Herr Groß, wie viele Aktienhändler haben sie im Moment? Jochen Groß: Ende vergangener Woche waren es 452. Aber uns geht es nicht darum zu sagen, wir haben die größte Wahlbörse. Wir wollen sicherstellen, wirklich aktive Händler zu haben. Und echtes Geld ist nötig, damit die User die Parteibrille ablegen? Das ist die Idee dahinter. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert auch bei einer Wahlbörse nur, wenn Händler einen Anreiz haben, Informationen zu suchen und diese zu nutzen. Unrealistische Geschäfte werden dann gar nicht erst abgeschlossen. Wenn man lediglich mit Spielgeld handelt, melden sich vielleicht mehr Leute an, aber dann gibt es weniger, die kontinuierlich handeln. Uns interessiert die Aktivität über den gesamten Zeitraum, von Ende Juli bis zum 27. September. Reichen da normale Umfragen nicht aus? Es wird zunehmend schwieriger Telefonumfragen durchzuführen. Viele Angerufene verweigern die Teilnahme, weil sie wegen Werbeanrufen generell misstrauisch sind, und ein wachsender Teil der Bevölkerung hat gar keinen Festnetzanschluss mehr. Wir möchten verschiedene Prognoseansätze gegenüber stellen und sehen, welcher der beste ist – dazu gibt es in Deutschland bisher nur wenige Informationen. Deshalb führen unsere Studierenden parallel auch eine Telefonumfrage durch. Sicher ist schon jetzt, dass solche Börsen in Bezug auf die Prognose von Wahlergebnissen eine große Herausforderung darstellen. Die Meinungsumfragen stellen ja auch fest, wie stark die Parteienbindung ist, oder wer die beliebtesten Politiker sind. Das können Sie nicht. Das stimmt. Viele Demoskopen sagen auch, Wahlbörsen funktionieren nur deshalb so gut, weil die Händler ihre Informationen aus Umfragen beziehen. Wir wollen unter anderem herausfinden, ob das stimmt. Die SPD steht bei der Wahlstreet zum Beispiel gerade bei etwa 25 Prozent. Wenn nun eine neue Forsa-Umfrage veröffentlich wird, bei der die SPD nur bei 20 Prozent liegt, werden wir analysieren, ob die Händler darauf reagieren. Es geht also darum herauszufinden, welchen Einfluss Meinungsumfragen auf Wahlbörsen wirklich haben. Darüber hinaus interessiert uns, welche anderen Faktoren den Markt antreiben. Und was treibt den Markt an? Hat es zum Beispiel während der Dienstwagenaffäre von Ministerin Ulla Schmidt starke Ausschläge gegeben? Alles, was wir bis jetzt sagen können ist, dass nach der Dienstwagenaffäre mehr SPD-Aktien gehandelt wurden, und natürlich sank der Wert dieser Aktie dabei auch ein wenig. Bisher haben wir einen sehr langweiligen Wahlkampf erlebt. Wird deshalb bei wahlstreet.de nicht auch weniger gehandelt, als Ihnen lieb sein kann? Zumindest ist in der Woche, als der Wahlkampf offiziell begonnen hat die Teilnehmerzahl stark gestiegen. Aber man kann an unserer Börse schon erkennen, dass es tatsächlich ein langweiliger Wahlkampf ist. Denn es gibt sehr klare Erwartungen der Händler, wie die Wahl ausgehen wird. Angela Merkels Chancen wiedergewählt zu werden, liegt dem Markt zufolge derzeit bei 93 Prozent. Aber es hat sich dadurch auch gezeigt, dass unsere Ergebnisse viel früher deutlicher werden als bei Umfragen. Dürfen Sie uns, sozusagen als Börsenleiter, einen Anlagetipp geben? Die unterschiedlichen Strategien, die es gibt, sind auf wahlstreet.de erklärt. Der Rest ist eine Typfrage. Aber genau das interessiert uns ja auch: Nehmen die User eher kurzfristige Gewinne mit, oder glauben sie, das Ergebnis zu kennen, um dann nur noch auf den Wahlausgang zu warten? Und es scheint außerdem Spaß zu machen. Eine der häufigsten Fragen, die wir bekommen lautet: Kann ich nachträglich meinen Einsatz erhöhen? Die Antwort ist nein. Und auch die Möglichkeit einen zweiten Account anzulegen besteht nicht.