"Puccini ist für mich wie Popmusik."

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jetzt.de: Katie, du warst als Kind Mitglied der Canadian Child Opera Company. Wie alt warst du, als du aufgenommen wurdest?  
Katie Stelmanis: Zehn.  

War das dein eigener Wunsch oder der deiner Eltern?  
Meine Eltern hatten verzweifelt nach einer Freizeitaktivität für mich gesucht. Sie haben viel probiert, Tanzstunden, Turnen, aber das meiste hat nicht funktioniert. Der nächste Schritt war der Chor, und da hat es dann geklickt. Es war wohl offensichtlich, dass ich mich schon als Kind zur Musik hingezogen fühlte, zu Instrumenten, Klavieren...  

Welche Art der Oper magst du am liebsten?  
Es gibt viele Opern, die mir nicht gefallen. Ich bin zum Beispiel kein besonderer Verdi-Fan, seine Opern sind mir immer etwas zu over the top. Ich mag Mozart-Opern. Die sind viel subtiler. Sehr humorvoll und doch voller wunderschöner, intensiver Momente. Mein absoluter Favorit aber ist Puccini. Ich liebe Puccini-Opern. Kennst du Puccini?  

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Illustration: Julia Schubert

Austra - Katie Stelmanis steht vorne, als zweite von links.

In „La Bohème“ hab ich mal reingehört.  
Vielleicht ist es ein Geschmack, den man sich aneignen muss. Es ist eine Art zu singen, die für viele erst einmal befremdlich wirkt. Wer die Oper dagegen mag, der liebt die Oper. La Bohème war die erste, in der ich als Kind mitgespielt habe. Jeden Abend, drei Monate lang, war ich davon umgeben. Die Geschichte, die Charaktere, ich habe das alles verinnerlicht. Wenn ich Puccini jetzt höre, dann ist das für mich wie Popmusik. So vertraut.  

Austra – Lose It
Der Ohrwurm, mit dem Austra der Durchbruch gelang: "Lose It".

Macht es einen großen Unterschied, als Musiker Klassik oder Pop zu spielen?  
Als klassischer Musiker bist du Interpret. Du trägst Stücke vor, die jemand anderes geschrieben hat, und es gibt sehr spezifische Regeln, wie du das zu tun hast: Über Jahrhunderte hat sich ein Standard entwickelt. In der Popmusik kannst du dagegen alles machen, was du willst. Buchstäblich alles. Vielleicht mögen es die Leute nicht, aber zumindest haben sie keine festen Erwartungen. Ich hatte einmal einen Klavierlehrer, der meinte: Wenn das Publikum sich langweilt, dann ist es allein deine Schuld. Wenn du Klavier spielst, musst du völlig in dem aufgehen, was du tust. Wenn  du jede einzelne Note fühlst, kann sich das Publikum gar nicht langweilen. Du fesselst ihre Aufmerksamkeit, weil alles, was du tust, ein Ziel hat. Ich denke das gilt auch für die Popmusik.   

Eigentlich wolltest du nach der Highschool in Montreal studieren, hast dich aber dann doch im letzten Moment dagegen entschieden. Warum?  
Ich habe zum damaligen Zeitpunkt gerade erst angefangen, die Szene in Toronto zu entdecken. Ich habe nach meinem Abschluss angefangen, in einem Kaffee in einem der alternativen Viertel in Toronto zu jobben. Und so hat sich mir überhaupt erst diese völlig neue, unbekannte Seite der Stadt erschlossen. Die meisten Leute, aus denen diese Szene bestand, waren ja auch in der Regel keine Einheimischen.  

http://vimeo.com/64771716
...und der Nachfolger: "Home", die erste Single vom Album "Olympia", das vergangenen Freitag erschienen ist.

Wo findet man die Szene in Toronto?  
Als ich meine ersten Schritte gemacht habe, war der „Blocks Recording Club“ das Zentrum der Musikszene. Die haben viele der abwegigeren Avantgarde-Bands in Toronto veröffentlicht. Mein erstes Solo-Album ist dort erschienen. Der Club hat Shows veranstaltet, viele unterschiedliche Leute haben mitgemacht, das war wie ein Kollektiv. Wie es jetzt aussieht, kann ich dir nicht wirklich sagen, weil ich so viel Zeit außerhalb der Stadt verbracht habe. Immer wenn ich nach Hause komme, fühle ich mich irgendwie außen vor. Ich weiß, welches die angesagten Bezirke sind, aber ich weiß oft nicht wirklich etwas mit mir anzustellen.  

Toronto gilt derzeit als eine der interessantesten Städte, was moderne Popmusik angeht. Was ist an Toronto so besonders?  
Erst mal ist Toronto natürlich eine große Stadt, in der viel passiert. Und dann ist die Situation in Kanada nochmal eine andere als zum Beispiel in den Staaten. Es gibt sehr viele Förderprogramme für Künstler. Ich wüsste nicht, wo ich ohne die wäre. Mein Debütalbum „Feel It Break“ konnte ich zum Beispiel nur mithilfe solcher Gelder machen. Ich habe ungefähr 10.000 Dollar gekriegt, mein Album gemacht, und dann hat mich Domino unter Vertrag genommen. Das wäre sonst wohl nie passiert. Ich glaube, es gibt viele Bands in einer ähnlichen Position.  

Austra ist der Name einer lettischen Gottheit. Dein neues Album heißt „Olympia“. Woher kommt dein Faible für die Mythologie?  
Die Geschichte hinter dem Titel ist eigentlich eine andere: Wir haben das Album in einem Studio in Michigan aufgenommen, dem Key Club. Es gehört einem Pärchen, Bill und Jessica Skippy. Die haben sich dieses Haus mitten im Nirgendwo gekauft und daraus ihr Traumstudio gemacht. Wenn Bands dort aufnehmen, wohnen sie dort normalerweise auch. Bei uns waren das insgesamt fünf Wochen, in zwei Sessions. Während der ersten war Jessica im neunten Monat. Danach waren wir die erste Band, die nach der Entbindung wieder im Studio war. Während wir also das Album machten, war das Baby immer präsent. Erst im Bauch, dann in echt. Jessica und Bill haben das Kind Olympia genannt. Und wir unser Baby, das Album, dann auch.               

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