"Ohne die Unendlichkeit der Musik würde uns doch etwas fehlen!"

Ein Gespräch mit Sepalot über die Skype-Vernetzung der Musikwelt und darüber, warum es nicht schlecht ist, als Musiker Kinder zu haben.
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Illustration: Julia Schubert


Ist Soloalbum der richtige Begriff für Chasing Clouds?
Sepalot: Ja. Aber ich weiß, was du mit der Frage meinst. Auf einem Produzentenalbum ist man natürlich stark auf seine Gäste angewiesen, speziell auf die Vokalisten. Ein Soloalbum wird das Ganze durch den Umstand, dass die Gäste wirklich Gäste bleiben. Im Vergleich zum letzten Album habe ich weniger Features drauf und die Gastparts ordnen sich klarer meiner Musik unter. Aber genau diese Frage, ob es wirklich nur mein Album ist oder doch das von vielen Menschen gemeinsam, habe ich mir häufiger gestellt. Aber am Ende denke ich, kann man meine Handschrift auf Chasing Clouds klar lesen.  

Also waren die Instrumentals vor dem Wunsch nach speziellen Gästen da? Oder gab es Parts, die du nur für einen Wunschkünstler geschrieben hast? 
Klar gibt es einige Musiker, mit denen ich gerne einmal etwas machen würde. Trotzdem ist bei mir die musikalische Vision immer zuerst da und danach folgt dann die Vorstellung, wer meine Idee am besten umsetzen könnte. Nehmen wir mal meine beiden Rapfeatures auf dem Album, das ist einmal Fashawn, ein junger MC aus Kalifornien und Buff1 aus Chicago. Bei beiden war meine Ansage, dass ich nur 16 Takte von ihnen brauche. Ich war es leid, dass ich als Produzent nur einen Beat liefere und erst ein anderer Künstler etwas Besonderes daraus macht. Dieses Mal waren die Stücke schon fertige Songs und die 16 Takte Rap nur ein Highlight oben drauf. Darum passte bei den meisten Tracks auch die herkömmliche Songstruktur nicht.  

Hört man sich andere Produzentenalben wie zum Beispiel von David Guetta an, wirkt das Ganze häufig wie ein Zusammenwürfeln von Songs mit beliebigen Musikern. War es für dich schwer, einen sinnvollen Bogen über die einzelnen Tracks zu schlagen?
Das ist für mich immer die Essenz eines Werks. Eigentlich kann ich erst ein Album machen, wenn ich genau weiß, in welcher Klangwelt es sich befindet. Denn das ist wirklich die Klammer, die alles zusammenhält. Worauf ich keine Lust hatte, waren die von dir erwähnten Compilations. Vielleicht sind darauf viele gute Songs, aber es klingt nicht nach einem großen Ganzen. Das gelingt nur, wenn die Klammer stark genug ist, dass selbst, wenn eine Ladi6 singt oder ein Fashawn rappt, immer noch mein Gesamtkunstwerk hörbar bleibt. Nur so kann ich mich auch als Künstler verwirklichen. Nach dem Freimachen von anderen Einflüssen und dem Herumexperimentieren ist diese Definition der zweite Schritt bei der Arbeit an einem Album, also der Punkt, an dem man plötzlich weiß, wie es später klingen soll.  

Dein Album ist fast komplett englischsprachig und sehr international bestückt. Wäre Deutschrap zu nah an Blumentopf?
Wenn man eigenverantwortlich und egoistisch entscheiden kann, tobt man sich fast automatisch in einem Feld aus, auf dem man sonst weniger unterwegs ist. Nichtsdestotrotz habe ich zwei deutsche Künstler auf dem Album, nämlich Esther Adam und Ono, bekannt von Walkin‘ Large. Allerdings singen beide auf Englisch. Auch weil natürlich die Platte klar einen internationalen Fokus hat. 

International ist ein gutes Stichwort. Wie viele Songs sind denn wirklich im Studio entstanden und wie viele über Mail- und Skype-Austausch?
Bis auf drei Songs sind wirklich alle Tracks bei mir im Studio entstanden. Nicht möglich war das mit Fashawn, Buff1 und Hanz Gable. Alle drei sind Amerikaner und der Weg über Skype ist einfach bequem. Das ist sehr angenehm so zu arbeiten, weil es Dinge ermöglicht, die sonst nicht geklappt hätten, sei es nun aus finanziellen oder aus zeitlichen Gründen. Anderseits kann natürlich vor Ort mit einem Künstler immer eine ganz andere Dynamik entstehen. So war es zum Beispiel mit Ladi6, deren Album ich auch mitproduziert habe. Da harmoniert man musikalisch so gut, dass man auch ohne ein allzu konkretes Bild ins Studio gehen kann und trotzdem etwas sehr Starkes erschafft. Bei den Künstlern, die man vorher nicht kennt und mit denen man nur im Netz Kontakt hat, läuft das Ganze dann schon eher nach einem festen Plan ab.  

Welche Art der Produktion dauert denn länger?
Das kommt immer drauf an. Die Produktion über das Internet dauert nur länger, wenn man mit dem nicht zufrieden ist, was man kriegt. Also wenn man wirklich Alternativen und Lösungen suchen muss und gleichzeitig nur über das Netz kommunizieren kann. Diese Probleme hatte ich auf der Platte zum Glück gar nicht, meine Zeit wurde vielmehr durch meine beiden Kinder beeinflusst. Ich musste sehr fokussiert arbeiten, um alles fertig zu kriegen. Das hat mich bis kurz vor Ende der Produktionszeit schon sehr gestört. Die Befürchtung, dass alles nach Patchwork klingt, war groß. Früher habe ich einfach viel mehr an einem Song gebastelt, diesmal habe ich jede Idee verworfen, die sich nicht innerhalb von einer Stunde als stark genug erwiesen hat. So haben meine Kinder eigentlich dafür gesorgt, dass es keine mittelmäßigen Ideen auf das Album geschafft haben. Eine wichtige Erkenntnis lautet für mich deshalb: Auch ausproduziertes Mittelmaß ist nur Durchschnitt.  

http://www.youtube.com/watch?v=MWMve5BzJ6g

Du hast dein letztes Label „Compost“ verlassen. War das auch ein symbolischer Schritt, weil dein Sound nicht mehr so elektronisch ist?
Ja, war es wirklich. Gerade im Indie-Bereich ist es ja sehr wichtig, auf welchem Label man rauskommt. Immerhin wird Musik auch mit dem Label erklärt und verbunden. Der Sound meiner neuen Platte hatte einfach keine großen Berührungspunkte mehr mit den restlichen Künstlern von Compost. Ein zu starkes und noch unpassendes Branding auf der Platte hilft ja niemanden weiter.  

Du hast dir aber auch von den Fans helfen lassen. Man konnte ja Raps zu dem Track „Change“ einschicken. Kannst du zu dieser Aktion ein Fazit ziehen?
Ich war positiv überrascht, wie viele Leute sich mit meiner Musik beschäftigen und Sachen dazu schreiben. Von untragbar bis absolut cool war alles dabei, es gibt da draußen echt viel Talent. Auf meiner Website kann man sich die 17 besten Tracks anhören und meine drei absoluten Favoriten wird es als Special geben.  

Du bist ja auch in der Bloggerszene und als Radiomoderator aktiv. Findest du noch Zeit zum Musikentdecken im Netz?
Ja, gerade für meine Radiosendung bin ich immer auf der Suche nach neuer Musik. Trotzdem hat man auch nach vielen Stunden Musiksuche oft das Gefühl, man würde etwas verpassen. Nie einen kompletten Überblick zu haben, macht die Suche aber immer wieder reizvoll. Ohne die Unendlichkeit der Musik würde uns doch etwas fehlen!  

Das stimmt wohl. Bleiben wir doch zum Schluss mal beim Betrachten fremder Musik. Neben dem klassischen Rapsound wird dieser Tage wieder viel experimentiert, siehe Casper oder Marteria.
Diese Tendenz finde ich enorm wichtig. Ende der 90er-Jahre hatte Deutschrap eine eigene musikalische Identität und fand losgelöst von den amerikanischen Paten statt. Beginner, Freundeskreis oder wir (Blumentopf Anm. d. Red.) hatten alle eine spezielle musikalische Philosophie und eine eigene Form von Rapmusik. Das hat HipHop spannend und erfolgreich gemacht, die Generation danach hat leider viel zu häufig amerikanische Rapmusik kopiert. Ganz egal wie gut diese Kopie ist, sie zerstört die Eigenständigkeit und das Gefühl für den Künstler. Zum Glück ist der Mut zu etwas Neuem wieder da und HipHop findet deshalb auch wieder in den großen Medien statt.                             


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Illustration: Julia Schubert


"Chasing Clouds" von Sepalot erscheint am 30. September beim Label Eskapaden.

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