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"Die offenen Leute ziehen vom Land in die Stadt - und werden da noch offener."

jetzt.de: Frau Bleidorn, Sie wohnen im niederländischen Tilburg. Was sagt das über Ihre Persönlichkeit aus?
Wiebke Bleidorn: Unsere Studie legt nahe, dass Menschen in dicht besiedelten Gebieten wie der Londoner Innenstadt besonders extrovertiert sind. Ich hätte dann wohl eine konventionelle, aber verträgliche Persönlichkeit. Solche Menschen fühlen sich eher in urbanen Randgebieten wohl.

Für die Studie haben Sie mehr als 600.000 Menschen in ganz Großbritannien befragt...
...genauer gesagt, hat die BBC diese Menschen dazu gebracht, einen detaillierten Persönlichkeitstest zu machen. Dabei messen wir die Emotionalität, die Offenheit, die Extraversion, also die Geselligkeit, die  Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Am Ende wurden die Teilnehmer nach ihrer Postleitzahl gefragt.

Sie konnten also die Persönlichkeit der Menschen ihrer Wohngegend zuordnen.
Genau, wir wollten wissen: Sieht man eine Häufung unterschiedlicher Persönlichkeitstypen in verschiedenen Gegenden und Stadtvierteln? Und wie hängt das mit der Zufriedenheit der Menschen zusammen?

Und?
Menschen, die besonders offen - aber auch besonders neurotisch - sind, wohnen gehäuft in Innenstadtvierteln.

Was meinen Sie mit „offen“?
Jemand mit einer offenen Persönlichkeit liebt neue Erfahrungen. Er wählt im Restaurant das, was er nicht kennt. Die Neugier überwiegt die Angst vor Enttäuschungen. Diese Menschen haben oft ein großes Bedürfnis nach Kunst, Konzerten, neuen Ideen. In der Vorstadt oder auf dem Land sind diese Menschen schnell unzufrieden.

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Wiebke Bleidorn, 32, ist Professorin an der Tilburg Universität in den Niederlanden.

Weil die Leute dort eher verschlossen sind?
Zumindest weniger offen. Menschen auf dem Land sind konventioneller, dafür aber deutlich gewissenhafter und sozial verträglicher. Sie haben ein höheres Bedürfnis nach Harmonie und sind seltener neurotisch. Sie sind am Stadtrand genauso glücklich wie die Extrovertierten im Stadtzentrum.
 
Weltoffene Neurotiker in der Innenstadt, zuverlässige Langweiler in der Vorstadt: Klingt ganz schon klischeehaft.
Stimmt, die Studie bestätigt bestimmte Stereotype. Aber natürlich gibt es auch individuelle Unterschiede. Zum Beispiel würde ich selbst eher nicht in Tilburg leben, wenn ich es mir aussuchen könnte. Aber mein Beruf hat mich hierher gebracht. Es entscheidet also nicht nur unser Charakter, wo wir wohnen.

Sie sind Psychologin. Was macht der Kosmos Innenstadt psychologisch mit Menschen?
Es gibt unterschiedliche Kategorien, die für das Wohlbefinden wichtig sind. Die Menge der Menschen, die Populationsdichte. Manche können mit der Unordnung und der gewissen Unsicherheit in einem Viertel wie Neukölln gut umgehen. Wer hingegen ein starkes Bedürfnis nach Ordnung und Struktur hat, fühlt sich da unter Umständen unwohl. Den nervt es, wenn an jeder Hauswand Graffiti ist und zu jeder Tageszeit fremde Menschen um ihn sind.


"Man wird infiziert von den Möglichkeiten der Großstadt"


Ziehen die Stadtzentren die extrovertierten Leute an? Oder machen sie Leute extrovertiert?
Was Ursache ist und was Wirkung untersuchen wir gerade näher. Wir vermuten drei Mechanismen: Erstens die Selektion. Menschen suchen sich bewusst Viertel aus, die ihren Interessen entsprechen. Die offenen, neurotischeren ziehen also vom Land in die Stadt...

...und die konventionelleren von der Stadt aufs Land.
Richtig, wir nennen das Push- und Pull-Effekt. Zweitens ist da die Sozialisation: Der Wohnort macht die Leute tatsächlich offener. Sie werden sozusagen infiziert von der Möglichkeit, jeden Abend ein neues exotisches Restaurant ausprobieren zu können. Der dritte Mechanismus kombiniert beides: Die extrovertierten Leute ziehen in urbane Gegenden, fühlen sich da wohl und werden dadurch noch offener.

Welche Rolle spielt das Alter?
Die Studie hat das Alter nicht berücksichtigt. Aber ich gehe stark davon aus, dass das Alter sehr viel mit der Zufriedenheit in verschiedenen Umgebungen zu tun hat. Wir wissen zum Beispiel: Ältere Leute wohnen eher selten in richtig urbanen Vierteln. Man braucht für bestimmte Wohnlagen bestimmte Ressourcen.

Was meinen Sie damit?
Der „Pace of life“, also die Geschwindigkeit in manchen Gegenden, ist für alte Menschen schwer zu bewältigen. In Manhattan zum Beispiel sehe ich auf der Straße kaum alte Leute. In Florida dafür sehr viele.

Wenn sich ein Innenstadt-Typ später im Leben für die ruhige Vorstadt entscheidet – wird er dadurch auch weniger offen?
Wir wissen, dass Menschen mit zunehmendem Alter weniger offen werden. Dann bevorzugen sie auch andere Wohnorte. Aber auch die Lebenszufriedenheit ändert sich: Sie nimmt in der Regel stetig zu. Erst im hohen Alter, wenn die Gesundheit schwächer wird, nimmt die Zufriedenheit wieder ab.

Welchen Einfluss hat die Gentrifizierung?
Um das zu untersuchen, müssten wir eine große Gruppe an Menschen mehrmals im Abstand von ein paar Jahren befragen. Machen wir vielleicht in der Zukunft. Wo in München wohnen Sie denn, in Schwabing?

"Die Leute bleiben nicht ewig hip und cool. Und umgekehrt wimmelt es in Prenzlauer Berg in zehn Jahren von Mofas."


Gärtnerplatzviertel. War in den 80ern ein Schwulenviertel, dann hipper Kneipenkiez. Heute wohnen junge Familien da. Sind die Extrovertierten abgewandert?
Nicht unbedingt! Sehen Sie, das ist ganz normal: Die Leute bleiben ja nicht ihr ganzes Leben lang hip und cool. Sie werden älter und bekommen Kinder. Das muss nicht unbedingt der Effekt der Gentrifizierung sein.

Mein Viertel wird also einfach alt.
Könnte sein. Ich frage mich übrigens auch oft, wie der Prenzlauer Berg, der ja jetzt oft als Familien-Getto verspottet wird, in zehn Jahren aussehen wird. Wenn die ganzen Kinder von heute Teenager sind. Dann wimmelt es da von Mofas und plötzlich wirkt es wieder total jung!

Gilt das Ergebnis Ihrer Studie eigentlich auch für andere Länder?
Wir müssten das noch mit Stichproben in anderen Ländern nachweisen – aber ich gehe davon aus, dass es in allen europäischen Großstädten ganz ähnlich ist.

Wenn man von Offenheit und Extroveriertheit spricht - gibt es denn Unterschiede zwischen den Städten? Stichwort Berlin – München?
Wir haben das in den USA untersucht. Da ergaben die Studien, dass die Leute in New York am neurotischsten sind - genauer gesagt in Williamsburg, Brooklyn. Und in San Francisco am entspanntesten und unzuverlässigsten. Da haben sich auch die Stereotype bestätigt. Übrigens ziehe ich bald von Tilburg nach San Francisco, das fühlt sich ganz gut an. (Lacht)

Ist es denn Veranlagung, ob mich meine Persönlichkeit eher in die Großstadt treibt, oder kann ich das steuern?
Die Persönlichkeit hat einen großen genetischen Anteil. Aber wir werden auch zu denen, die wir sind, wegen der Dinge, die wir erleben. Natürlich kann man sich vornehmen, gewissenhafter zu werden oder neugieriger. Aber ganz können wir nie aus unserer eigenen Haut. Irgendwo gibt es Grenzen, die nicht so leicht zu überwinden sind.

Text: jan-stremmel - Fotos: photocase / a_sto / busdriverjens