"Ohne warme Kleidung bist du gefickt"

Als blinder Passagier auf Güterzügen: So ist der Engländer Dave Tew durch Kanada gereist. Ein Gespräch über Abenteuer, Luxus und den Vorteil von Getreidewaggons.
jan-stremmel

Vor acht Jahren entdeckte Dave Tew, ein Webdesigner aus dem nordenglischen York, in einem Internetforum einen Eintrag. Ein Amerikaner erwähnte darin, dass er regelmäßig auf Güterzügen durch die USA reise. Dave war 23 und hatte Lust auf Abenteuer. Er kontaktierte den Mann und traf ihn ein paar Monate später in den USA, um ihn beim "Freight Train Hopping" zu begleiten. Dieses Jahr hat er das wiederholt - in Kanada, ganz alleine - und sich dabei selbst gefilmt. Der Film steht nun im Netz und sorgt für Diskussion: tolles Abenteuer oder lebensgefährlicher Unfug?

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Illustration: Julia Schubert

Die Maske trägt Dave, 31, gegen die Kälte - und damit ihn von der Straße aus niemand sieht.

jetzt.de: Dave, du bist zwei Wochen alleine auf Güterzügen durch Kanada gereist und hast dich dabei selbst gefilmt. Ein guter Urlaub?
Dave: Überhaupt nicht! Ich habe nur eine Nacht in einem Bett verbracht, sonst im Schlafsack im Gebüsch neben Güterbahnhöfen. Aber eigentlich schläfst du beim Train Hopping sowieso nie richtig: Du könntest jederzeit erwischt werden oder musst beim kleinsten Geräusch aufwachen und auf den Zug springen, sobald er sich bewegt.  

Eher nicht so erholsam.  
Nein. Ich brauchte erstmal zwei Wochen Ruhe, als ich wieder daheim in England war.  

Du kaufst also einen teuren Transatlantikflug, um dann als blinder Passagier Zug zu fahren. Wäre es nicht praktischer, das in England zu tun?  
Schon, aber dort ist es viel gefährlicher. Die Güterzüge sind in Europa kürzer und stoppen häufiger, die Bahnstrecken sind besser überwacht. Außerdem laufen die Züge in England mit Strom, und mit Hochspannungsleitungen würde ich nicht unbedingt spielen.  

Wie ist das in Nordamerika?  
Da fahren Dieselloks, die hinter sich zwei Kilometer lange Güterzüge herziehen. Sich da einzuschleichen und zu verstecken ist viel leichter. Es gibt an den Bahnhöfen auch kaum Wachleute. Und viele von den Waggons sind „Grainer“, mit denen transportiert man Getreide. Die eignen sich am besten zum Mitfahren, weil sie einen vor Regen und Sonne schützen.  

Vor ein paar Jahren bist du schonmal auf Zügen durch die USA gereist. Warum diesmal Kanada?  
Vor allem, weil es übersichtlich ist: In den USA ist das Streckennetz ein Labyrinth, in Kanada fahren die Züge nur von Ost nach West oder umgekehrt. Und diesmal hatte ich keinen Partner dabei, der sich auskennt.  

Stichwort Orientierung: Woher wusstest du, wann welcher Zug wohin fährt?  
Wusste ich nicht. Es gibt keine öffentlichen Pläne für Güterzüge. Im Netz kursiert hier und dort mal ein uralter Plan, aber du weißt nie, wie aktuell der noch ist.  

Du springst also auf gut Glück auf einen Zug und schaust dann, wo du landest?  
So ist es.  

Und das klappt?  
Leider nicht immer. Gleich am Anfang habe ich mich brutal verfahren. Ich bin in Montreal bei Freunden gestartet und wollte nach Westen. Stattdessen fuhr der Zug aber nach Osten. Und absteigen konnte ich erst wieder nach 600 Kilometern...  

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Illustration: Julia Schubert

Einer der idyllischen Momente. Obwohl Dave auch hier keine Ahnung hat, wohin die Reise geht oder wann der Zug das nächste Mal hält.


...nach 600 Kilometern?!  
Naja, du kannst nur abspringen, wenn der Zug höchstens in Laufgeschwindigkeit fährt, sonst brichst du dir alle Knochen. Als es endlich soweit war, stand ich leider in einem kleinen Kaff namens Edmunston, irgendwo in New Brunswick.  

Und dann?  
Eine Nacht im Gebüsch und am nächsten Morgen zurück nach Westen. Wobei ich dann wieder Pech hatte...
  
...der Zug fuhr nicht zurück nach Montreal?  
Doch, aber er stoppte dort nicht. Ich sah Montreal auf mich zukommen und fühlte, wie der Zug langsamer wurde, saß schon bereit zum Absprung unten auf dem Waggon - aber er hielt nicht! Montreal ist also mit 30 Kilometern pro Stunde an mir vorbeigezuckelt, und ich konnte nichts tun. Ich fuhr dann acht Stunden weiter nach Toronto.  

Acht Stunden umsonst?  
Du kannst ja schlecht zum Zugführer gehen und ihn bitten, anzuhalten. Also sitzt du auf dem Dach und genießt die Landschaft, die ist atemberaubend! Und acht Stunden sind noch okay. Ich saß auch schonmal 16 Stunden auf einem fahrenden Zug fest, dagegen war der Ausflug nach Toronto eine kleinere Unannehmlichkeit. Übrigens ist das eine der größten Gefahren beim Freight Train Hopping.  

Auf einem Zug gefangen zu sein, der nicht anhält?  
Klar. Stell dir vor, der fährt zwei Tage durch die Wüste! Das kann in den USA durchaus passieren. Wenn du dann nicht genug Wasser und warme Kleidung für die Nacht hast, bist du gefickt. Niemand weiß ja, dass du da bist. Wobei ich diesmal vor etwas anderem größere Angst hatte.  

Wovor?  
Dass die Gleise plötzlich eine Kurve machen und der Zug über die Grenze in die USA fährt. Dann wäre ich plötzlich ein illegaler Einwanderer gewesen. Stelle ich mir nicht allzu lustig vor. Ist aber zum Glück nicht passiert.  

http://www.youtube.com/watch?v=P-FYjiGEtsU Der Film, den Dave über seine Reise gedreht hat.

Was ist mit Tunneln?
Die sind nur ein Problem, wenn man über die Rocky Mountains will. In einigen davon steckt man 20 Minuten, und die Luft ist voller Diesel-Abgase. Ich hab gelesen, dass man für solche Fälle vorher einen großen Müllsack mit Luft füllt und ihn sich im Tunnel über den Kopf stülpt. Wenn man dann langsam atmet, schafft man es bis zum Ausgang.

Klingt so, als gäbe es nicht gerade viele von euch Train Hoppern, oder?  
Ich hab jedenfalls noch nie einen getroffen. Es gibt zwar schon einige, die das machen, vor allem Obdachlose, aber da bleibt jeder unter sich. Nachdem ich das Video online gestellt hatte, waren einige von denen echt angepisst: Ich würde das verherrlichen und ahnungslose Leute animieren, ihr Leben zu riskieren. Was wiederum allen anderen schaden würde.  

Eine nachvollziehbare Kritik. Dein Video macht schon Lust, das mal zu probieren.  
Aber es ist doch ein Unterschied, ob ich etwas anschaue oder es selbst mache. Nur weil ich gern Basejumping-Videos gucke, würde ich nie selbst irgendwo runterspringen! Und ich warne ja zu Anfang des Films davor.  

Das Leben als Landstreicher ist ein großes Thema der amerikanischen Beat-Literatur. Jack Kerouac, Allen Ginsberg, haben dich die inspiriert?  
Überhaupt nicht! Und das ist auch sowas, was die Puristen stört: Ich mache das nicht mal aus einer Faszination für die amerikanische Geschichte. Seit der Großen Depression wird das Reisen auf Güterzügen ja total romantisiert. War mir aber egal. Ich hatte einfach so Lust drauf.  

Wohin geht deine nächste Reise?  
Wenn ich wieder Geld gespart habe: nach Brisbane in Australien, meinen Bruder besuchen. Aber um es spannender zu machen, habe ich mir eine Regel ausgedacht - ich darf kein Flugzeug benutzen. Ich werde meinen Bruder also irgendwann anrufen und sagen: Damit du Bescheid weißt, ich bin in ungefähr drei Monaten bei dir! Wobei Australien natürlich nicht der Grund für den Trip ist. Ich reise ja nicht, um anzukommen.

Text: jan-stremmel - Fotos: oh

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