„Politische Botschaften zu sprühen kann wirklich schlimm ausgehen"

Graffiti ist in den chinesischen Großstädten angekommen. Doch die Sprüher müssen ständig auf der Hut vor Polizeiüberwachung sein. Ein Interview mit der chinesischen Sprayerin "Friendly".
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Seit fünf Jahren dokumentiert das Invasian-Magazin die rasch wachsende Graffiti-Kultur in Fernost. Herausgeberin ist die 30-jährige chinesische Künstlerin „Friendly", selbst Teil einer Frauen-Graffiti-Crew in Hongkong. Ihren echten Namen kann sie hier nicht preisgeben, zu groß ist ihre Angst, dass die chinesische Polizei im Netz ihre wahre Identität herausfindet.

jetzt.de: Hongkong war bis 1997 britische Kolonie, mit der westlichen Welt also eng verbunden. Ist Graffiti da nicht ein altes Ding?
Friendly: Ein meiner britischen Freunde ist in Hongkong aufgewachsen und erzählt, dass er die ersten Tags bereits in den 80ern gesichtet hat. Aber damals war Graffiti noch sehr selten. Richtig abgegangen ist es erst in den 90ern. Da kamen eine Menge Künstler aus dem Ausland sprühten ihre Bilder in die Stadt. Ich glaube sogar, der Münchner Loomit hat hier als erster eine U-Bahn besprüht. Das hat die jungen Hongkonger inspiriert.

Und wie sieht das auf dem chinesischen Festland aus?
Die Leute dort haben ein bisschen später als in Hongkong mit Graffiti angefangen, aber sie entwickeln sich wirklich schnell. Vor fünf Jahren, als wir mit dem Magazin begannen, gab es in ein paar Städten schon einzelne Bomben und Tags. Seitdem sind in Peking, Shenzhen, Shanghai oder Wuhan große Sprayer-Szenen entstanden. Auch wenn man sich das kaum vorstellen kann: In beinahe jeder chinesischen Stadt gibt es mittlerweile Graffiti. Immer mehr Bilder tauchen an den Wänden auf und auch die ersten chinesischen Firmen, die Sprühdosen produzieren, werden gegründet. Die Szene bringt echt gute Arbeiten hervor. Das Einzige, was den Leuten dort fehlt, ist ein eigener Stil.

Die Leute kopieren Vorlagen, die sie im Internet sehen?
Ja, viele von ihnen. Aber es gibt auch ein paar wenige chinesische Sprayer, die einen sehr anderen Stil entwickeln. Sie sprühen etwa auf chinesisch oder versuchen mit Graffiti, die alte Kalligraphie oder chinesische Gemälde neu zu interpretieren.

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Illustration: Julia Schubert


Das ist Friendly, gut versteckt...

Aber gerade Kalligraphie, also die Kunst der Schrift, hat doch eine uralte Tradition in China. Warum greifen das nur wenige Sprayer auf?
Die meisten benutzen englische Buchstaben, weil ihnen traditionelle Schriftzeichen zu schwer sind. Das sagen jedenfalls einige von ihnen. Chinesisch ist aber auch sehr kompliziert: Die Zeichen bestehen aus vielen kleinen Strichen. Will man etwas auf chinesisch sprühen, darf man die Buchstaben nicht zu sehr verzerren und auch kaum etwas auslassen. Sonst wird schnell ein anderes Wort daraus oder die Bedeutung verändert sich. Das Ergebnis dann noch hübsch aussehen zu lassen, ist wirklich schwer. Aber selbst wenn sich die meisten Sprayer nicht auf Kalligraphie einlassen, malen viele doch chinesische Charaktere, die wirklich cool aussehen. So versucht jeder, seinen eigenen Stil zu entwickeln.

Die Chinesische Regierung ist nicht gerade dafür bekannt, sehr liberal zu sein. Wie reagiert die Polizei auf Graffiti?
In Hongkong ist das nicht so extrem, wie auf dem chinesischen Festland oder in Singapur. Der westliche Einfluss ist hier immer noch stark, außerdem gibt es Redefreiheit. Wenn man in Singapur anfängt, politische Botschaften zu sprühen, dann ist die Regierung wirklich hinter einem her. In Hongkong wird man nur dagegen nur für den kriminellen Schaden belangt. Eine Ausnahme war vielleicht die Sache mit dem Ai Weiwei Stencil.

Was ist da passiert?
Es gab eine Street-Art-Künstlerin, die etwas unternehmen wollte, als Ai festgenommen wurde. Also hat sie auf Facebook zu einem Treffen eingeladen und dann überall in der Stadt ihre Stencils hinterlassen. In diesem Fall hat die Polizei intensiv nach ihr gefahndet und sie schließlich auch verhaftet. Am Ende haben sie sie dann aber laufen lassen, also war es auch nicht so schlimm. Die meisten Graffitis hier haben keine politische Bitschaft. Außerdem sind in der Stadt auch nicht besonders viele Sprayer aktiv, ich würde schätzen, es sind zwischen zehn und 15 Leuten. Die Szene ist ständig in Bewegung, plötzlich sind Neulinge dabei, die aber genauso schnell wieder verschwunden sind.

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Illustration: Julia Schubert


...so sehen chinesische Schriftzeichen in Graffiti-Form aus...

Wie kommen Sprayer auf dem chinesischen Festland mit der Polizei zurecht?
Das ist immer unterschiedlich. Ich habe gehört, dass man die Polizisten häufig bestechen kann, wenn sie einen erwischen. Aber natürlich gibt es auch Graffiti-Writer, die dann eine längere Zeit in einer Polizeiwache verbringen müssen. Eine Geschichte war wirklich verrückt: Einer meiner Freunde wurde erwischt und von den Polizisten eingesperrt. Beim Verhör wollten sie wissen, warum er diese Wand angemalt hat. Am Ende haben sie ihn aufgefordert, ein Blatt Papier zu unterschreiben. Die Seite war weiß – es lag also in der Macht der Polizei, was sie ihm anhängen wollten. Ich weiß nicht, ob er dann tatsächlich unterschrieben hat. In den allermeisten Fällen haben die chinesischen Behörden keine Ahnung, was Graffiti ist und warum Leute das machen. Allerdings: Wenn man anfängt, politische Botschaften zu sprühen, kann das wirklich schlimm ausgehen. Dann kann es sein, dass man einfach verschwindet.

Nehmen die Behörden in Hongkong Graffiti ernst?
Am Anfang konnten wir noch tagsüber malen, weil sich niemand dafür interessiert hat. Inzwischen wird Graffiti wahrgenommen und deshalb rufen die Leute die Polizei, wenn sie uns sehen. Außerdem kommen immer mehr Künstler aus dem Ausland, um hier zu sprühen. Das große Problem in Hongkong sind die vielen Überwachungskameras, die vor allem an den Einfahrten, Türen oder unter den Dächern hängen. Wenn Leute die Einfahrt eines Fabrikbesitzers ansprühen, werden sie meistens dabei gefilmt. Die Eigentümer bringen das Filmmaterial dann als Beweis zur Polizei.

Was passiert, wenn man erwischt wird?
In Hongkong musst du meistens eine Geldstrafe bezahlen. Wie hoch die ist, hängt davon ab, wie viel du beschädigt hast und wo. Hast du das Eigentum reicher Leute beschädigt, bekommst du große Schwierigkeiten. Ein Freund musste 11.000 Euro bezahlen, weil er das Eigentum einer U-Bahn-Firma beschädigt hat. Bekannt ist auch die Geschichte des französischen Künstlers ZEVS. Er hat diese tropfenden Chanel-Logos gemalt, eines davon an das Armani-Kaufhaus in Hongkong. Dafür sollte er dann rund sechs Millionen Hong-Kong-Dollars bezahlen, etwa 600.000 Euro. Da ist aber die französische Regierung eingeschritten, hat auf offiziellem Weg den Behörden deutlich gemacht, was für ein wichtiger Künstler ZEVS in Frankreich ist. Danach musste er sein Bild nur noch abwaschen. An dem Fall kann man gut sehen, dass Strafen stark davon abhängen, ob du Unterstützung hast.

Ist es schwer, Plätze zu finden, die nicht von Kameras überwacht werden?
Hängt von der Gegend ab. Du musst immer vorsichtig sein, auch wenn mal keine Menschen da sind und eine Gelegenheit sehr einfach aussieht. Es gab da zum Beispiel diesen chinesischen Sprayer, der in San Francisco aufgewachsen ist. Letztes Jahr kam er mit Freunden her und malte unter anderem einen Antiqutätenladen von reichen Leuten an. Die Polizei hat die Gruppe dann auf allen möglichen Überwachungskameras vom Tatort bis zum Flughafen verfolgt und in dem Moment festgenommen, als sie gerade das Land verlassen wollten. Die andere Geschichte ist die meines Freundes, der die 11.000 Euro bezahlen musste. Die Ermittler sind dann einfach seiner Oktopus-Karte gefolgt. Das ist so ein Ticket, wie die Oystercard in London. Man kann in der U-Bahn damit bezahlen, aber auch in Supermärkten oder bei McDonalds. In manchen Studentenwohnheimen kommt man nur mit der Oktopus-Karte hinein. Es wird also sofort aufgezeichnet, wenn man nach Hause kommt. Mein Freund wurde auf einem Bahnsteig beim Sprühen gefilmt. Mit Hilfe der Oktopus-Karte konnte die Polizei seine Spur von Station zu Station folgen, wusste auch, was er dann im Supermarkt gekauft hatte und wann er nach Hause kam – einfach alles.

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Illustration: Julia Schubert


...und das ist eines von Friendlys Werken. Allerdings nicht in Hongkong, sondern in Zwickau, wo Friendly gerade bei dem Street-Art-Festival iBUg zu Gast war.

Gibt es keine Datenschutzgesetze in Hongkong, die Ermittler davon abhalten, alle gespeicherten persönlichen Daten zusammen zu fassen und so Bewegungsprofile zu erstellen?
Das ist hier einfach anders als in Europa. Wenn die Polizei in London dein Zimmer durchsuchen will, dieses Zimmer aber deinem Vermieter gehört, brauchen die Polizisten einen Durchsuchungsbeschluss, in dem der Name des Vermieters steht. Haben sie den nicht, müssen sie mit leeren Händen gehen. In Hongkong würden die Ermittler einfach gleich das komplette Haus durchsuchen.

Wie schützt du dich vor der Polizei?
Ich benutze Facebook nicht und bin total vorsichtig beim Hochladen meiner Bilder ins Internet. Es gibt zwar einige Fotos, aber wenn sie bei illegalen Aktionen gemacht wurden, dann stehen sie nur in verborgenen Foren, so dass nur meine Freunde sie sehen können. Außerdem versuche ich meine Künstleridentität von meinem Alltags-Ich getrennt zu halten.

Damit dein Name nicht mit deinem Graffiti-Alias verbunden wird?
Ja, aber das ist manchmal ganz schön verwirrend. Menschen, die mich in meinem gewöhnlichen Leben kennen, wissen nichts von meinem Hobby und anders herum. Ich suche mich selbst regelmäßig im Netz. Wenn ich dort Fotos von mir in Verbindung mit dem Namen „Friendly" finde, bitte ich die Leute, das zügig zu löschen. 

Text: clemens-haug - Fotos: Autor

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