Nebenjob Dauerfernsehen

Sandra und Nils suchen täglich fünf Stunden nach Sendematerial für die Satire-Sendung "heute show". Ein Gespräch über Polittalk-Runden, Hartz-IV-Programm und "Pipikaka-Witze".
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Sandra Baumann, 24, studiert Media- und Entertainment-Management. Nils Rieger, 20, bereitet gerade seine Bewerbung an der Kunsthochschule für visuelle Media vor. Dazwischen sitzen die beiden täglich fünf Stunden vor einem Bildschirm in der heute show-Redaktion und sichten witziges Material für die nächste Sendung. Im jetzt.de-Interview erzählen die beiden von ermüdenden Parlamentsdebatten und erheiternden Politikerkommentaren.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Fürs Fernsehen bezahlt werden - Manche Menschen stellen sich genau so ihren Traumjob vor. Nils: Naja, wir gucken hier jeden Tag fünf Stunden am Stück, das ist schon eine ganze Menge. Vor allem bei den Bundestagsdebatten auf Phoenix musst du schon hochkonzentriert sein, wenn du alles Wichtige mitkriegen willst. Mit gemütlichem Fernsehen hat das nicht viel zu tun. Sandra: Ich würde schon sagen, dass es ein lockerer Job ist. Aber es kann eben auch sehr enttäuschend sein, wenn du fünf Stunden guckst und irgendwie nichts Verwertbares dabei ist. Andererseits sind die Erfolgserlebnisse umso größer, wenn dann mal ein echter Brüller mit dabei ist. Wie sieht euer Joballtag bei der heute show aus? Sandra: Am Anfang der Woche bespricht die Redaktion, welche Themen in die nächste Sendung einfließen sollen. Wir Sichter gucken dann, ob wir im Fernsehen etwas dazu finden. Nils: Es gibt zwei Schichten: Von 9 bis 14 Uhr und von 14 bis 19 Uhr. Da sitzen dann zwei bis vier Leute vor ihrem Bildschirm, jeder hat seinen eigenen Kopfhörer und los geht es. Welche Sendungen schaut ihr während der Arbeitszeit? Sandra: Da die heute show eine Nachrichten-Satire ist, gucken wir – logisch - vor allem Nachrichtensendungen. Und die laufen meistens im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, eher selten auf RTL. Nils: Bei Phoenix findet man eigentlich immer was. Ansonsten schaue ich in erster Linie Nachrichten auf ARD, ZDF, ntv und N 24. Sandra: Aber auch mal Sendungen wie Brisant und Explosiv, die nicht so politisch sind. Das ist zwischendurch sehr entspannend. In der Regel sind das übrigens aufgezeichnete Sendungen vom Vortag, die wir dann in doppelter Geschwindigkeit schauen. Das spart Zeit. Und welche Sendungen sind euch die liebsten? Nils: „Kerner“ oder „Markus Lanz“. Solche Sendungen sind relativ leicht zu gucken. Da kann ich geradezu relaxen im Vergleich zu manchen Polittalk-Runden, die ja meistens komplett trocken sind. Das geht manchmal schon ganz schön an die Konzentration. Sandra: Außerdem wird in Politikerrunden sehr schnell gesprochen. Jeder will etwas sagen, jeder unterbricht den anderen – da ist es echt schwer, die wirklich interessanten Passagen raus zu filtern. Auch bei der Tagesschau ist das oft schwierig, weil da kaum O-Töne drin sind und die Schlagzahl der Informationen so hoch ist, dass meistens nicht viel Inhalt für mich rüber kommt. Viel lieber schaue ich „Der Tag“ auf Phoenix. Da werden in einer Stunde alle relevanten Themen behandelt und die wichtigsten Politikerstimmen zusammengefasst. Wonach sucht ihr dabei konkret? Nils: Der Bestfall ist, wenn sich ein Politiker zu einem aktuellen Thema verhaspelt oder eine völlig bescheuerte Aussage macht, über die er vorher nicht nachgedacht hat. Gibt es ein aktuelles Beispiel? Sandra: Horst Seehofer hat sich neulich ein bisschen ungünstig zum Thema Integration geäußert. Als er sagte, Deutschland brauche keine Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen? Sandra: Genau. An so eine Aussage kann man satirisch wunderbar anknüpfen. Als Sichter gucke ich dann, welche Für- und Gegenstimmen ich von anderen Politikern finde und suche nach Kommentaren der Leute von der Straße. Denn die sprechen die Dinge ja meistens viel direkter an, als die Politiker. Zum Integrationsthema hatte ich gerade erst einen Straßenkommentar von wegen: „Bei mir in der Umgebung gibt es schon sehr viele Sozialschmarotzer.“ Das sind leicht verständliche Aussagen, über die man schmunzeln kann. Worüber könnt ihr selbst am meisten lachen? Nils: Über dunklen, trockenen Humor mit ganz viel Ironie. Sandra: Ich lache am liebsten über Satire, die eine gewisse Intelligenz erfordert, um sie zu verstehen. Was ich nicht mag, sind „Pipikaka-Witze“, wie wir hier gerne sagen, also Humor ohne jeden Anspruch. Dürft ihr auch Ideen für eigene Gags vorschlagen? Sandra: Ja, es ist ausdrücklich erwünscht, eigene Vorschläge bei den Autoren einzubringen. Ich habe Anfang des Jahres zum Beispiel mal einen Ausschnitt entdeckt, in dem Angela Merkels Stimme geklungen hat, wie die einer Astrologin, die über einer Kristallkugel sitzt und die Zukunft heraufbeschwört. Die Redaktion hat meinen Vorschlag dann übernommen und in den Merkel-Beitrag den Hintergrund einer Astrologie-Sendung rein geschnitten. Wie seid ihr überhaupt TV-Sichter geworden? Sandra: Ich bin durch eine Freundin drauf gekommen, die hier Produktionsassistentin ist. Nils: Bei mir war es eine Bekannte, die hier gearbeitet hat. Schaut ihr daheim überhaupt noch fern? Nils: Nachrichten jedenfalls eher selten, denn da bin ich durch den Job schon auf dem neuesten Stand. Wenn ich gucke, dann gezielt etwas Leichtes wie TV Total oder irgendeinen Spielfilm. Sandra: Bei mir ist es ähnlich: Lieber leichte Unterhaltung wie „Exclusiv“ auf RTL. Aber im Grunde habe in nach 25 Stunden pro Woche genug gesehen. Außerdem fallen ja auch Dinge im Haushalt an und ich schreibe gerade an meiner Bachelorarbeit. Welche Qualifikationen braucht man als TV-Sichter? Sandra: Man muss konzentriert arbeiten können und Interesse an Politik haben. Denn man sollte ja schon wissen, wonach man sucht. Nils: Ja, politische Grundkenntnisse sollte man auf jeden Fall mitbringen. Alles andere lernt man mit der Zeit automatisch. Macht Dauerfernsehen blöd? Nils: Das kommt ganz darauf an, ob man den ganzen Tag Phoenix guckt oder RTL. In letzterem Fall würde ich auf deine Frage ganz klar mit Ja antworten. Sandra: Das kann ich so unterschreiben. Die Privaten haben schon viel Schwachsinn im Programm. Das so genannte „Hartz-IV-Programm, das nachmittags läuft, ist teilweise schon krass. Aber ich habe durch das viele Fernsehen eben auch sehr viel gelernt, gerade was Politik betrifft. Ich kann jetzt an Gesprächen teilnehmen, bei denen ich früher nur stumm daneben gesessen bin. Ob Fernsehen dumm macht, entscheidet sich also bei der Wahl des Programms.

Text: andreas-glas - Fotos: oh

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