Neue Ideen für neue Musik

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Jonathan Coulton ist ein 34-jähriger Musiker ohne Plattenvertrag. Doch Jonathan Coulton ist ein Mann mit Ideen – auf seiner Webseite jonathancoulton.com präsentiert er ungewöhnliche Wege, seine Musik bekannt zu machen. Zum Beispiel hat er unlängst das weltweit erste Video erstellt, das nur aus Bildern der Fotocommunity flickr.com besteht. Warum gibt es die Seite jonathancoulton.com? Ich spiele nicht so oft live und habe leider auch kein Platten-Label, deshalb ist die Webseite für mich eine einfache und günstige Möglichkeit, meine Musik bekannter zu machen. Aber mir gefällt auch der Austausch mit Leuten, die auf meine Seite kommen. Wenn ich einen Song hier reinstelle, kann ich sofort sagen, ob er gut ist oder nicht. Wenn er gut ist, kriege ich eine Menge Feedback, wenn nicht, schreibt keiner. Was ist dein Ziel: reich und berühmt werden?
Es geht mir nicht um Ruhm, es würde mir schon reichen, wenn ich von dem leben könnte, was ich gut kann: eben Musik zu machen. Das gelingt allerdings wohl nur, wenn man berühmt ist. Durchs Internet ist es aber möglich, viele Leute zu erreichen, ohne dass man in traditionellen Medien wie dem Radio oder Fernsehen auftritt. Immer mehr Künstler werden auf diesem Weg ihre Musik bekannt machen – auch wenn sie keinen Plattenvertrag haben. Wobei ich zugeben muss, dass ich noch nicht soweit bin: Das, was ich mit meiner Musik verdiene, reicht noch nicht zum Leben – aber ich komme jeden Tag näher ran. Du bist der erste Musiker, der ein Video aus Bildern der Fotocommunity-Flickr gebaut hat. Wie bist du auf die Idee gekommen? Ich habe einen Werbespot im Fernsehen gesehen - ich glaube er war für Walmart - , bei dem Bilder in Zeitlupe gezeigt wurden und gefühlvolle Musik drüber gelegt wurde – eine Flagge im Wind, ein laufendes Kind mit einem Ballon etc. Als ich diesen Spot sah, habe ich mich gefragt, warum die Kombination von Bildern und Musik so stark ist und wollte ausprobieren, wie es ist, wenn die Bilder eigentlich keine Verbindung zueinander haben. Das war vor zwei Jahren, lange bevor es Flickr überhaupt gab. Damals wollte ich eigentlich Agenturbilder benutzen, die waren aber zu teuer. Und dann bist du auf Flickr gekommen. Hast du die Fotografen dort gefragt, bevor du ihre Bilder verwendet hast? Das musste ich nicht. Die Bilder stehen alle unter der so genannten Creative Commons License. Das heißt, man darf sie für nicht-kommerzielle Zwecke verwenden. Und ich finde das ist eine wunderbare Idee: wie aus diesen Bildern von fremden Menschen jetzt was ganz Neues entsteht. Ohne diese Creative-Commons-License wäre mein Video entweder illegal oder wahnsinnig teuer geworden. Hast Du Reaktionen auf das Video bekommen? Ja, es melden sich etliche Leute. Die meisten finden die Idee lustig, es gibt aber auch einige, die sagen, dass sie das Video tatsächlich bewegt hat. Haben sich auch Leute gemeldet, deren Fotos du benutzt hast? Ein paar. Sie waren überrascht, was aus ihren Fotos wurde. Es hat ihnen aber gefallen. Welche Reaktion hat dich am meisten gefreut? Richtig stolz war ich, als Lawrence Lessig, der Erfinder von Creative Commons, in seinem Blog über das Video geschrieben hat. Er nannte den Clip eines der besten Beispiele dafür, was dieses neue Urherberrecht möglich macht.

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Illustration: Julia Schubert

Eine andere Idee deiner Seite ist, dass du jede Woche einen neuen Song schreibst und ihn ins Internet stellst. Das willst du machen, bis jemand anfängt, dich dafür zu bezahlen. Hat sich schon wer gemeldet? Ich habe noch keinen Vertrag oder so. Aber mit dieser Idee will ich natürlich auf meine Musik aufmerksam machen. Außerdem ist es eine gute Übung: Jede Woche eine Idee für einen Song zu haben, ist eine echte Herausforderung. Ich habe dabei auch schon eine Menge gelernt. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass ein Lied von mir, das ich selber langweilig fand, durchaus für andere Menschen eine Bedeutung haben kann. Ich glaube, dass der Prozess des Musikmachens erst dann beendet ist, wenn auch tatsächlich jemand den Song anhört. Was hast du als nächstes vor? Ich werde die Leute, die meinen Blog lesen noch stärker einbinden. Letztens habe ich einen Song gepostet, dem noch ein Gitarren-Solo fehlte. Ich habe die Leser aufgefordert, selber Soli einzuschicken und dann darüber abzustimmen, welches am besten zu dem Song passte. Welcher Song war das? Er heißt Shop Vac – und wir haben tatsächlich auf diesem Weg ein Solo gefunden. Das ist super. In die Richtung möchte ich noch viel mehr machen. Ich werde demnächst einzelne Tracks von mir veröffentlichen, damit andere Internetuser sie remixen oder covern können. Das ist alles Teil des Creative Commons-Konzepts – dass Musik und Kunst ein Open-Source-Projekt sein können und dass sie andere Menschen zu neuer Kunst inspirieren. Das Flickr-Video kann man hier (Quicktime) anschauen.

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