„Nein! Wir machen nicht alles mit!“

Kleine Maßnahmen zur Weltverbesserung und ein Idealismus der kleinen Schritte: Die Buchautorin Julia Friedrichs im Interview.
dorothee-klee

Sozialforscher bezeichnen die junge Generation als pragmatisch, Spielraum für Ideale scheint es nicht zu geben. Die Journalistin und Autorin Julia Friedrichs wollte sich mit dieser Einschätzung nicht zufrieden geben. Ein Jahr lang beschäftigte sie sich mit der Frage, was wirklich zählt. Sie sprach mit Gerhard Schröder, Peter Hartz und Günter Grass. Beeindruckt war sie aber vor allem von ganz normalen Menschen, die für das einstehen, woran sie glauben. In dem Buch „Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt“ hat Julia Friedrichs ihre Erlebnisse niedergeschrieben.  

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Illustration: Julia Schubert


jetzt.de: Julia, du befasst dich schon seit längerem mit Werten der Gesellschaft. Du hast dich zum Beispiel zu Recherchezwecken bei McKinsey beworben, um dann deinen Werten zu folgen und die 67.000 Euro im Jahr auszuschlagen. Hast du persönlich also doch noch Ideale?
Julia Friedrichs: Ich würde sagen, dass ich beruflich immer Ideale hatte. Ich habe versucht, nie Sachen zu machen, hinter denen ich nicht stehe. Aber ich finde es ein bisschen bequem, sich nur auf den Beruf zurückzuziehen. Journalisten sagen ja ganz gerne, wir haben so einen weltbewegenden Beruf als vierte Gewalt im Staat, das war’s dann. Darüber hinaus hätte ich mich nie als Idealistin bezeichnet. Ich habe bei vielem ein großes Unbehagen gespürt. Ich habe gedacht, das geht so nicht. Es hatte aber keinerlei Konsequenz für mein Handeln. Ich habe ganz viele Sachen gemacht, von denen ich wusste, dass sie eigentlich das Gegenteil von dem bewirken, was ich will. Ich hab sie aber trotzdem gemacht.

Kannst du da Beispiele nennen?
Ich war zum Beispiel als Schülerin sehr oft demonstrieren. Seit ich erwachsen bin, bin ich nie wieder auf Demonstrationen gegangen, obwohl ich es wichtig finde, dass Leute ihre Meinung kundtun. Ich finde es eigentlich wichtig, zu spenden und sich ehrenamtlich zu engagieren. Beides habe ich nie gemacht. Das waren drei Beispiele. Von denen gibt es aber eine riesenlange Liste. So Sätze, die mit „eigentlich müsste man“ anfangen. Eigentlich müsste man spenden, demonstrieren, die Welt verändern. Eigentlich müsste man sich auch ganz anders benehmen, keine Wegwerfprodukte kaufen. Ich bin zum Beispiel extrem schlecht darin, mit Nahrungsmitteln vernünftig umzugehen. Ich werfe immer ganz viel weg, weil ich es nicht gebacken kriege, die Sachen zu essen, bevor sie vergammelt sind.

Und warum hast du gerade im vergangenen Jahr angefangen, dich so intensiv mit Idealen zu beschäftigen und ein ganzes Buch darüber zu schreiben?
In die Beschäftigung mit dem Thema wurde mein Sohn hineingeboren. Ich hätte nie gedacht, dass das mein Denken so sehr beeinflusst. Aber ich hatte plötzlich das Gefühl, mit diesen Widersprüchen im Kopf nicht mehr länger leben zu können, mit diesem „eigentlich müsste man“. Ich dachte plötzlich, die Schuld, die ich da auf mich lade, ist jetzt zu groß, weil die Verantwortung, die ich jetzt trage, so viel größer ist. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich für einen längeren Zeitraum verantwortlich bin. Das war so ein ganz komischer Gedanke, dass ich die Welt nicht mehr nur bis vielleicht 2050 beeinträchtige, wenn ich selber sterbe. Ich habe zum Beispiel Klimastudien gelesen. Wenn wir nichts tun, hat die Atmosphäre im Jahr 2100 die Qualität eines U-Boots. Wenn mein Sohn das Durchschnittsalter seiner Generation erreicht, würde er das noch mitbekommen. Das war ein Gedanke, der sich festgepflanzt hat. Ich dachte, es kann nicht sein, dass ich das Kind in die Welt gesetzt hab und zuschaue, wie sich die Welt zu einem U-Boot entwickelt.

Früher hattest du Vorbilder wie Jan Ullrich oder Gerhard Schröder. Mit der Zeit sind dir deine Vorbilder abhanden gekommen, weil diese Menschen ihre eigenen Ideale verraten haben. Hast du während deiner Recherche neue Vorbilder gefunden?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe Leute gefunden, die mich sehr, sehr beeindruckt haben. Bei den Prominenten war das Günter Grass. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich hab gedacht, der wäre eher so ein oberlehrerhafter Stiesel. Das Gespräch mit ihm hat mich aber sehr geprägt. Er hat gesagt, ihr habt es schwer als junge Generation, der wirtschaftliche Druck ist enorm, aber ihr könnt euch nicht aus der Verantwortung stehlen. Gleichzeitig hat er aber auch gesagt, ihr braucht nicht den großen Wurf zu machen, ihr könnt das in kleinen Schritten machen. Richtet euch nach einer Schnecke aus – die kommt nur ganz langsam voran, aber sie kommt voran. Das war so ein Plädoyer für einen Idealismus der kleinen Schritte. Das hat mich sehr beeindruckt.

Und bei den nicht Prominenten?
Ich hab zum Beispiel eine Ärztin getroffen, die Schönheitschirurgie gelernt hat. Die ist jetzt Anfang 30 und könnte eine eigene Praxis haben. Sie könnte Brüste vergrößern, Falten straffen und richtig viel Geld verdienen. Macht sie aber nicht. Sie steht teilweise bis zu 60 Stunden die Woche im OP in einer großen Unfallklinik und operiert Verbrennungsopfer. Sie hat teilweise nicht mal Zeit, Mittag zu essen. Ich hab mir diese OPs angeguckt und hab’s nicht ausgehalten. Mir war schlecht, ich war nassgeschwitzt, als ich das gesehen hab. Aber sie hat einfach gesagt, als Ärztin ist es ihre Aufgabe zu helfen. Es geht nicht darum, Brüste zu vergrößern und Geld zu verdienen. Das fand ich beeindruckend, dass das jemand so ganz klar und schlicht sagt.

War es schwer, „normale“ Menschen mit Idealen zu finden?
Es war gar nicht so einfach, dass da Leute aufgestanden sind. Viele schämen sich. Das liegt, glaube ich, daran, dass der Gutmensch zu einem Schimpfwort geworden ist. Keiner will ein Gutmensch sein. Eine Kindergärtnerin wollte zum Beispiel nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden, weil sie gesagt hat, wenn man mehr macht als alle anderen, ist man leicht ein Querschläger und alle sind genervt von einem.

Glaubst du, dass es eine Bewegung geben kann, die das Ruder dieser pragmatischen Generation noch einmal rumreißt?
Ich glaube, dass gerade wir Mittelschicht-Kinder – die in den Beruf starten, sich unglaublich viele Sorgen machen und immer dazugehören wollen – dass wir noch einen Spielraum haben. Jetzt wäre da noch Platz, mal aufzustehen und zu sagen: Nein, wir machen nicht alles mit! Aber ich hab bei vielen, die diesen Idealismus sehr konsequent leben, gesehen, dass das doch sehr einsam macht. Man steht schnell am Rand. Ich glaube, das ist leider so ein bisschen der Haken an der Sache. Ideale sind wichtig, finde ich, aber es gibt einen ganz schmalen Grat zur Ideologie, wo man verbohrt ist und dann auch von niemandem mehr was annehmen will.

Was ist dann dein Resümee nach einem Jahr Suche nach Idealen? Was zählt wirklich im Leben?
Ich glaube, es zählt wirklich, Verantwortung zu übernehmen. Man kann sich nicht davonstehlen und immer sagen: Ich weiß, eigentlich müsste es anders sein, ich tu es aber trotzdem nicht. Meine Lösung war, dass ich jetzt permanent Listen schreibe mit so Mini-Weltverbesserungsmaßnahmen. Die wirken teilweise sehr klein und teilweise auch unzureichend. Das sind aber genau die Sachen, von denen ich zu Beginn immer dachte, das müsste man eigentlich machen. Und ich hab gemerkt, dass man sich das zur Gewohnheit machen kann. Mir kommt es jetzt eher komisch vor, wenn ich nicht auf eine Demo gehe. Vorher war es für mich abwegig, dorthin zu gehen. Ich weiß, dass das die Welt jetzt nicht verändern wird. Aber wenn das alle machen, bringt’s vielleicht doch was.  

Abgesehen vom Demonstrieren: Was steht auf deinen Listen und was hast du davon schon umgesetzt?
Dass ich das, was ich an Kirchensteuer spare, weil ich nicht in der Kirche bin, spenden will. Das habe ich gemacht. Dann steht drauf, dass ich kein Fleisch mehr aus Massentierhaltung essen will. Das habe ich zu 80 Prozent geschafft, ich esse jetzt vielleicht noch 20 Prozent der Fleischmengen, die ich vorher gegessen hab. Dann steht drauf, dass ich darauf achten will, wie viel die Leute in den Läden verdienen, in denen ich einkaufe. Ich habe angefangen, die Geschäfte, bei denen ich einkaufe, zu fragen, wie viel sie zahlen. Da habe ich noch nicht alle Läden durch, aber das läuft auch. Ich hab geschaut, auf welchen Konten mein Geld liegt. Ich hab es jetzt zu einer genossenschaftlichen Bank und zur Umweltbank gebracht, weil ich da weiß oder hoffe zu wissen, was die mit dem Geld machen.

Für welche Ideale stehst du also heute – mit 31 Jahren, als junge Mutter und freie Journalistin?
Mir ist Gerechtigkeit sehr wichtig, Solidarität und Zusammenhalt. Und ein großer Wunsch wäre, dass wir es schaffen, eine Abkehr von diesem Leistungs- und Effizienzwahn zu schaffen. Jeder versucht immer besser zu funktionieren, ohne sich wirklich Gedanken zu machen, wozu er das eigentlich tut. Vielleicht wäre der Wert, der das am besten umschreibt, Aufmüpfigkeit oder Ungehorsam oder eben aufzuhören zu funktionieren.  

Julia Friedrichs’ Buch „Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt“ ist beim Verlag Hoffmann und Campe erschienen und kostet 19,99 Euro.

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Illustration: Julia Schubert




Text: dorothee-klee - Foto: Gerrit Hahn; Buch: Hoffmann und Campe

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