann sich nicht jeder mit den gängigen Fahrradhelmen anfreunden. Aber mittlerweile gibt es modische Mützen als Fahrradhelm oder andere coole Helme.  

Bei uns traut man sich kaum, sich ein schönes Fahrrad zu kaufen, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es gleich geklaut wird. Wie ist das in London? Hast du einen Tipp, wie man das verhindert?
Hier ist es ähnlich. Ich benutze immer zwei Schlösser von Abus. Ein Spiralschloss, mit dem man das Rad irgendwo festmachen kann und dann noch schweres Bügelschloss.  

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Illustration: Julia Schubert


Reparierst du selbst oder hast du einen Fahrradladen, in den du gehst?
Einen Platten repariere ich schon selbst, aber alles, was komplizierter ist, lasse ich im Fahrradladen machen.  

Hast du einen Lieblingsfahrradladen?
In London machen gerade überall diese neuen Rad-Bars wie das „Look Mum: No hands“ auf. Die Stimmung dort ist relaxt, der Kaffee sehr gut und das Essen lecker. Was will man mehr, wenn man vom Radeln hungrig ist?    

Rad-Bars?
Das „Look Mum: No hands“ ist ein ganz wunderbares Café, von dem die Besitzer Radfahren und Kaffeetrinken lieben, und beides kombinieren wollten. Zum Café gehört eine Werkstatt, wo man sein Fahrrad zum Reparieren hinbringen kann – während man einen Kaffee oder ein Bier trinkt oder etwas isst. Solche Läden öffnen in London gerade an jeder Ecke.

Fotos aus „Cycle Style“ sind noch bis 1. Mai in der Rad-Bar „Look Mum: No hands“ in London ausgestellt.

Text: kathrin-hollmer - Fotos: Prestel

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