Oberhalb der Unterwelt

Seit über dreißig Jahren drücken die beiden Dance-Urgesteine Karl Hyde und Rick Smith der weltweiten Elektronik-Szene nun schon ihren Stempel auf. Grund genug, die Höhen und Tiefen ihrer Karriere Revue passieren zu lassen.
daniel-schieferdecker
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Ihr habt Ende der 70er Jahre bereits mit dem Musikmachen angefangen. Hattet ihr damals bereits den Anspruch, Popstars werden zu wollen? Karl Hyde: Nein, am Anfang nicht. Zu meiner ersten Band bin ich eher zufällig gekommen. Ich hatte eine Gitarre, und ein paar ältere Jungs haben mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei ihnen mitzuspielen. Ich war damals auf einer Kunsthochschule und blieb solange in dieser Band, bis ich die Schule irgendwann verlassen habe. Von da an habe ich mich dann voll und ganz auf die Musik konzentriert, denn ich hatte das Gefühl, dass bildende Kunst die Leute bloß noch eingeschüchtert, aber nicht mehr erreicht. Musik hingegen konnten die Leute greifen, die hat sie berührt. Vor Kunstgalerien hatten die Leute Angst, aber nicht vor dem Radio. Das war meine Motivation. Hat sich diese Motivation denn über die Jahre verändert? Hast du an eurem neuen Album „Barking“ aus anderen Gründen gearbeitet? Meine Motivation hat sich während der 80er-Jahre verändert. Damals ging es mir vor allem darum, nicht jeden Tag in eine Fabrik gehen, um dort meinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Das wäre das Schlimmste für mich gewesen. Deshalb haben wir stattdessen versucht, ein paar Hits zu landen und Popstars zu werden – vorerst allerdings ohne Erfolg (lacht). Du sprichst es gerade an: In deinen ersten zehn Jahren als Musiker lief es alles andere als berauschend. Hast du in dieser Zeit jemals ans Aufhören gedacht? Nein, auch wenn es manchmal schon sehr hart und demoralisierend war. Wir hatten so oft das Gefühl, dem Durchbruch nahe zu sein, und sind jedes Mal wieder enttäuscht worden. Sämtliche Wege haben ins Nichts geführt. Damals ist wirklich viel schief gelaufen, bis wir irgendwann gemerkt haben, dass wir uns nicht zu sehr auf den Erfolg versteifen dürfen, sondern vor allem ehrlich an unsere Musik herangehen müssen. Ihr seid am Anfang also weniger eurem Herzen gefolgt als dem Willen, mit eurer Musik erfolgreich zu werden? Ja, genau. Wir sind damals vor allem hinter dem Geld hergewesen und haben deshalb viele falsche Entscheidungen getroffen. Damals wollte uns auch zuerst keine Plattenfirma signen, bis die ersten DJs irgendwann anfingen, in den Clubs unsere Songs zu spielen. Plötzlich waren dann auch die Labels interessiert, wollten uns jedoch nach ihren eigenen kommerziellen Vorstellungen formen. Doch die Vergangenheit hatte uns mittlerweile gelehrt, dass diese Herangehensweise ins Leere führt. Insofern hatte die harte Schule, durch die wir gegangen sind, letztlich doch noch ihr Gutes. Euer großer Erfolg setzte dann 1996 durch den Song „Born Slippy“ ein, der in Danny Boyles Film „Trainspotting“ zu hören war. Ist das aus heutiger Sicht nur ein Segen gewesen oder auch ein Fluch, weil ihr immer noch in jedem Interview darauf angesprochen werdet? Nein, der Track ist niemals ein Fluch gewesen. Wir sind unendlich froh darüber, einen solchen Song geschrieben zu haben, der so lange Bestand hat und den Leuten auch nach all den Jahren noch so viel bedeutet. Das hätten wir damals selbst in unseren wildesten Träumen nicht für möglich gehalten. Außerdem hat uns „Born Slippy“ natürlich viele Türen geöffnet und unsere Karrieren vorangetrieben. Die Magie dieses Stücks resultiert jedoch vor allem aus der Kombination von Musik und Film, die etwas wirklich Einzigartiges erschaffen hat. Vor drei Jahren habt ihr erneut mit Danny Boyle für seinen Film „Sunshine“ zusammengearbeitet. Auf eurer neuen Platte gibt es zudem ein Stück namens „Always Loved A Film“. Diese visuelle Komponente scheint demnach eine wichtige Rolle innerhalb eurer Musik zu spielen. Absolut. Auch wenn es sehr viel schwieriger ist an Soundtracks zu arbeiten als an seinen eigenen Alben, stellt es immer auch eine immense Herausforderung dar. Denn man darf nie das große Ganze aus den Augen verlieren, wenn durch Bilder zusätzliche Informationen zu deiner Musik übermittelt werden. Der Film gibt schließlich schon eine Richtung vor, der man sich nicht widersetzen darf. Und die Arbeit mit Danny Boyle ist immer sehr inspirierend, weil er es schafft, stets das Beste aus uns herauszukitzeln. Er ist daher schon fast so etwas wie das inoffizielle dritte Band-Mitglied.

Das neue Album ist selbstverständlich auch wieder eine Tanz-Platte geworden. James Brown hat mal gesagt: „The one thing that can solve most of our problems is dancing.“ Siehst du das ähnlich? Es wäre toll, wenn es so wäre (lacht). Ich glaube jedoch tatsächlich, dass ein gelungener Abend im Club die Leute mit einem guten Gefühl nach Hause gehen lässt und dadurch viel positive Energie freisetzt. Wenn Leute unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, um miteinander zu feiern, dann ist das immer ein schöner Gegensatz zu all den furchtbaren Dingen, die tagtäglich um uns herum passieren. Das löst natürlich keine Probleme, aber es macht das Wissen darum erträglicher. Im Gegensatz zu vielen anderen Dance-Acts habt ihr immer schon viel Wert auf ansprechende Texte gelegt. Ist genau das der Schlüssel zu eurem Erfolg? Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, die Leute merken vielmehr, dass wir unsere Musik mittlerweile mit dem Herzen machen. Dadurch fühlen sich die Leute angesprochen. Außerdem haben wir es geschafft, aus der Musik verschiedener Genres und verschiedener Epochen etwas Eigenes zu kreieren. Man soll auch hinter dem Sound stets noch etwas Neues entdecken können. Du hast in einem älteren Interview mal gesagt, dass du dich nie als Bandleader gesehen hast. Der Leader der Band sei stets der Groove, in dessen Dienst du dich stellst. Hat sich dieser Ansatz über die Jahre verändert? Nein, im Gegenteil. Das gilt heute noch mehr als damals. Und ich bin froh, immer noch zu dieser Philosophie stehen zu können, denn ansonsten wäre ich verloren gegangen. Irgendwann wäre ich in meinem eigenen Ego und einem lächerlichen Gefühl von Selbstherrlichkeit ertrunken. Der Groove hat immer oberste Priorität. Und es ist mein Job, ihn richtig zur Geltung zu bringen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

"Barking" von Underworld erscheint am 10. September über Universal.

  • teilen
  • schließen