"Pfui Deifi"

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„Ja, Himmel, Arsch und Zwirn! So kann das nicht weiter gehen mit der Tracht!“, dachten sich Tibor Rumszauer, 41, und seine Frau Susanne, 40. Deshalb designen die beiden gemeinsam mit einem Tätowierer und einem Graffitikünstler seit drei Jahren Lederhosen im Punkrock-Style – mit auf gestickten Flammen, Totenköpfen und Sprüchen wie „Pfui Deifi“ oder „Mi leckst“ über dem Allerwertesten. jetzt.de: Wozu brauchen wir Lederhosen im Punk-Rock-Style? Gibt es nicht schon genug Trachten zu kaufen? Tibor Rumszauer: Oh ja, es gibt viele zu kaufen, aber die sehen alle gleich aus. Alles ist identisch und meistens auch ziemlich langweilig. Das ist sehr schade, denn eigentlich ist das Thema Tracht ziemlich interessant. Da steckt viel mehr dahinter als nur Musikantenstadl und Oktoberfest. Inwiefern? Wenn man die Geschichte der Tracht in Bayern verfolgt, entdeckt man zum Teil revolutionäre Wurzeln. Früher war es so: Eine Kniebundtracht war ganz normal. Die kurzen Lederhosen haben nur Wilderer, Räuber und Freigeister getragen. Mit einer kurzen Lederhosen durften sie aber nicht an kirchlichen Prozessionen teilnehmen. Das Knie zu entblößen, galt damals noch als unschicklich. Erst um die Jahrhundertwende wurden auch kurze Lederhosen zu kirchlichen Feiern zugelassen. Deshalb gibt es in unserer Kollektion nur kurze Lederhosen und jedes Modell ist einem bayerischen Rebell, Wilderer und Freigeist gewidmet. Dem Räuber Kneissl zum Beispiel, oder dem Bayerischen Hiasl. Das waren im Grunde arme Schlucker, die nichts zu essen hatten. Weil sie wilderten, und im Fall vom Bayerischen Hiasl, das gewilderte Fleisch an die arme Bevölkerung verteilten, wurden sie hingerichtet. Dann entwerft ihr also Trachten für Unangepasste? Eher für Menschen, denen Freiheit und ihre eigene Meinung wichtig sind. Wir haben zum Beispiel ein T-Shirt in unserer Kollektion, das heißt „Viel Feind, viel Ehr“. Der Spruch stammt ursprünglich von einem Mindelheimer Feldherrn aus dem 17. Jahrhundert. Viele Leute finden diesen Spruch zu militant. Ich finde aber, in diesem Satz steckt viel Wahrheit. Es ist doch so: Wenn mich von zehn Menschen fünf nett finden und die anderen fünf sagen: „Das ist ein Arschloch!“, dann bedeutet das, dass ich eine echte Persönlichkeit bin, mit eigenem Charakter. Wenn mich von zehn Leuten aber alle zehn nett finden, dann kann das nur bedeuten, dass ich immer nur das gesagt habe, was die anderen hören wollten, nur um nicht anzuecken. Seine Feinde muss man sich verdienen.

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Illustration: Julia Schubert

Das klingt ziemlich wütend. Ärgert ihr Euch über die Gesellschaft? Wir ärgern uns eigentlich täglich! Vor allem über die Dummheit vieler Menschen und darüber, dass sie alles hinnehmen. So viele Menschen lassen sich von allen Seiten gängeln, vom Staat, von ihren Mitmenschen, von ihren Chefs. Und sie lassen sich von den Medien und Organisationen wie der Kirche allen möglichen Quatsch einreden und glauben alles, ohne es zu hinterfragen. Wir wollen die Menschen zum Nachdenken anregen. Und wie soll das mit einer Trachtenkollektion funktionieren? Ganz einfach! Wir haben zum Beispiel ein Trachtenhemd, das heißt „Glauben heißt nichts wissen“. Mit diesem Spruch auf dem Rücken ist es in unserem Online-Shop abgebildet und so kann man es dort bestellen. Geliefert wird das Hemd jedoch mit unserem Logo „Himmel, Arsch und Zwirn“. Natürlich haben wir einen Haufen Reklamationen bekommen. Und dann haben wir unseren Kunden einen Brief geschrieben, in dem stand: „Du hast geglaubt, dass Du das bekommst, was du bestellt hast. Gewusst hast Du das aber nicht.“ Als wir das erklärt hatten, wollte keiner mehr sein Hemd reklamieren, sondern alle fanden es super. Im Grunde soll die Aktion nur bedeuten: Macht euch doch mal Gedanken, was ihr kauft, oder was ihr esst, oder was ihr lest, oder was ihr euch im Fernsehen anschaut. Denkt einfach mal wieder! Die Idee mit den Tattoo-Motiven erinnert schwer an die Marke Ed Hardy. Ist das Absicht? Das hören wir oft. Aber da muss man unterscheiden. Vor Ed Hardy, der ja eine echte Ikone der Tätowierkunst ist, habe ich großen Respekt. Im Grunde hat Ed Hardy das ganze Business massentauglich gemacht. Ohne ihn gäbe es heute zum Beispiel keine Flashsets, also Vorlagen mit Motiven, in den Tatoostudios. Das eigentlich Schlimme ist, wie Christian Audigier, der die Marke lizensiert hat, das ganze ausschlachtet. Der hat Lizenzen von Ed Hardy gekauft und entwirft jetzt diesen Hollywoodschwachsinn mit Strasssteinen. Das ist echt zum Kotzen. Mittlerweile kriegt man bei Kaufhof oder Metro Fußmatten von Ed Hardy. Der Hype um Ed Hardy wird bald tot sein. Aber Christian Audigier hat sich eine goldene Nase verdient. Trotzdem setzt ihr auch auf Tattoo-Motive? Für uns hat das eine ganz andere Bedeutung. Unsere geistige Heimat sind Punkrock und Rock’n’Roll und dafür stehen auch die Tattoos auf unseren Kleidern. Indem wir die Trachten damit verzieren, vereinbaren wir zwei Kulturen, die eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen. Wie kommt ihr bei der Trachtenkonkurrenz an? Das ist ziemlich lustig! Wir haben einem renommierten Münchner Trachtenhaus vor drei Jahren mal eine Totenkopf-Lederhose gezeigt. Die haben uns angeschaut, als wären wir irre. Und jetzt habe ich erst vor ein paar Tagen gesehen, dass derselbe Anbieter gerade eine neue Aktion gestartet hat, die sich „Freigeist“ nennt. Drei Mal darfst Du raten, was sich dahinter verbirgt: Lederhosen und Dirndl mit Totenkopf. Da musste ich schon sehr schmunzeln. Was sagen die Punk-Rocker zu Euren Tattoo-Lederhosen? Ebenso wie im Trachtenbereich gibt es auch da Leute, die im Grunde zu engstirnig sind, um über ihren Tellerrand zu schauen. Auch die Punkrocker sind traditionell und auf ihre Art spießig. Auch diese Szene akzeptiert nur ihre eigenen Codes. Unser Projekt fordert quasi von beiden Seiten Toleranz.

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