jetzt.de: Jule, wirst du in Kiel antreten, um deinen Titel als U20-Champion zu verteidigen?
Jule Weber: Ich bin dieses Jahr bei den großen Meisterschaften im November in Bielefeld dabei. Aber ich fahre trotzdem zu den U20-Meisterschaften, weil ich bei der Eröffnungsshow auftrete, ein paar Feature-Auftritte außerhalb des Wettbewerbs habe und natürlich beim Finale da bin, um den Gürtel abzugeben...  
 
...die Wander-Trophäe für den U20-Sieger. Ganz ehrlich: Hast du dir vergangenes Jahr Chancen ausgerechnet, den Gürtel zu gewinnen?
2012 habe ich bei den hessischen Meisterschaften den U20-Titel geholt und mich damit für die deutschsprachigen Meisterschaften qualifiziert. Als Ziel hatte ich mir gesetzt, durch die Vorrunden zu kommen, was beim U20 bedeutet, direkt ins Finale zu kommen. Das habe ich geschafft und war dann im Finale erst sehr entspannt, aber als ich dann im Stechen war, kam der Ehrgeiz dazu und ich dachte: „Ich bin so kurz davor, jetzt hätte ich es auch gerne!“ Das Ergebnis war dann superknapp!  

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Jule Weber

Bisher fanden die U20-Slam-Meisterschaften immer im Rahmen der gesamten deutschsprachigen Slam-Meisterschaften statt, in diesem Jahr zum ersten Mal getrennt davon. Gibt es auch sonst eine Trennung zwischen der U20- und Ü20-Szene?
Ich finde es schwierig, in eine U20- und eine generelle Szene zu unterteilen. Ich selbst bin zum Beispiel, abgesehen von den Meisterschaften, nur auf ganz wenigen reinen U20-Slams aufgetreten. Vielleicht entsteht durch die getrennten Meisterschaften dieses Jahr so etwas wie eine eigene U20-Szene.  

Bis jetzt halten aber alle Altersklassen zusammen?
Ja. Die Kontakte und Freundschaften, die man knüpft, sind nicht an das Alter gebunden. Ingesamt ist es eine tolle Szene, die sich gut organisiert und schöne Zeiten miteinander haben kann. Als ich angefangen habe, habe ich gemerkt, dass man sehr offen empfangen wird. Die Leute sind neugierig auf das, was man macht, und sehr bereit, jemanden aufzunehmen.  

Gibt es denn thematisch oder in der Performance Unterschiede zwischen U20 und Ü20?
In erster Linie unterscheidet sich das durch die Erfahrung, darum finde ich die Trennung von U20- und Ü20-Wettbewerb richtig und logisch. Der Nachwuchs hat so seinen Rahmen, um sich etablieren zu können und nicht komplett unterzugehen. 

Also findest du es gut, dass die Meisterschaften getrennt wurden?
Ich finde es gar nicht schlecht. Es gibt immer wieder Fälle, in denen jemand mit Slam anfängt und dann so begeistert von der ganzen Künstlerszene ist, dass er anfängt, für Veranstaltungen Schule zu schwänzen und so weiter. Man fühlt sich einfach mächtig wichtig, und das ist ein superschönes Gefühl, aber ich glaube, darum ist es auch ganz gut, wenn sehr junge Slammer noch ein bisschen von dem ganz großen Trubel ferngehalten werden.  

Hat dir dein U20-Sieg irgendwas gebracht?
Ein U20-Sieg bringt durchaus was! Wenn man mit Slam anfängt, tritt man erstmal nur regional auf, und wenn man Veranstalter anderswo anfragt, kriegt man mitunter noch nicht mal Antwort, weil sie einen nicht kennen und ihre Fahrtkosten lieber für Leute ausgeben, von denen sie wissen, dass sie Qualität bringen. Durch den U20-Sieg hat man was vorzuweisen, man hat einen Titel und gehört plötzlich zu den großen Namen, die aufs Lineup gesetzt werden.  

Steht dein Titel jetzt immer hinter deinem Namen, wenn du irgendwo angekündigt wirst?
Nicht immer. Mir ist es auch lieber, nicht damit angekündigt zu werden, weil das so viel größer klingt als es ist und die anderen Teilnehmer irgendwie abwertet. Und ich probiere zum Beispiel nie neue Texte auf einer Veranstaltung aus, auf der ich als U20-Siegerin angekündigt werde...  

Warum nicht?
Das baut einen Erwartungsdruck auf. Durch den Titel denken die Leute, dass man mächtig was draufhaben muss. Da will ich dann natürlich Texte bringen, von denen ich denke, dass sie den Erwartungen am ehesten gerecht werden  

http://www.youtube.com/watch?v=LV9CCiBzZ2A Jule Weber im Finale der U20-Meisterschaften 2012 in Heidelberg

Haben sich durch die größere Bekanntheit auch Projekte über das Slammen hinaus ergeben?
Ja, auf jeden Fall. Ich werde für Auftragsarbeiten gebucht und gebe mehr Workshops an Schulen, denen gefällt die Sache mit dem Titel ziemlich gut.  

Über Workshops werden die Teilnehmer an Slam herangeführt. Wie hat das bei dir angefangen?
2008 war ich das erste Mal mit meiner Mutter beim Poetry Slam in der Centralstation in Darmstadt und war total begeistert! Zu meinem 16. Geburtstag habe ich von meinen Eltern einen Gutschein für einen Poetry-Slam-Workshop geschenkt bekommen. Den Abschluss-Slam des Workshops hab ich gewonnen und mich damit für die hessischen U20-Meisterschaften qualifiziert. Da bin ich Zweite geworden und hab dann einfach nie wieder aufgehört.  

Hast du einen Favoriten für den diesjährigen U20-Titel?
Ich hab mir angeschaut, wer antritt, und es sind wahnsinnig viele Namen dabei, die ich nicht kenne. Aber der amtierende hessische U20-Meister, Samuel Kramer, ist zum Beispiel wirklich stark und reißt gerade sehr viel!  

Wie geht es für dich weiter? Willst du mit Slam und Auftritten deinen Lebensunterhalt verdienen?
Ich jobbe nebenbei noch, aber es ist schon fast mein Hauptverdienst. Ich möchte sehr gerne ein Buch veröffentlichen und arbeite gerade daran. Ich genieße es auch sehr, aufzutreten, weiß aber auch, dass ich das nicht bis ins Alter in dem Umfang machen möchte. Und Workshops geben macht mir ziemlich viel Spaß. Ich hoffe einfach, dass ich noch lange in der künstlerischen Schiene bleiben kann – auch, weil ich nicht wüsste, was ich alternativ machen soll.

Text: nadja-schlueter - Foto: Uwe Lehmann