"Rappen über Pimmel - darin haben wir Routine"

Ernsthafte und kritische Texte schreiben? Schwierig, wenn man von sich selbst behauptet, den Humor eines Fünfjährigen zu haben. Auf ihrem neuen Album "Hurra die Welt geht unter" versuchen K.I.Z. es trotzdem.
daniel-schieferdecker

jetzt.de: Warum bejubelt ihr im Titel eures Albums den Weltuntergang?
Maxim: Das soll ja keine Warnung sein. Wir stehen nicht mit dem Megafon vor dem Getränkemarkt und warnen die Gottlosen vor der bevorstehenden Apokalypse.
Nico: Wir möchten den Leuten vielmehr die Angst vor dem Weltuntergang nehmen. Freut euch drauf!

Wenn die Welt untergeht, haben K.I.Z. wenigstens Blumen dabei.

Ein wichtiger Bestandteil bei K.I.Z. war immer der wortspielerische Umgang mit gesellschaftlich relevanten Themen. Eure erste Single „Boom boom boom“ ist textlich viel direkter als man das von euch gewohnt ist.
Tarek: Das war eine Herausforderung, die wir bewusst gesucht haben.
Maxim: Wir hatten auch früher häufig vor, kritische Themensongs zu machen, sind mittendrin aber immer wieder eingeklappt und haben dann doch bloß wieder über Fotzen und Pimmel gerappt. Das ist zwar nicht unbedingt einfacher, aber darin haben wir mehr Routine.
Nico: Wir haben uns diesmal bewusst das Dogma gesetzt, keine „Fick deine Mutter“- und „Wir sind die besten Rapper Deutschlands“-Texte zu schreiben.
Maxim: Letzteres wissen ja mittlerweile auch alle.

http://www.youtube.com/watch?v=J_JqKXvenaE

Auch bei den vorherigen Alben wurde immer wieder die Frage gestellt: „Dürfen die das?“ Beschäftigt ihr euch bei der Arbeit an neuen Songs mit dieser Frage?
Nico: Natürlich haben wir uns unsere Gedanken gemacht. Aber dabei ging es weniger darum, ob wir dadurch in den Fokus der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kommen könnte. Die Frage ist eher, ob es die einzelnen Zeilen wirklich am besten auf den Punkt bringen.
Maxim: Am wichtigsten ist: Wir müssen selbst dazu stehen können. Dann können wir dafür auch...
Tarek: ...in den Knast gehen. (grinst)
Maxim: ...die Konsequenzen in Kauf nehmen. Aber wenn du etwas gesagt hast, was du selbst doof findest und dafür kritisiert wirst, wird es schwer, sich zu verteidigen – weil du den Kritikern insgeheim Recht gibst.

Wie habt ihr den Artikel auf welt.de wahrgenommen, in dem der Autor die Frage aufwirft, ob euer Video zu „Boom Boom Boom“ eine Anstiftung zum Terrorismus sei?
Maxim: Der Autor hat in einer Schulung für virales Marketing vermutlich gelernt, dass man einen Online-Artikel mit einer solchen Frage abschließen sollte, damit die Kommentarleiste voll wird und viele Klicks generiert werden – ein Vollidiot scheint er jedenfalls nicht zu sein, wenn auch sehr reaktionär.
Tarek: Ich fand’s auch unterhaltsam geschrieben. Und wenn ich ein 40-jähriger CSU-Wähler aus Bayern wäre, hätte ich mir das Video daraufhin angesehen.
Maxim: Die beste Antwort darauf hat dann ja auch unser ehemaliger Label-Chef Marcus Staiger bei Noisey geliefert.

Wen meint ihr genau mit den im Song erwähnten Partypatrioten?
Maxim: Das sind die Leute, die sich nach außen hin zwar von Nazis distanzieren, im Grunde genommen aber eine ähnliche Denkweise haben; Leute, die betonen, dass sie es schön finden, aus Deutschland zu kommen und sich darüber definieren. Dieser akzeptierte Patriotismus impliziert aber eben immer auch eine Abgrenzung anderen gegenüber.

Wie gefährlich stuft ihr diesen akzeptierten Patriotismus ein?
Maxim: Das ist keine direkte Gefahr für den Ausländer nebenan, sorgt aber dafür, dass wir in unserer freundlichen Demokratie Grenzen schaffen und geflissentlich wegsehen, wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen.

Beschäftigt ihr euch auf der neuen Platte mehr mit dem Weltgeschehen als früher?
Maxim: Auf jeden Fall. Weil wir mehr reden, mehr lesen und mit offenen Augen durch die Welt gehen. Deshalb ist unser Verhältnis zur Welt so schlecht.

Auf „Hurra die Welt geht unter“ setzt ihr euch aber nicht nur mit politischen, sondern auch mit sehr persönlichen Themen auseinander. Tarek, du redest auf der Platte zum Beispiel von Liebeskummer. Ist es dir schwer gefallen, etwas so Persönliches nach außen zu tragen?
Tarek: Ja, zumal es keine emotionale Verbindung mehr zu der Person gibt, die ich dabei im Hinterkopf hatte. Aber so lernen mich die Fans auch noch mal besser kennen. Vielleicht helfe ich einigen Leuten sogar dabei, besser mit einer ähnlichen Situation klarzukommen. Ein solcher Text macht mich greifbarer, aber auch angreifbarer. Das soll aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ich nach wie vor noch gerne Kinderwagen die Treppen runtertrete. (grinst)

Hat sich euer Humor über die Jahre verändert?
Tarek: Nein, leider nicht. (grinst)
Maxim: Ach, doch, ein bisschen raffinierter ist er schon geworden – auch wenn ich nach wie vor das Humorverständnis eines Fünfjährigen besitze mit dem Vokabular eines...

...Achtjährigen.
(Gelächter)
Maxim: Ja, genau. So lange Worte wie furzen, kacken, Pimmel und Fotze vorkommen, bin ich zufrieden. Dieser Humor ist zeitlos. Wer das anders sieht, ist ein ehrenloser Vollidiot.

Euch gibt es jetzt schon 15 Jahre. Hattet ihr schon mal so etwas wie eine Krise?
Maxim: Nach dem Hype von „Hahnenkampf“ 2007 gab es eine Phase, in der wir viel bei Nico rumgehangen und GameCube gezockt haben. Eine Phase, in der ich das Gefühl hatte, dass wir krass unlustig geworden sind. Da konnte ich auch nichts mehr schreiben und es hat eine Weile gedauert, für „Sexismus gegen Rechts“ wieder reinzukommen. Übrigens: Als ich letztens in der Eisdiele war, lief dort das „Rohmilchkäse“-Intro der Platte. Das war schön!

Passiert euch das oft, dass ihr unterwegs seid und dann Songs von euch laufen?
Tarek: Als ich neulich im Waffelladen war, hat mir die Bedienung dort mit Sirup meinen Namen auf die Waffel gemalt. Das war auch schön!
Nico: Und als wir mal auf dem Rummel in der Hasenheide in Berlin-Neukölln waren, da lief „Spast“.
Maxim: Ja, da waren wir stolz! Das war am allerschönsten!
Nico: Und als wir nach einer Show in Jena mal in eine Stripbar namens Titty Twister gegangen sind, hat dort netterweise eine Frau für uns zu „Geld essen“ gestrippt. Das war am allerallerschönsten!


Text: daniel-schieferdecker - Foto: Christoph Voy