Politik muss jung werden: Wie ein Häuflein junger Bayreuther die Kommunalpolitik aufrollen will

Wenn sich ein ausgewähltes Häuflein erwachsener Menschen regelmäßig zusammensetzt, um den Bau einer neuen Kläranlage oder die Bepflanzung der städtischen Verkehrsinseln zu diskutieren, stundenlang, wenn’s sein muss – dann ist das Kommunalpolitik. Langweilig, finden viele. Oliver Gerhards (31) und Andreas Küffner (22) dagegen finden das fantastisch. Unter dem Vorsitz der beiden Jurastudenten haben 13 Bayreuther zwischen 16 und 35 Jahren den Verein „BT-go“ gegründet. Ihr Ziel: Rein in den Stadtrat - und dann nichts wie raus mit neuen Ideen. Die hat die Stadt bitter nötig, denn bis jetzt fühlen sich junge Leute hier zu Recht unterrepräsentiert: Zwei von drei Stadträten sind hier älter als 60, jünger als 35 ist kein einziger. Nach der kommenden Stadtratswahl im März 2008 will „BT-go“ diesen unfreiwilligen Ältestenrat verjüngen. In erster Linie mit Ideen. Ein paar davon haben Oliver und Andreas jetzt.de erklärt – nach einer kurzen, per SMS angekündigten Verspätung zum Interview.
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Andreas: Entschuldigung – wir haben heute echt einen vollgepackten Tag… Was gibt’s zu tun? Andreas: Wir sind in dieser Woche zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung getreten. Jetzt stehen wir in der Pflicht und müssen wahnsinnig viele Formalien erledigen: beim Amtsgericht, Registergericht, Finanzamt, Notar – lauter so Zeug. Oliver: Wir kämpfen gerade darum, als gemeinnützig anerkannt zu werden – dann müssen wir keine Steuern zahlen, und Spenden an uns können von der Steuer abgezogen werden. Und, naja, das ist doch mehr Formalkram als wir gedacht hatten. Ein wahnsinniger Aufwand - der überwiegt bei uns zurzeit alles andere. Notar, Finanzamt, Amtsgericht… damit haben 22-Jährige normalerweise nicht jeden Tag zu tun, oder? Oliver: Klar, das ist nicht unbedingt Alltag. Wobei, Andi studiert Jura, ich bin fast fertig damit. Völliges Neuland ist es insofern auch nicht. Andreas: Das gehört eben leider dazu. Für diesen Kram müssen wir viele Ressourcen aufbringen, aber je schneller wir das jetzt hinter uns bringen, desto eher können wir das machen, was wir eigentlich wollen.

"Bayreuth rockt – nur dass Bayreuth rockt, muss besser verkauft werden": Oliver Gerhards (links) und Andreas Küffner wollen die Kommunalpolitik ihrer Heimatstadt aufrollen Bild: florian-zinnecker Ihr erklärt, Ihr wollt politisch aktiv werden. Andere meinen mit „politisch aktiv“ eher Straßendemos… Ihr dagegen gründet einen gemeinnützigen Verein und wollt in den Stadtrat. Andreas: Naja, das war keine Entscheidung, die wir abends bei fünf Bier getroffen haben, weil wir dachten, das sei vielleicht eine lustige Geschichte. Oliver und ich, wir sind beide seit Jahren in irgendeiner Weise in der Kommunalpolitik tätig. Und, naja, es gab schon immer Leute, die gesagt haben, ich bin mir wichtig, und es gab andere, die – so pathetisch das auch klingt – gesagt haben, auch andere sind mir wichtig. Ein bisschen Leidenschaft und Idealismus muss man in der Politik immer mitbringen. Was steckt hinter BT-go? Andreas: Entstanden ist die Idee während des Oberbürgermeisterwahlkampfs (im Winter 2005/06, Anm. d. Red.). Den haben wir im Team des CSU-Kandidaten Dr. Michael Hohl begleitet, und dabei ist über lange Zeit hin die Idee dazu gereift. Da haben wir zum ersten Mal darüber gesprochen; seither wird geplant. Deshalb sind wir jetzt auch nicht wirklich überrumpelt davon, dass wir uns mit Anträgen ans Registergericht beschäftigen müssen… Oliver: Gegründet haben wir uns mit 13 Leuten - bewusst wenige, eben wegen des ganzen Formalkrams. Inzwischen haben wir etliche Anfragen von Leuten, die gerne Mitglied werden wollen. Von heute auf morgen geht da nichts – aber eine Zahl von hundert Leuten ist da durchaus realistisch. Andreas: Es gibt auch Leute, die wissen mit Mitte 20 nicht, wie die Bundeskanzlerin heißt. Andere kennen sich aus und mischen sich ein. Ganz einfach. Wobei es auch Leute gibt, die mit Mitte 50 nicht wissen, wie die Bundeskanzlerin heißt. Oliver: Klar. Die gibt’s auch. Wie akquiriert Ihr neue Mitglieder? Andreas: Mit Tatkraft, Image, Aktionen, lustigen Ideen. Die Mittel, die einer Partei zur Verfügung stehen, haben wir nicht – was wir irgendwie kompensieren müssen. Wir sprechen da von Guerilla-Taktik: Mit so wenig Aufwand wie möglich wollen wir möglichst viel schaffen. Oliver: Für morgen zum Beispiel planen wir eine etwas größere Aktion, mit Mitgliedern und Sympathisanten – da wollen wir die Zahl 30 erreichen. Vor dem Rathaus, am Brunnen – naja, eigentlich eher im Brunnen. Damit wollen wir symbolisieren, wir wollen da rein. Und wir machen uns nass für Euch. Euer nächstes Ziel ist also die Kommunalwahl? Oliver: Ja. Andreas: Wir wollen zeigen, dass wir nicht fünf Verrückte sind – sondern dass da Masse dahinter steht, Leute, die es ernst meinen. Deshalb treten wir mit einer kompletten Liste an, mit 44 Kandidaten. Verpflichtet sind wir dazu nicht, wir könnten auch nur mit zweien antreten. Oliver: Man muss dann auch mal schauen, ob man bei den Landkreiswahlen antritt… aber das kommt auch darauf an, wie die anderen Parteien reagieren, auf uns und auf unsere Ziele. Auf die Leute, die Euch wählen, kommt es nicht an? [Schweigen] Was macht Ihr, wenn Eure Liste am Wahltag nur ein paar 100 Stimmen abkriegt? Andreas: [nach langer Denkpause] Auch dann müssen wir es hinkriegen, in den Spiegel zu schauen und zu sagen, wir haben alles gemacht, was wir tun konnten. Mehr ging nicht. Oliver: Es ist ja so, man kann nur Leute begeistern, wenn man selbst begeistert ist. Und wir beide sind sehr begeistert, wie viele um uns herum. Deshalb mag ich nicht so recht an dieses Worst-Case-Szenario glauben. Andreas: Und selbst wenn, dann würde ich bezweifeln, dass wir aufhören würden. Den Wunsch und die Vision, etwas zu tun, die haben wir dann ja immer noch. Oliver: Und einen langen Atem haben wir auch (lacht). Was bei Stadtratssitzungen ja gar nicht so verkehrt ist. Angenommen, Ihr zieht mit vier, fünf Leuten ein - glaubt Ihr, Ihr könnt dann so arbeiten, wie Ihr es Euch vorstellt? Andreas: Naja, wir kennen inzwischen ja den einen oder anderen Stadtrat… und wie viele Leute da überhaupt aktiv sind und ihren Job ernst nehmen – das lässt sich an ganz wenigen Fingern abzählen. Oliver: Ich glaube sogar, du könntest 30 Stadträte sofort nach Hause schicken, und niemand würde das merken. Andreas: Wenn wir da – um es physikalisch auszudrücken – in diese träge Masse punktuell hohe Energie einzuspeisen, dann kann sich allerhand bewegen. Erst recht bei so einem kleinen Gremium wie dem Bayreuther Stadtrat – da reicht schon ein Einziger. Wie wollt Ihr das machen? Oliver: Ein bisschen wie früher die Grünen – deren Thema war in erster Linie der Umweltschutz, um die anderen dazu zu bringen, Umweltschutz auch zu deren Thema zu machen. Genau das tun wir jetzt mit dem Thema Jugend. Sollten wir irgendwann überflüssig werden, weil sich die anderen Parteien von sich aus verjüngen, dann ist das auch okay. Andreas: Wir müssen einfach versuchen, die Leute zu begeistern. Das geht aber nicht allein dadurch, in den Rathausbrunnen zu steigen. Oliver: Richtig. Sondern? Oliver: Wir sind gerade dabei, eine Programmatik aufzustellen. Mit sechs Punkten. Nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Studenten und Leute, die schon berufstätig sind oder Familie haben. Und was steht in diesen sechs Punkten? Oliver: Bayreuth hat das Glück, eine Uni-Stadt zu sein – was einen stetigen Zufluss an neuen Leuten gewährleistet. Aber wie der Stadtrat, so ist auch die Stadt selbst überaltert – denn die Studenten sind nach dem Studium weg. Die Leute sollen nicht nur kommen, die sollen auch bleiben. Und auch das Know-how muss bleiben. Wie dumm muss man denn sein, die Leute wieder gehen zu lassen? Bisher ist es so, dass Du am Campus leben kannst, ohne Bayreuth je gesehen zu haben. Das ist ein Punkt. Dann ist Bayreuth Sportstadt in vielen Disziplinen, Bayreuth ist Kulturstadt, auch durch die Richard-Wagner-Festspiele, aber nicht nur deshalb. Für eine vergleichsweise kleine Stadt ist das eine Menge. Bayreuth rockt – nur dass Bayreuth rockt, muss besser verkauft werden. Mag sein. Nur: Das verkünden die anderen Fraktionen auch. Wie profitiert Ihr davon? Andreas: Leute interessieren sich in erster Linie für Ihre Probleme. Und dafür, wie sie die Probleme lösen können. Und die Politik schafft es meistens nicht, ihnen die Lösungen anzubieten und so zu verkaufen, dass sie die Leute akzeptieren. Wenn junge Leute das Gefühl haben, sie können Ihre Wünsche und Ihre Ideen irgendwo einbringen, dann interessieren sie sich auch dafür. Das beweist die Beliebtheit von Landjugenden, Sportvereinen und anderen Vereinigungen. Oliver: Wir wollen ein Forum sein, eine Schnittstelle für Ideen, die zu uns kommen. Und wir schaffen Foren, wir schaffen Vernetzungen. Wenn Sportvereine und Landjugendgruppen das aber tun – denkt Ihr, Ihr könnt es besser? Andreas: Wir sehen uns da als Partner und vielleicht als Förderer, wie auch für die jungen Leute selbst. Hinstellen und sagen, wir machen alles besser – das wollen wir nicht. Wie alles besser zu machen ist, wissen wir ja selbst nicht. Wir müssen nur zuhören. Und glaubwürdig sein. Was macht Ihr, wenn jemand mit einer Idee ankommt, die Euch gar nicht passt? Oliver: Dann werden wir darüber diskutieren und erklären, warum diese Idee nicht so toll ist. Oft ist’s ja so, dass in schlechten Ideen noch ein guter Kern steckt. Oder eine Anregung. Andreas: Wenn jemand Aktionismus zeigt, dann lässt sich der ja auch kanalisieren und anderweitig verwenden. Oliver: Naja, wir haben natürlich Privatmeinungen und einen Wertekanon. Um mal ein krasses Beispiel zu bringen – wenn jemand sagt, die Arbeitslosigkeit sei zu hoch, Ausländer raus, dann ist das eine ziemlich dumme Idee. Ihr seid beide Mitglieder der Jungen Union, Du, Andreas, bist sogar Kreisvorsitzender…. Andreas: …unser Verein ist keine JU-Veranstaltung. Definitiv nicht - Oliver und ich sind bei der JU, weil diese Vereinigung unserer Einstellung am ehesten entspricht. Wenn wir aber in Bayreuth Politik mit jungen Leuten und für junge Leute machen wollen, dann kann das nur unabhängig passieren. Ich würde eher sagen, unsere JU-Erfahrung nützt uns, weil wir eine gewisse Erfahrung gesammelt haben. Warum probiert Ihr’s nicht einfach innerparteilich? Dann wäre der Aufwand für Euch nicht einmal halb so groß… Oliver: In den Altparteien kommst du als junger Mensch immer nur bis zu einem gewissen Punkt. Irgendwann stößt du an eine Grenze – auch in der Jungen Union. Klar, da kannst du rumkommen und eine gewisse Verantwortung tragen. Aber irgendwann ist es vorbei. Und wenn ich mir jetzt mal die hiesige politische Landschaft so anschaue, dann hat da die SPD fünf Kandidaten auf ihrer Liste stehen, die unter 40 sind. Unter 40! Das heißt, die sind 39, 38 oder 37. Leute, die 18 sind, 20 oder 25 – die gibt es da nicht, diese Generation ist einfach nicht vertreten Erkennen denn Eure politischen Kollegen Eure Ernsthaftigkeit? Andreas: Dafür, dass wir erst einmal in der Zeitung standen und einmal im Radio waren, hatten wir erstaunlich viele Anrufe. Was wurde da gesagt? Andreas: Manche fanden es gut, andere haben Zweifel angemeldet, dass wir was bewegen, und gesagt, es gibt eh schon zu viele Parteien. Aber auch die hat unsere Geschichte so beschäftigt, dass er es fertig gebracht hat, uns anzurufen. Und wenn jemand sagt, ihr macht das nicht richtig, ihr müsst das so und so machen… Andreas: Dann sagen wir, mach mit, bring Dich ein. Wir sind eine große Gruppe, und am Schluss wird eine Entscheidung stehen. Oliver: Und wenn er zu alt ist, dann kann er Fördermitglied werden.

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