Punk´s not dead (in Peking)

Warum nicht mal ein Label für asiatische Indie-Bands gründen? Susanne Messmer hat es getan. Gemeinsam mit ihrem Freund George Lindt: Fly Fast Records. Mit jetzt.de spricht sie über ein großes Herzensprojekt.
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Susanne Messmer und George Lindt sind in Marburg aufgewachsen, haben sich dort als Teenager in einer Diskothek kennen gelernt und sind seitdem ein Paar. Mit Fly Fast Records betreiben die beiden Mittdreißiger in Berlin das erste Label in Europa, das sich ausschließlich Punk- und Rockmusik aus Asien widmet. Seine Gründung verdankt das Label Fly Fast Records dem Dokumentarfilm "Beujing Bubbles", in dem die beiden die Rock- und Punk-Szene in Chinas Hauptstadt beleuchten und der gerade in den deutschen Kinos läuft. Da nach den ersten Aufführungen von "Beijing Bubbles" ständig Anfragen kamen, wo denn CDs der porträtierten Bands zu erwerben seien, beschlossen die Filmemacher im vergangenen Jahr, die Nachfrage mit Veröffentlichungen einer eigenen kleinen Plattenfirma zu befriedigen. Seitdem arbeiten sie sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag. Susanne Messmer kündigte ihren Redaktionsposten bei der taz, um sich voll und ganz Fly Fast zu widmen. Die Band Joyside, eine der im Film vorgestellten Bands, tourt gerade durch Deutschland, die Schweiz und Österreich. Und während die Jungs gerade fröstelnd feststellen, dass es im Chiemsee noch entschieden zu kalt fürs Baden ist, spricht Susanne Messmer mit jetzt.de über Mut und Träume.

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Illustration: Julia Schubert

Susanne, wenn Dir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, dass er ein Plattenlabel gründen will um Punk- und Rock-Platten aus Asien zu veröffentlichen... Susanne Messmer: ... dann hätte ich mich totgelacht. Vor ein paar Jahren war ich auch noch nicht chinabegeistert. Das kam alles relativ spontan. Ich bin Anfang 2004 nur im Urlaub hingefahren, mit George und einer Clique, als Touristin. Unsere Freundin Jane hat uns dann in Peking Hang On The Box, eine sehr lustige Mädchenband, vorgestellt. Wir waren dann gemeinsam einen Abend lang was trinken. Das hat uns so gut gefallen, dass wir sofort gedacht haben: Da machen wir jetzt einen Dokumentarfilm. Die Damen müssen tüchtig Eindruck hinterlassen haben. Ziemlich. George und ich sind beide in diesen Strukturen seit wir Teenager sind und haben unser erstes Fanzine mit 17 Jahren gegründet. Über Gothic-Musik (lacht) . Deshalb waren wir wohl auch so begeistert, einen derartigen Enthusiasmus in China zu finden. Verströmt von totalen Individualisten, die so gar nicht dem Klischeebild des gleichgeschalteten Chinesen entsprechen. Wart Ihr vielleicht auch deshalb so begeistert, weil Euch in China eine Jugendrebellion begegnete, die in Deutschland gar nicht mehr möglich ist? Zu Jugendrebellion haben wir zwar ein extrem gespaltenes Verhältnis, wobei wir schon auch Jugendbewegungen mitgemacht haben. Die Gothic-Bewegung Ende der 80er Jahre habe ich zum Beispiel voll mitgemacht. Aber ich war keine Zeitgenossin des Punk, da war ich erst sieben oder sechs Jahre alt. Ja, vielleicht ist es so: dass wir in den Leuten in China etwas verwirklicht sehen, das wir selbst verpasst haben. Wie war die persönliche Situation von George und Dir, als Ihr mit dem Film begonnen habt? George hatte zuvor einen Dokumentarfilm fertiggestellt, in dem es ums Älterwerden in Indie-Strukturen geht. Da hatte er Hamburger und Berliner Bands mit drin wie yBritta, Die Sterne, Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni, Stereo Total – die alten Helden sozusagen. George war aber ein bisschen frustriert, weil er eigentlich sehr gerne persönliche Porträts gemacht hätte, sie ihm aber immer bloß eine Interviewstunde eingeräumt haben. Dadurch ist er ihnen auch nicht auf eine verwertbare Art nahe gekommen. Deswegen war er dann total glücklich, als er in Peking plötzlich mit der Kamera mitlaufen konnte und die uns mit zu ihren Eltern geschleppt haben, zum Karaoke-Singen, zum Frühstücken, zum Abendessen, zu Konzerten. Am nächsten Tag zur nächsten Band und wieder von vorne und so weiter. Die waren ganz neugierig und aufgeschlossen. Wir durften die Kamera auch niemals abstellen, obwohl wir's ihnen mehrfach angeboten haben. Das war ziemlich toll. In einem "Zeit"-Artikel wurde Bian Yuan, der Sänger von Joyside, kürzlich als wandelndes Zitat der westlichen Rock- und Punkgeschichte bezeichnet ... ... was von unserer Warte aus betrachtet sicherlich auch gar nicht schlecht beobachtet ist. Die einen vergleichen ihn mit dem jungen Mick Jagger, dann hat er was von Nikki Sudden und manche Sachen sagt er, wie sie auch Jim Morrison nicht besser hätte sagen können. Das ist alles wahr. Aber ich finde, das das vor dem Hintergrund dieser chinesischen Gesellschaft nochmal was ganz anderes bedeutet. Nämlich? Dass es etwas ganz Tolles hat, wenn man sich aus dem ganzen Repertoire der westlichen Rock- und Punkgeschichte bedienen kann. Und sich da einfach das Beste herauspicken und was eigenes daraus drechseln kann. In China ist das nochmal was ganz anderes, weil ich es dort für sehr viel mutiger halte, so ein Outsider-Dasein zu wählen als es das in der westlichen Gesellschaft gewesen ist. In China gibt es nach wie vor eine sehr konforme, restriktive, traditionelle Gesellschaft. Die laufen zwar nicht mehr alle im Mao-Kittel rum aber dafür im Büro-Einheitsdress. Es dreht sich alles ums Geld verdienen und Karriere machen. Möglichst früh Appartements kaufen, heiraten, Kinder kriegen, Auto kaufen. Wie bei uns in den 50er Jahren nur viel, viel schlimmer. Vom Mut, sich abseits dieser Gesellschaft zu bewegen, bekommt man auch als westliche China-Besucherin was mit? Absolut. Diese Leute sind Ausnahmeerscheinungen, nach denen sich auf der Straße nach wie vor alle umdrehen. Die Szene wächst zwar, ich war im letzten Jahr nochmal für sechs Monate dort, die Clubs werden besser, die Bands werden besser und es werden auch immer mehr Bands. Aber trotzdem: Für eine Stadt wie Peking, mit 10 bis 15 Millionen Einwohnern – so genau weiß man das wegen der ganzen Wanderarbeiter ja nicht – ist es trotzdem eine verschwindend kleine Szene. dadurch ist sie natürlich auch sehr familiär. Jeder kennt jeden. Ein par Bands haben sich auch durch unseren Film kennen gelernt. Es sind vielleicht 15 richtig tolle Bands – im Grunde ist es das schon, was den Gitarren-Indie-Sektor in Peking angeht. Hat Indie für Dich durch die Beschäftigung mit den asiatischen Bands eine neue Bedeutung bekommen? Ja. Ich bin wieder ganz zurückversetzt und fühle mich gerade wieder wie ein Teenager, gerade jetzt, wo ich mit denen auf Tournee gehe. Ich bin zwar auch die Band-Mama aber finde die Begeisterung und Leidenschaft dieser Leute absolut ansteckend. Wie soll's jetzt mit Fly Fast weitergehen? Wir wollen soviel verdienen, dass das weitergeht. Im Herbst wollen wir die nächsten zwei Bands holen, da laufen die Verhandlungen gerade. Wir würden gerne Hang On The Box holen, die Band aus dem Film. Die haben einige Veränderungen durchgemacht, begannen als chinesische Riot Girls und wurden dann immer poppiger und – meiner Ansicht nach – auch lustiger und interessanter. Jetzt haben sie gerade ihre Schlagzeugerin und Gitarristin verloren und dekonstruieren ihren Pop momentan. Ziemlicher Krach. Wir finden die trotzdem noch sehr interessant und klug und würden die deshalb gern eholen. Die andere Band macht sehr tolle Gitarrenmusik, so ein bisschen Richtung Sonic Youth. Sie sollten in Peking auch mal im Vorprogramm von Sonic Youth auftreten aber da hat's dann an irgendeiner Genehmigung gemangelt. Die würden wir beide gerne im Doppel holen und zeitgleich im Oktober auch gleich die DVD von "Beijing Bubbles" rausbringen. Gibt es eigentlich Auswahlkriterien für Fly-Fast-Bands? Wir suchen uns schon Bands, wo's mit Englisch ein bisschen geht. Alles andere wäre unmöglich, weil wir uns auch keine Übersetzer leisten können. Die meisten können aber schon so rudimentär Englisch, dass man zumindest über E-Mail korrespondieren kann. Schreiben können sie ja sowieso alle besser als sprechen, weil die so einen seltsamen Englisch-Unterricht haben. Die sprechen kaum, sondern übersetzen bloß ständig schriftlich Texte. So wie bei uns im Latein-Unterricht. Aber die E-Mail-Kommunikation funktioniert dadurch bestens. Das Joyside-Album Booze At Neptune's Dawn wird am 11. Mai veröffentlicht, der Soundtrack zu "Beijing Bubbles" ist bereits bei Fly Fast Records erschienen. Tourdaten Joyside: Sa, 05.05.2007 Freiburg (GER), Jazzhaus So, 06.05.2007 Düdingen (CH), Club Bad Bonn Mo, 07.05.2007 Zürich (CH), Mascotte Di, 08.05.2007 Köln (GER), Studio 672 Mi, 09.05.2007 Mainz (GER), KUZ Fr, 11.05.2007 Dornbirn (A), Spielboden Sa, 12.05.2007 Wiener Neustadt (A), Triebwerk Sa, 26.05.2007 Annaberg-Buchholz (GER), Alte Brauerei So, 27.05.2007 Passau (GER), Pfingst OA Mo, 28.05.2007 Mainz (GER), Open Ohr Festival Fr, 01.06.2007 Berlin (GER), HAU "Beijing Bubbles" ist in folgenden Kinos zu sehen (alle Angaben ohne Gewähr): Bremen: Schauburg Cottbus: Jugendkulturzentrum GladHouse – Oberkino (ab 22. Juni) Dornbirn (A): Spielboden Dresden: Metropolis Düsseldorf: Black Box (ab 10. Mai) Freiburg: Friedrichsbau (Starttermin wird noch bekannt gegeben) Gießen: Kinocenter (ab 10. Mai) Graz (A): Rechbauer Kino Halle: LaBim (ab 18. Mai) Hamburg: 3001 Kino und B-Movie (nur 5. Mai) Hannover: Kino im Sprengel (nur 18./19. Mai) Köln: Filmhaus Lambach (A): Lichtspieltheater (ab 23. Mai) Mainz: Capitol München: Monopol Marburg: Palette Nürnberg: Komm Kino (ab 7. Mai) Passau: Scharfrichter-Kino (Starttermin wird noch bekannt gegeben)

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