"Niemand säuft sich absichtlich ins Koma": Marius hat ein Buch über die trinkende Jugend geschrieben

Als sein Roman „Die lange Straße“ erschienen war, erlebte Marius Meinhof etwas Seltsames: Politiker riefen ihn an und wollten reden. Das Buch, in einer räudigen Sprache geschrieben und einem kleinen Verlag nahe seiner Heimat erlangen erschienen, beschreibt zwei Wochen im Leben von Chris, der unter der Woche in die Schule geht und am Wochenende zum Saufen. Am liebsten Tüten, wie Chris die Mischungen aus Wodka und Orangensaft nennt, die er sich vor dem örtlichen Supermarkt zurecht macht. Seitdem hat Marius, 24, erlebt, wie es ist, plötzlich Kronzeuge für das Thema Jugend und Alkohol zu sein. Mit jetzt.de sprach er über das rechte Maß beim Saufen, die Angst der Erwachsenen vor Komasäufern – und Bier bei Podiumsdiskussionen.
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Illustration: Julia Schubert

Marius Meinhof Bild: privat Saufen, saufen, saufen – davon handelt dein Buch. Warum hast es geschrieben? Ich bin kein Spezialist für Jugendbücher, aber ich kenne schon „Crazy“ oder „Der Fänger im Roggen“. Ich habe mir oft gedacht: Meine Jugend war vollkommen anders als das, was da beschrieben wird. Deshalb kam ich auf die Idee, ein Buch zu schreiben, dass mal authentisch beschreibt, was Jugendliche machen. Oder besser: eine bestimmte Art von Jugendlichen. Welche? Mein Buch beschreibt eine Art von Jugendlichen, die vorm Supermarkt herumsitzen, dort billigen Alkohol kaufen und trinken – die, die jetzt oft in der Presse gleichgesetzt werden mit Koma-Säufern. Die Charaktere deines Buches trinken eigentlich die ganze Zeit. Gerade hat die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing beklagt, dass sich junge Menschen immer häufiger betrinken – hast du da ein Generationenbuch geschrieben? Ich glaube, das ist zumindest der Grund, warum mein Buch – zumindest lokal, da wo ich wohne – so erstaunlich erfolgreich war: Weil es etwas beschreibt, was gerade im Brennpunkt der Öffentlichkeit steht – Jugendliche, die saufen. Saufende Jugendliche gab es doch schon immer. Da ich selber nicht jung war vor 30 Jahren, kann ich nicht sagen, was sich da verändert hat im Lebensgefühl. Ich kann nur sagen, dass heute Alkohol für fast jeden wie selbstverständlich dazugehört. Auch die, die keine Probleme haben, die gehen weg und trinken dann Alkohol. Vielleicht nicht unendlich viel. Aber sie trinken auf jeden Fall. Aber es heißt: Alkohol ist schlecht. Offen gestanden finde ich gerade, die Gefahr besteht darin, dass die Medien so darüber berichten, dass es rüberkommt, als ob alle Jugendliche vollkommen kranke Säufer wären. Das muss man mit Vorsicht genießen. Muss man nicht fragen: Inwieweit gehört es denn dazu, zum Erwachsen-Werden, auch mal an seine Grenzen zu stoßen, auch mal Erfahrungen mit Alkohol zu haben – und auch mal zu viel zu trinken? Es wird halt dann schlimm, wenn man sich wirklich massiv selbst schadet, weil man dauernd nur noch säuft. Konkretes Beispiel: In der Statistik, die die Bundesdrogenbeauftragte anführte, heißt es, dass sich ein Viertel von uns mindestens einmal im Monat betrinke. Ist das viel? Kommt ganz darauf, was die sich unter „betrinken“ verstehen. Ich würde aber sagen: Ein Viertel aller Jugendlichen betrinkt sich – oder sagen wir: trinkt Alkohol – einmal pro Woche. Aber wenn ich mir die Erwachsenenwelt anschaue – sicher trinkt ein Viertel aller Erwachsenen jeden Tag Alkohol. Wenigstens ein Bier. Insofern finde ich diese Zahl jetzt nicht so schockierend. Aber die Bundesdrogenbeauftragte sagt: Ein Viertel von uns betrinkt sich einmal im Monat, das ist schlimm. Ich finde es gut, dass jemand über Alkohol-Konsum bei Jugendlichen nachdenkt. Aber man muss aufpassen, dass es nicht so dargestellt wird, dass Jugendliche mit Komasäufern gleichgesetzt werden. Und das passiert. Ich kenne das von unserer Lokalzeitung: Da wird ein junger Mensch, der in der Öffentlichkeit trinkt, gleich zum Komasäufer. Was passt dir daran nicht? Also ich kenne niemand, der sich absichtlich ins Koma gesoffen hat. Aber wegen dieser Sichtweise sind dann Politiker sofort bereit, irgendwelche Gesetze zu verabschieden gegen Jugendliche, die in der Öffentlichkeit trinken, weil sie schon die Meinung im Kopf haben: Das sind alles Komasäufer. Vor kurzem gab es den Vorschlag, Jugendliche auch als Testkäufer einzusetzen, um herauszufinden, wo Jugendliche ihren Alkohol bekommen. Was hältst du davon? Ich bin nicht sicher, ob das in Ordnung ist. Aber ich bin überzeugt, dass die Leute herausfinden würden, dass die Jugendlichen überall Alkohol kriegen. Aber ich finde die Idee gar nicht so schlimm. Ich fände viel schlimmer, wenn die Jugendlichen nur noch abgeschoben würden. Wenn gesagt würde: Wir bekommen den Alkoholkonsum von Jugendlichen nur noch mit harten Strafen in den Griff. Chris, die Hauptfigur deines Buchs, trinkt am ersten Abend, den er im Roman erlebt, einen Liter Wodka-Orange, zwei Pils und fast eine halbe Flasche Apfelkorn. Ist Chris ein ganz gewöhnlicher Jugendlicher wie du und ich? Das ist schon ein heftiger Exzess. Eine halbe Flasche Wodka, eine halbe Flasche Schnaps, das ist viel. Aber ich muss bei mir in der Stadt nur zum Supermarkt gehen, an einem Freitag Abend, dann sitzen da 15-, 16-Jährige zu zweit mit ihrer Flasche Rum – und das ist vorglühen. Danach trinken die in der Kneipe noch was. Natürlich sind nicht alle so. Aber das existiert. Nachdem du dein Buch veröffentlich hattest – was waren die Folgen? Hier in meiner Heimat, in Erlangen, haben sich viele Politiker gemeldet, es gab Anfragen für Lesungen, Diskussionsrunden, Podiumsdiskussionen. Da ruft dann der Ortsvorsitzende der CSU an und sagt: Herr Meinhof, erzählen Sie uns mal was übers Saufen? Nein. Aber die für Familie zuständige Abgeordnete der CSU hier hat sich bei mir gemeldet, hat mir ein paar Pläne vorgestellt, die die Partei zu diesem Thema hat, und wollte wissen, was ich davon halte. Die FDP hat eine Podiumsdiskussion veranstaltet, bei der die ganze Stadtratsfraktion da war, zusammen mit Jugendlichen, und dann wurde sehr heftig diskutiert. Was passierte da? Es gab Auseinandersetzungen über die Frage, warum Jugendliche trinken. Ein Mädchen hatte zum Beispiel gesagt, man habe halt Angst vor der Zukunft – dann wurde ihr von einem Erwachsenen vorgeworfen, sie als Gymnasiastin habe doch gar kein Recht, Angst vor die Zukunft zu haben. Gab´s da auch alkoholische Getränke? (lacht) Ja. Es gab dann einen sehr lustigen Einwurf, als jemand sagte, dass fast alle, die über Alkohol und Jugendliche diskutierten, gleichzeitig ihr Weizen-Bier vor sich stehen hatten. Was glaubst du persönlich – warum trinken Jugendliche? Ich glaube, das hat ganz verschiedene Gründe. Sicherlich Perspektivlosigkeit, Frustration, Langweile. Und: In unserer Gesellschaft erlebt man die ganze Zeit Alkoholkonsum, bei Erwachsenen, in den Medien… Dass Alkohol süchtig macht, spielt natürlich bei manchen auch eine Rolle: Man trinkt erst ein bisschen was und dann immer mehr. In deinem Buch schreibst du: „Wer säuft, weil es ihm schmeckt, ist ein Erwachsener.“ Das ist ein typischer Satz von Jugendlichen. Das hört man oft: dass Jugendliche sagen, eigentlich finden sie Alkohol gar nicht so gut. Nur Erwachsene trinken, weil es ihnen schmeckt – Jugendliche trinken, um besoffen zu werden. Wenn du von Politikern angerufen wirst: Wie fühlt man sich denn als Kronzeuge fürs jugendliche Saufen? Es hat mich positiv überrascht, wie offen manche Politiker für dieses Buch und dieses Thema sind, vor allem von konservativen Parteien, wo ich etwas anderes erwartet hätte. Dass die nicht sagen: Polizei hin, alle fertig machen! Negativ überrascht war ich darüber, wie wenig Erwachsene teilweise über das Jung-Sein wissen. Ich habe ja keine Ahnung, wie die waren, als sie jung waren, aber was für Vorstellungen die haben…. Was für welche denn? Da gibt es Erwachsene, die sagen: Oh mein Gott, ich habe da einen 16-jährigen Jugendlichen gesehen, der hatte vier Bier bei sich! Die sind dann wirklich schlimm schockiert, als wäre das ein ganz übler Alkoholiker. Ein Lehrer hat zu mir gesagt, dass Schüler, die auf einer Schulfahrt trinken, schon abhängig sind, weil sie es nicht aushalten, auf der der Schulfahrt nichts zu trinken. Das ist natürlich lächerlich, weil viele Jugendliche nur auf Schulfahrten gehen, um dort trinken zu können. Wie siehst du das Saufen? Ich glaube, Saufen ist ein Symptom. Alkohol an sich kann nichts so Schlimmes sein – sonst wäre unsere Gesellschaft doch schon vor Jahrhunderten zerstört worden. Ich habe im Studium einen Stich aus dem 17. Jahrhundert gesehen, da stand drauf: Der Deutsche liebt den Trunk. Ich denke, dass Jugendliche so viel saufen, ist ein Symptom, dass irgendetwas nicht so gut läuft in unserer Gesellschaft. Was ist dann der richtige Umgang mit dem Thema Jugendliche und Alkohol? Der richtige Umgang wäre, zu akzeptieren, dass Saufen – in Maßen – etwas ist, das jeder mal erlebt. Jugendliche, die saufen, sind deshalb nicht verdammenswerte, kranke Alkoholiker oder Kriminelle. +++++++++ Marius Meinhofs Buch „Die lange Straße“ ist beim Burg Verlag erschienen und kostet 10,50 Euro.

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