„NSA in da house“, neben dem Schriftzug grinst ein Obama mit Baseballcap ein leicht teuflisches Grinsen, dazu eine Hand, die ein Victory-Zeichen formt – dieses Bild leuchtete am Wochenende für kurze Zeit drei Stockwerke hoch an der Wand der US-Botschaft in Berlin. Der Lichtkünstler Oliver Bienkowski wollte damit gegen die NSA protestieren. Mittlerweile ist er für ein anderes Projekt in Marokko, von wo aus er uns einige Fragen per Mail und Facebook-Chat beantwortete.

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Oliver Bienkowski (links) vor der US-Botschaft in Berlin.

jetzt.de: Am Wochenende hast du ein Bild von Obama  an die US-Botschaft in Berlin projiziert. Was sollte die Aktion bezwecken?
Oliver Bienkowski: Wir wollen damit auf den Überwachungsskandal hinweisen. Seit einem Jahr schwebt er wie ein Damoklesschwert über Deutschland. Dieser Skandal erschüttert die deutsche Demokratie und das Grundgesetz in extremem Maß. Er höhlt die Freiheit aller Bürger aus, macht Deutschland damit zum Vasallenstaat der USA. Das Briefgeheimnis gilt nicht mehr. Ob Nordkorea am Pariser Platz sitzt oder die amerikanische Botschaft macht keinen Unterschied, beides sind aus meiner Sicht Schurkenstaaten, da hier massiv im Inland und Ausland gegen bestehende Verträge verstoßen wurde. Da die Amerikaner den Internationalen Gerichtshof für Menschrechte in DenHaag nicht anerkennen und weiterhin mit Geheimgerichten Menschen weltweit mit Drohnen bedrohen und töten, hängt bei mir zu Hause in der Küche als schlechtes Beispiel ein Bild von Kim Jong Un aus Nordkorea neben dem von Obama.  

Jetzt hast du Obama mit einem Baseballcap und HipHop-Slang dargestellt – warum hast du dieses Bild gewählt?
Wir denken, dass sich ein Mem oder eine Aussage nur verbreitet, wenn es treffend und humorvoll ist. Wir haben einfach auf Basis der bekannten ein Motiv gewählt. Die Musikvideos haben über 10 Millionen aufrufe bei Youtube. Vielleicht greift ein Musiker unseren Spruch auf und macht dazu ein “NSA in da House“-Musikvideo.

https://www.youtube.com/watch?v=K866FXjjvdo

In dem Video von deiner Aktion tauchen relativ schnell Polizisten auf. Wie lange hat es gedauert, bis die da waren?
Ich glaube, die Polizei war nach drei Minuten da. Eine halbe Minute später haben wir die Lichtprojektion ausgemacht.

Im Umgang mit den Polizisten wirkst du sehr gelassen. Du bist solche Situationen schon gewohnt, oder?
Es war unsere siebte Projektion auf die US-Botschaft in Berlin, da ist es sicher Routine. Aber ich möchte betonen, dass es eine Lichtkunstkarikatur ist. Jeden Tag werden in allen deutschen Zeitungen Karikaturen abgedruckt - auch zum NSA Skandal. Unsere Lichtkunst-Karikatur ist somit einer Zeitungskarikatur gleichzusetzen. Eine künstlerische Aussage.

Ist das, was du machst, also Kunst oder politischer Aktivismus?
Ich bin Lichtkünstler, kein Politiker. Gemeinsam mit der Crowd, den zweitausend Facebook-Freunden, definieren wir eine künstlerische Aussage. Politik interessiert mich gar nicht. Der Überwachungsskandal ist einfach ein Zeichen, dass irgendwas hier falsch läuft. Die politischen Aktivitäten überlasse ich lieber professionellen Politikern.

Vor einem Jahr hast du den Schriftzug „United States of Stasi“ an die US-Botschaft geworfen. Hatte das rechtliche Konsequenzen?
Nein, die Strafanzeige ist von der Staatsanwaltschaft wegen der in Deutschland geltenden Kunstfreiheit fallen gelassen worden.      

Warum nutzt du Lichtprojektionen als Ausdrucksmittel?
Weil sie irgendwie immer um die Welt gehen und wir dadurch Themen wie den Überwachungsskandal ab und an wieder in die Presse heben. Bilder sprechen eine internationale Sprache.  

Graffiti sind auch Bilder. Was sind deiner Meinung nach die Vor- beziehungsweise die Nachteile von Lichtprojektionen?
Als Lichtkunstkarikatur ist es eine Kunstaktion. Der Vorteil ist: Licht macht nichts kaputt, Licht muss nur drei Sekunden leuchten, bis ein DPA-Fotograf ein Foto gemacht hat. Mit einem zügigen Aktionsabbau halten wir den Stressfaktor vor Ort so gering wie möglich. Wir wollen ja niemandem schaden.  

In deinem Video sieht man nach etwa drei Minuten einen Kombi auf der anderen Straßenseite vorfahren. Es steigen Leute aus und nähern sich der Polizei. Ihr legt im Video nahe, dass das CIA- oder NSA-Leute waren. Das ist nicht ernst gemeint, oder?
Wir haben zwei Kollegen vor der Botschaft und hinter der Botschaft positioniert. Wir konnten klar erkennen, dass der Kombi direkt von dort zu unserem Standort gekommen ist. Wir haben mit mehreren Kameras gefilmt und ein Richtmikrofon im Holocaust-Mahnmal positioniert, es hat die amerikanische Sprache am Auto aufgenommen.  

Du bist kurz nach der Aktion nach Marokko geflogen. Haben dich denn da auch Agenten begleitet?
Nein, ich denke schon, dass die was Besseres zu tun haben. Und wir sind nun so beschäftigt in Marokko, dass sich die Amerikaner beruhigt entspannen können.

Du bist mit dem Verein Pixelhelper e. V. in Marrakesch. Was hat es damit auf sich?
Pixelhelper ist die weltweit erste humanitäre Echtzeit-Hilfsplattform. Die Idee eines Social Network of Humanity - also einem Sozialen Netzwerk der humanitären Hilfe – geht von Folgendem aus: Ein Online-Helfer in einem reichen Industrieland zahlt bei uns für die Verteilung der gewählten Produkte. Wir haben in Zukunft mehrere Kategorien: Nahrung, Kleidung, Medizin, Luxusgüter , Bildung , Technologie. Wir nutzen die aktuellen technischen Möglichkeiten bis zur Grenze aus. Wenn ein Online-Helfer zum Beispiel zehn Fußbälle kauft bei uns, bekommt er von zehn beschenkten Personen ein Selfie mit seinem Namen auf einer Kreidetafel. Im Moment der Übergabe bekommt der Online-Helfer die Möglichkeit, in Zukunft über unser Social Network of Humanity direkt mit der beschenkten Person in Kontakt zu treten. Diese Woche beginnt unser Livestream aus Marrakesch. Wir broadcasten direkt aus der Einsatzzentrale, dem Warenlager und aus den Verteilorten mit mobilen Video-Übertragungsrucksäcken. Ihr könnt uns damit den ganzen Tag live mit Verteilaufträgen auslasten, jeden Tag ab 18 Uhr fahren wir raus und verteilen die Hilfsgüter. Das Ganze ist ein humanitäres Echtzeit-Browserspiel.  

Ist das wirklich ernst gemeint oder ist das eine Satire-Aktion? Du hast ja schon mal Interviews als Chef einer gefaketen Shitstorm-Agentur gegeben, die angeblich Obdachlose falsche Likes generieren lässt – was sich ähnlich abgedreht anhört wie die Idee, per Computerspiel in armen Ländern und Krisenregionen Helfer steuern zu lassen…
Wir sind hier in Marrakesch mit neun Leuten vor Ort. Wir alle sind hier für die nächsten Jahre beschäftigt. Wir haben uns in den vergangenen Jahren Gedanken gemacht und überlegt, wie man Armut besiegen kann. Wir sehen uns nicht als “Rotes Kreuz” oder “Ärzte ohne Grenzen”. Wir haben die Idee der humanitären Hilfe auf den Kopf gedreht. Der Kapitalismus ist der Grund für die Armut auf dieser Welt. Nur indem seine eigenen Prinzipien zu deren Bekämpfung gegen ihn eingesetzt werden, kann eine nachhaltige Lösung dieses Problems erst möglich gemacht werden.  

Wie funktioniert das Pixelhelper-System denn genau?
Wir gründen in absehbarer Zeit in Marokko eine kommerzielle Aktiengesellschaft, die von unseren Online-Helfern finanziert wird. Diese AG expandiert von Marokko aus in alle Krisengebiete und wird jedes Krisengebiet für unsere Online-Helfer als Level in das Browsergame schalten. Wir denken, dass eine humanitäre Aktiengesellschaft mit kommerzieller Ausrichtung die perfekte Ergänzung zum klassischen gemeinnützigen Hilfssystem werden kann. Durch unsere Expansion holen wir den Umsatz nach Marokko und fördern hier die lokale Wirtschaft.  

Du bist jetzt ein Jahr in Marokko. Wird es so lange also keine Lichtprojektionen an der US-Botschaft geben?
Nein, ich plane keine weiteren Lichtprojektionen an die US Botschaft.