Musik 2.0: Sample dich selbst mit YourSpins

Die Firma YourSpins bietet einen Remix-Service für jedermann auf ihrer Website an. Derzeit sind rund 30 Künstler in der Datenbank abrufbar, darunter Größen des Sample-basierten Genres wie Coldcut, Roots Manuva, Moby und Faithless, aber auch Pop-Produkte wie Robbie Williams und The Young Knives. Die selbst gebastelten Ergebnisse kann man anschließend speichern, mit Freunden teilen, als Klingelton herunterladen – und selbstverständlich ganz nebenbei Leute kennen lernen, in Foren diskutieren und all die Dinge tun, die für ein aktuelles Web-2.0-Outfit selbstverständlich sind.
henrik-pfeiffer

Die technische Grundlage für das YourSpins Remix-Konzept ist das DI-Soundformat, eine Entwicklung des ungarischen Musikers und Programmierers Sandor Mester. Mester hatte bereits 2002 die Idee, eine Software zu entwickeln, die es ermöglicht, die statische Struktur von Musikstücken aufzubrechen und für jeden einfach veränderbar zu machen. Im vergangenen Jahr erschien eine CD-Rom seiner Band Korai Öröm (ungarisch für „Frühreife Freude“) als erstes Album im DI-Format. Die Songs auf der CD können mithilfe der Software DI-Player als zufällig improvisierte Stücke in immer wieder neuem Gewand angehört oder mit dem zweiten Programm DI-Maker nach eigenen Vorstellungen verändert werden. YourSpins ist quasi die Verlängerung der Remix-Software über ein Internet-Format mit einer verbundenen Community-Struktur. Die YourSpins-Plattform wird von London aus durch die Mutterfirma Digimpro verwaltet, außerdem gibt es technische Niederlassungen in Belgrad sowie Frankreich und Schweden. Momentan läuft YourSpins als beta-Version, soll aber noch in diesem Jahr als Vollversion online gehen und weltweit zugänglich sein. Ihr bisher größter Erfolg war bislang die strategische Partnerschaft mit IE-Music, einer der größten Management-Agenturen Europas, die unter anderem auch Robbie Williams vertritt. YourSpins soll eine Mischform werden, ein Zentrum, das sowohl als Marketingplattform für Plattenverlage als auch als Label für neue Künstler und Bands sowie als Community für Musikbegeisterte dient. Ein musikalischer Allrounder im Web-2.0-Kosmos also, dessen Produkt die Macher - logisch - als Music 2.0 bezeichnen. Ein Interview mit YourSpins-Macher David Ratcliff aus London.

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Illustration: Julia Schubert

Screenshot der YourSpins.com-Startseite David, es gibt zahllose Einträge von Mitgliedern auf der Site - Remixe, Klingeltöne und Profile. Sieht nach einem Bombenerfolg aus, obwohl über allem noch der Hinweis "we're in beta" schwebt, es also noch gar nicht richtig los gegangen ist. "Beta" ist ein sehr überstrapazierter Begriff und bedeutet mittlerweile gar nichts mehr. Wir bevorzugen es zu sagen, dass wir noch nicht "gelauncht" haben. Wir wollen uns ganz auf die Entwicklung der Funktionen konzentrieren und neue Verbindungen zu Künstlern, Labels und Mobilfunk-Anbietern schaffen. Die Originalstücke, die bei euch zum Remixen und für Klingeltöne frei gegeben werden, sind alle recht neu und stammen zum Teil von weltberühmten Künstlern. Wie sieht's mit Urheber- und Verwertungsrechten aus? Ist es schwierig, eine Robbie-Williams- oder Faithless-Single zum Remixen zu bekommen? Nein, denn die Industrie ist auf solche Maßnahmen schon längst eingestellt. Unser Konzept ist für Plattenlabels und Verlage gar nicht so abgefahren, die geben sich da relativ unbeeindruckt. Schließlich haben sie schon seit Jahren Erfahrung mit der modernen Vermarktung von Musik über Internet und mobile Medien. Was Lizenzen und Verwertungsrechte angeht, werden Klingeltöne übrigens genau so behandelt wie echte Töne. Egal, was du veröffentlichen willst - die Rechtslage ändert sich nicht. Die Partnerschaft mit IE-Music ist sicher eine prima Gelegenheit das YourSpins-Angebot zu verbreitern. Aber umsonst machen die das sicher nicht. Ist euer Konzept eine Chance für die Musikindustrie, sich von den Rückschlägen der vergangenen Jahre zu erholen? Jeder weiß, dass sich die Musikindustrie weiterentwickeln muss, um im digitalen Zeitalter Schritt halten zu können. Wir glauben an ein neues Denkmuster, bei dem die Beziehung zwischen Künstlern und Fans im Mittelpunkt steht. Musik gibt es schließlich schon wesentlich länger als die dazugehörige Industrie, die aus der Fähigkeit eine Darbietung aufzunehmen und deren Vertrieb zu kontrollieren entstand. Aus diesem Kontrollverhältnis entstand die Abhängigkeit von der Industrie, und daraus erwuchs die Macht der Plattenfirmen, die in letzter Zeit durch das Internet massiv geschwächt wurde. Es bleibt ihnen mittlerweile gar nichts anderes übrig, als sich weiter zu entwickeln und neue Absatzwege zu suchen. Das Internet ist gewissermaßen unkontrollierbar, weil es menschlichen Einfallsreichtum repräsentiert, also muss die Industrie lernen, es sich zu Nutze zu machen. Wenn gewöhnliche 08/15-Downloads überall gratis zu haben sind, was ja auch der Fall ist, dann muss man diesen Standard eben verbessern, um einen Mehrwert zu schaffen, der dann wiederum Gewinn abwirft. Wir sind ein Teil dieser neuen Dimension des Musikhörens. Um zur Frage zurückzukehren: Ja, wir sehen unsere Technologie als eine Gelegenheit für die Musikindustrie, sich zu erholen. Es ist sehr bedauerlich, dass sich zwischen der Musikindustrie und der digitalen Welt so eine "Wir gegen die"-Mentalität herausgebildet hat. Bei Digimpro versuchen wir genau an dieser Stelle eine Brücke zu schlagen. Wir arbeiten mit den Vorgaben der Industrie und verbinden sie mit unserem technischen Wissen und unserer Erfahrung mit der digitalen und der mobilen Welt. Die Remix-Versionen sind mitunter besser und erfolgreicher als ihre Originale. Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Die Fans haben der Industrie zu verstehen gegeben, dass sie gerne mehr als nur eine Interpretation eines Stückes hören und dafür sogar Geld ausgeben, wenn er gut ist. Was wir tun, ist dem Fan diese Flexibilität dem Fan zur Verfügung stellen. Wir kehren die Rollenverteilung von Produzent und Konsument um, weil wir glauben, dass der Erfolg von Remix-Versionen zeigt, dass die Leute es durchaus kapieren, worin die Faszination der veränderten Originale liegt. Es ist nämlich ein ziemlich großartiges Gefühl an einem kreativen Prozess beteiligt zu sein, und mit unserer Technologie kann jeder an diesem Gefühl teilhaben, ohne musikalisch bewandert sein zu müssen - nur aus Liebe zur Musik. Klingt schön. Aber bei aller Liebe zur Musik kann man auch lieblos zerhackte Klingeltöne, so genannte „Spintones“ bei YourSpins selbst machen. Um sie herunterladen zu können, muss man sie erstmal kaufen. Das klingt nicht gerade nach großem Idealismus. Ist das Klingeltongeschäft denn so viel lukrativer als das Musikgeschäft? Komisch, oder? Ich fürchte, der Großteil dieser Einnahmen geht direkt an die Mobilfunkanbieter, die die Spintones dann versenden. Die Antwort lautet nein. Wie jedes andere Geschäft müssen wir Umsatz machen, um zu leben. Wir verteilen unser Angebot auf mehrere Kanäle, und das Spintone-Ding ist einer davon. Die Remixes kann man momentan noch nicht frei herunterladen, demnächst erweitern wir den kommerziellen Download-Service aber auch auf komplette Musikstücke, so dass im Grunde jeder zum Beispiel seinen eigenen Young-Knives-Mix herstellen und kaufen kann, der einem dann tatsächlich gehört. Dieses Stück wird dann etwas Besonderes für einen selbst, und man selbst wird Teil seiner Entstehung. Auf der nächsten Seite erzählt David, was er über Künstler ohne Plattenvertrag denkt und wie es mit YourSpins weitergeht.


In der letzten Zeit gab es diverse Künstler, die es ohne Plattenvertrag, dafür mit hingebungsvoller Eigenwerbung über das Internet zu internationalem Erfolg gebracht haben. Wäre die Unterstützung von jungen, unbekannten Bands auf YourSpins.com für euch interessant? Absolut. Eine ganze Reihe unserer Künstler hat noch keinen Plattenvertrag. Und wir streben es an, den gesamten Planeten zu bedienen, um die Erfolgschancen für jeden zu erhöhen. Wenn das klappen würde, wäre das natürlich fantastisch. Trotzdem ist unsere Sichtweise etwas anders. So spannend es auch wäre einen neuen Künstler in Deutschland bekannt zu machen - spannender wäre es doch, wenn der gleiche Künstler obendrein noch ein Riesenerfolg in Asien werden würde. Als Internetfirma können wir global agieren. Und die Zahl der weltweit angesagten Künstler ist relativ gering, es besteht also immer die Möglichkeit neue Fans zu erreichen, egal mit welchem Künstler. Für uns bedeutet das, dass unsere User immer wieder neue Musik auf YourSpins.com entdecken können. YourSpins erinnert in seiner Gesamterscheinung an große Web2.0 Erfolge wie YouTube und MySpace. Plant ihr, eure Firma nächstes Jahr an Google zu verkaufen? Danke, sehr schmeichelhaft. Obwohl man sagen muss, dass große Unterschiede zwischen beiden bestehen. MySpace ist ein Ort, an dem man herumhängt, um andere Leute zu entdecken und dann kennen zu lernen - ihren Musikgeschmack und das alles. YourSpins ist ein Ort, an dem man Musik entdeckt und dabei Leute trifft, die den gleichen Musikgeschmack haben sowie die Musik, die sie mögen. Bei MySpace geht's um Leute, bei YourSpins um Musik. Und im krassen Gegensatz zu YouTube ist bei uns alles rechtlich einwandfreies Material. Aber um auf die Frage zu antworten: Es ist wohl immer schwer viel Geld abzulehnen. Was würdest du tun? Verkaufen wahrscheinlich. Kommt natürlich auf die Zukunftsaussichten an. Wie sind eure? Unsere Zukunft ist rosig und geschäftig, würde ich sagen. Wir haben gerade erst erfolgreich einige Deals in Asien abgeschlossen, es werden also demnächst einige der besten Musiker aus diesem Teil der Welt bei uns gelistet sein. Es wird YourSpins-Sites in Asien und Südamerika geben, und alle Songs werden überall abrufbar sein. Was man im Moment von YourSpins sehen kann, ist nur die Spitze des Eisbergs. 2007 wird ein großartiges Jahr für uns und unsere Mitglieder - und es wird bei weitem nicht nur um uns hier im Westen gehen.

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