Nazis stoppen: "Die Münchner und Berliner dürfen sich nicht verstecken"

Seit Rudolf Heß am 17. August 1987 Selbstmord beging, ist dieser Tag jedes Jahr Anlass zu Demonstrationen von Neonazis. Am Samstag finden deshalb in München und Berlin sowohl rechtsextreme Veranstaltungen als auch Gegendemonstrationen statt. In Wunsiedel, wo Heß begraben liegt, ist ein Schwerpunkt der Nazi-Demonstrationen, dieses Jahr ist es den Rechten aber verboten worden, dort aufzumarschieren. Michael, 20, ist Pressesprecher der Jugendinitative Wunsiedel und Mitorganisator des "Tags für Demokratie".
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In Wunsiedel wurde der Neonazi-Marsch verboten - bist du erleichtert? Ja, es war unser Hauptanliegen, dass der Heß-Aufmarsch verboten wird. Das ist ein großer Erfolg für das bunte Wunsiedel. Jetzt geht es in der Region darum, dass sich die rechte Szene nicht weiter vergrößert. Bei uns ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch und deshalb haben die Rechten einen guten Nährboden. Wir wollen Jugendliche aufklären, was hinter den „Feiern“ und Märschen steckt und welche Methoden die Rechten benutzen, um Jugendlichen zu ködern. Hat Wunsiedel ständig ein Problem mit einer rechten Szene oder nur um den 17. August? Eigentlich immer. In Wunsiedel hat sich eine Szene-Kneipe etabliert, in die nicht nur Rechte aus Wunsiedel, sondern aus der ganzen Region kommen. Außerdem gibt es in der Nähe einen Tattoo-Nazi-Shop, wo man sich rechtsradikale Symbole und solchen Kram tätowieren lassen kann. Das ist auch zu einem Treffpunkt geworden.

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Illustration: Julia Schubert

Auch 2005 stand der "Tag der Demokratie" unter dem Motto: "Wunsiedel ist bunt! Nicht braun!". Foto: Jugendini Wunsiedel Wie groß ist die rechte Szene? Ich schätze die Zahl auf etwa 40 Neonazis. Die linke Szene ist, glaube ich, etwas kleiner, obwohl die Rechten immer propagieren, dass sie wächst. Ich denke, dass Problem an der Antifa ist ihr Erscheinungsbild: Sie kommen immer in schwarz und es gibt einige Wunsiedeler, die deshalb dagegen sind und sogar manche, die meinen, man soll die Rechten marschieren lassen, weil „die Linken ja noch viel schlimmer seien“. Man muss aber wirklich bedenken, dass die Linken die ersten waren, die in Wunsiedel überhaupt etwas gegen die Rechten gemacht und sich engagiert haben. Trotzdem haben wir gebeten, dass sie nicht alle in schwarz kommen, weil wir ja zeigen wollen, dass Wunsiedel bunt ist. Auch ich war früher der Meinung: Lasst die Nazis halt marschieren, das wird sich legen. Aber als ich dann immer mehr gemerkt habe, dass das Ganze wächst, als ich das erste Mal so einen Marsch gesehen habe und mir auffiel, dass jede Altersgruppe vertreten ist und dass auch immer mehr von meinen Freunden abdriften, dachte ich mir: Das muss man stoppen! Wird morgen in Wunsiedel ein bisschen anders demonstriert, als in anderen Städten wie München und Berlin, wo Neonazis aufmarschieren? Ja, das glaube ich schon. Man kann darüber natürlich geteilter Meinung sein: Einerseits werden dadurch wahrscheinlich weniger Leute nach Wunsiedel zur Gegendemonstration kommen, aber ich denke, dass wir andererseits auch jetzt besser informieren können. Am Samstag ist in Wunsiedel einiges geboten: Die Ausstellung „Wannseekonferenz“ wird eröffnet, es gibt eine politische Kundgebung, unser Konzert und vieles mehr. Ich denke sogar, zum Beispiel weil die Politiker nicht im Wahlkampf sind, dass der „Tag der Demokratie“ sogar noch besser wird. Was rätst du den Münchnern und Berlinern gegen die Aufmärsche zu tun? Eigentlich muss man nur versuchen, so viele Leute wie möglich zu mobilisieren und Flagge zeigen. Es muss viele Leute geben, die dagegen sind und es darf in den Zeitungen nicht nur über die Rechten berichtet werden, sondern auch, dass es einen großen Gegenpol gibt. Die Münchner und Hamburger dürfen sich nicht verstecken. Bei uns haben vorletztes Jahr die Bauern auf dem Platz an einem Weiher, wo die Rechten sich immer versammelt haben, unter dem Slogan „Wunsiedel stinkt's“ Gülle-Fässer aufgestellt. Das wird in Großstädten wahrscheinlich nicht funktionieren.

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Illustration: Julia Schubert

Gegendemonstration im Rahmen des "Tags der Demokratie" im Jahr 2005. Foto: Jugendini Wunsiedel Auf der Website der Jugendinitative steht direkt neben „Aufstehen gegen die Nazis“ auch noch als Hinweis auf dasselbe Event „Megaparty des Jahres“. Warum zieht ihr euren Beitrag zum „Tag der Demokratie“ in Wunsiedel so auf? Wir haben auch schon im Februar eine Party in Wunsiedel veranstaltet und machen auch jetzt wieder ein Konzert, weil wir ganz speziell Jugendliche informieren wollen. Vor ein paar Wochen war ich auf einer Podiumsdiskussion und dort wussten viele anwesende Schüler gar nicht, wer Heß war. Die Rechten werben schon bei 12-Jährigen und die wissen leider, aber naturgemäß noch kaum etwas darüber. Hier tun auch die Schulen zu wenig, deshalb haben wir auch das Projekt „Schule ohne Rassismus“ gestartet. 70 Prozent der Schüler der Schule müssen eine Unterschrift abgeben, dass sie gegen Fremdenhass und Rassismus und für Toleranz und Zivilcourage sind. Die Schule muss sich dann bereit erklären, auch weiterhin mit Veranstaltungen über Fremdenhass zu informieren. Dann kann diese Schule zu einer „Schule ohne Rassismus“ werden. Und das ist besonders an Haupt-, Real- und Wirtschaftsschulen gut angekommen. Der Veranstalter der Neonazi-Demonstrationen zum Todestag von Rudolf Heß hat diese angeblich schon für die nächsten zehn Jahre angemeldet. Ist es nicht frustrierend, dass seit 1987 jedes Jahr wieder dasselbe Problem auftaucht? Nein, denn es gibt ja Erfolge: Die letzten beiden Jahre wurde die Veranstaltung der Rechten verboten und wir wurden 2004 mit einem Preis vom „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet. Außerdem merkt man wirklich in der ganzen Region, dass darüber geredet wird – von Firmen, Privatpersonen und Vereinen kommt immer wieder Lob und Anerkennung. Jeder bei uns kennt mittlerweile das Problem. Alles das tut schon gut.

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