"Ohne Job gibt es keine Ausreden mehr"

Wer seine Arbeit verliert, kann endlich kreativ sein - zumindest sieht das Arlene Skjerly so. Die 33-Jährige verlor ihren Job und schreibt jetzt durchgeknallte Songs und antwortet auf Spam.
till-krause

Arlene Skjerly, 33, ist eine Sekretärin und Filmemacherin aus San Francisco. Sie hat im Zuge der Wirtschaftskrise ihren Bürojob verloren – und sieht darin eine große Chance für ihre Kunst: Im Internet verkauft sie dadaistische Liebeslieder, individuelle Antworten auf Spam, krude Wahrsagerdienste und bietet sich als Comedy Consultant an. Noch läuft das Geschäft eher schleppend. Aber die Kalifornierin prophezeit: Je mehr Leute ihre Jobs verlieren, desto mehr absonderlicher Kram wird veröffentlicht.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Arlene, was genau verkaufst du auf deiner Website? Arlene: Im Moment sind es vor allem Dienstleistungen: Individuelle Liebeslieder für Leute mit ausgefallenen Namen wie Helga oder Mortimer, die sonst nie einen Lovesong über sich zu hören kriegen. Dann sage ich die Zukunft voraus – ich habe mich vor allem auf Verdauungsprobleme und Badezimmerunfälle spezialisiert. Und ich schreibe Antwortbriefe auf Spam-Emails. Außerdem bin ich Comedy Consultant, ich helfe unlustigen Leuten dabei, irgendwie besser bei anderen anzukommen. Seit wann machst du das? Ich wurde Ende des vergangenen Jahres gekündigt, weil die Firma sparen musste. Ich habe dort als Sekretärin gearbeitet und viel Zeit im Internet verbracht – also wollte ich danach selbst etwas im Netz auf die Beine stellen. Und ich habe das Talent, sehr schnell Songs schreiben zu können – gib mir ein Thema, ich schreibe dir bis morgen ein Lied dazu. Da war es nur logisch, daraus einen Online-Service zu machen. Und die Sache mit dem Spam ist schon lange eine Leidenschaft von mir – ich versuche den Spammern sexuelle Angebote zu machen, und schaue, wie sie reagieren. Und? Na ja, einer hat mal zurückgeschrieben, mit einer Telefonnummer. Aber diese Mail hat er nicht mir persönlich geschrieben, die haben andere auch schon bekommen. Daraufhin habe ich ihm ein Eifersuchtsdrama aufgeführt, warum er unsere wertvolle Beziehung so leichtfertig auf’s Spiel setzt – nach alldem, was uns durch seine vielen Mails verbindet. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Wie viel hast du denn mit deinem Service schon verdient? Um ehrlich zu sein: Fast nichts. Die beste Kundin ist die Mutter meiner Mitbewohnerin: Sie hat zwei Songs auf einmal gekauft. Und pro Song 20 Dollar bezahlt! Und eine Wahrsagung hat sie auch noch bestellt. Klingt bisher ja nicht nach großem Geld. Ich habe noch einen Gelegenheitsjob, ansonsten müsste ich wohl von Katzenfutter leben. Apropos: Ich habe auch noch einen Song über eine Katze verkauft. Das ist die Zukunft, Songs über Haustiere. Die Leute werden verrückt danach sein! Vielleicht sogar in Deutschland: Ich kenne bisher nur zwei Wörter auf Deutsch, aber die sind eigentlich schon ein halber Songtext. Welche Wörter sind das? Pudel und Scheiße. Das Lied schreibt sich ja fast von alleine. Aber ich habe noch andere Ideen: Ich will eine Anwendung für Google Maps programmieren, auf der man übernatürliche Erfahrungen eintragen kann. Damit man aller Welt zeigen kann: Hier habe ich einen Geist gesehen! Dort spukt es! Im Idealfall wird das dann eine iPhone-App. Ich würde es iGhost nennen. Haben viele Bekannte von dir ihre Jobs verloren? Ich höre es immer wieder, ja. Mit einigen treffen wir uns in letzter Zeit regelmäßig – wir stellen dann zusammen Dinge her, damit wir uns nicht ständig was Neues kaufen müssen. Allerdings sind die meisten Sachen, die wir so produzieren auch nicht wirklich nutzbar. Im Februar haben wir, als Ehrfurchtsbekundung an das erste Retortenbaby, künstliche Föten aus Knete hergestellt. Demnächst machen wir unsere eigenen Schuhe. Ist das eine Persiflage auf etsy.com und das Kunsthandwerk, das man zur Zeit im Netz kaufen kann? Nein – wir sind einfach nur arbeitslos geworden und haben Zeit. Wenn wir uns nicht mit irgendwelchen Gelegenheitsjobs über Wasser halten, denken wir uns Dinge aus, die man verkaufen könnte. Nun kann man endlich die Dinge tun, die man immer schon mal machen wollte – und ich glaube, durch die Wirtschaftskrise kommt eine neue Welle an Kreativität aus Amerika. All die Bücher und Songs und Theaterstücke, die man irgendwann mal schreiben wollte, können jetzt endlich gemacht werden. Ohne Job gibt es keine Ausreden mehr! Auf der nächsten Seite: Eine von Arlenes Spam-Antworten


--- On Mon, 10/20/08, web_m@cernet.com wrote: > From: web_m@cernet.com > Subject: Please Respond. > To: > Date: Monday, October 20, 2008, 11:19 PM > 52 Oxford Street, > Manchester M1 6L, > England. > > I am Toreth Hughes, suffering from cancerous ailment. I > was married to Sir Richard Hughes an Englishman who is dead. > My husband > was into private practice all his life before his death. > Our life together as man and wife lasted for three decades > without child. My husband > died after a protracted illness. My husband and I made a > vow to uplift the down-trodden and theless-privileged > individuals as he had > passion for persons who can not help themselves due to > physical disability or financial predicament. I can adduce > this to the fact that he > needed a Child from this relationship, which never > came.When my late husband was alive he deposited the sum of > 20 Million (20 Million > Great Britain Pounds Sterling which were derived from his > vast estates and investment in capital market) with his bank > here in > UK.Presently, this money is still with the Bank. > > Recently, my Doctor told me that I have limited days to > live due to the cancerous problems I am suffering from. > Though what bothers me > most is the stroke that I have in addition to the cancer. > With this hard reality that has befallen my family, and me I > have decided to donate this > fund to you and want you to use this gift which comes from > my husbands effort to fund the upkeep of widows, widowers, > orphans,destitute, > the down-trodden, physically challenged > children,barren-women and persons who prove to be genuinely > handicapped financially.I took this > decision because I do not have any child that will inherit > this money and my husband relatives are bourgeois and very > wealthy persons and > I do not want my husband's hard earned money to be > misused or invested into ill perceived ventures. I do not > want this money to be > misused hence the reason for taking this bold decision. I > am not afraid of death hence I know where I am going. I do > not need any > telephone communication in this regard due to my > deteriorating health and because of the presence of my > husband's relatives around me. I > do not want them to know about this development. > > As soon as I receive your reply I shall give you the > contact of the bank in UK. I will also issue you a Letter of > Authority that will empower you > as the original beneficiary of this fund. My happiness is > that I lived a life worthy of emulation. Please assure me > that you will act just as I > have stated herein.Hope to hear from you soon > You can contact me via email:hughes_toreth@hotmail.com > > Madam Toreth Hughes ----------------------------------------------------------------------------------------------------

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Illustration: Julia Schubert

Dear Ms. Hughes. I am sorry to hear your husband died from a protractor! Was it a large one? Beveled? I had a geometry professor in college try demonstrating the pythagorean theorem with a home-made protractor and he wound up slicing one of his arms off! Not pretty! But, good sport that he was, he looked at the large pool of blood, spreading out into the aisles, and said "The way this blood is congealing, it reminds me of what Descartes said about plane curves, and that was..." Then he passed out cold. As you can tell, I am very concerned about Protractor Safety, and infact I have started a group called "PSL" (Protractor Safety League) We at PSL tour the country warning people of the fatal consequences of mis-using protactors. I don't want to overwhelm you with a lecture especially since you've suffered a loss! But if you, or a loved one, are thinking of measuring some angles, know this: At many office supply stores you can buy something called a "protractor protector" which will prevent any fatal accidents from geometry. Try saying that 10 times fast, howdy! At any rate, while I am deeply sorry for your loss, I cannot accept your dead husbands sperm to carry out your wish for a child. Not even if you heated it up first. First off, there's the hygiene factor. Second of all, I am afraid of giving birth to a zombie baby that will be born fully grown and terrorize my peaceful neighborhood. Third off, while your husband sounds like a fine man, the fact that he could not use a protractor safely indicates possible mental retardation, and I think we can both agree the world could use less of those. I hope you find good healing from your tragedy, and a willing womb for your late husbands progeny. www.protractorsafetyleague.com -Arlene Skjerly

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