Rastlos in Afrika

101 Tage durch Afrika, von Kapstadt bis Kairo, ohne Plan, ohne Karte, ohne Auto. Ein Interview mit Alexander, der genau das gemacht hat.
marie-charlotte-maas

jetzt.de: Alexander, warum bist du durch Afrika gelaufen?
Alexander: Nach meinen zwei Auslandssemestern in Kapstadt blieben mir noch ein paar Wochen Zeit, bis ich nach Deutschland zurück musste. Ich hatte noch keinen Rückflug gebucht und fragte mich: Was tun? Ich reiste zunächst zu Freunden nach Namibia. Dort habe ich dann spontan beschlossen, einfach loszulaufen. Ich dachte: Jetzt oder nie!  

Wie lief die Reise ab?
Alles ging sehr spontan. Ich bin sehr viel gelaufen, manchmal per Anhalter gefahren und habe auch mal einen Bus oder eine Fähre genommen. Wie es gerade kam. Ich hatte ja keinen Zeitdruck und keinen Plan. Es stand nur fest, dass ich spätestens drei Monate nach meinem Abbruch irgendwo in Europa sein wollte, um von dort nach Hause zu fliegen. Wenn ich jemanden getroffen habe, sind wir zu zweit gelaufen. Manchmal habe ich eine Woche lang niemanden gesehen. In den großen Städten kam es vor, dass ich auf Europäer und Amerikaner stieß - alles Leute, die mit dem Auto durch Afrika gefahren sind. Die haben mich schief angeschaut, als ich von meiner Reise erzählt habe.  

Bist du jeden Tag gleich weit gekommen?
Nein, ich wurde des öfteren von Leuten eingeladen, denen ich unterwegs begegnet bin. In der Hauptstadt von Sudan beispielsweise blieb ich eine Woche. Dort wohnte ich bei einer Familie, die mich im Auto mitgenommen hatte. Die Leute hatten eine Ölfabrik und boten mir ein Zimmer und Essen an. Als Weißer fällt man in der Gegend eben auf. Natürlich wollten auch sie wissen, warum ich das mache. Eine Antwort hatte ich nicht. Es gab ja keinen tieferen Sinn.  

Wo hast du normalerweise geschlafen?
Sehr oft draußen, ab und an in „Hotels“ - auch in den kleinsten Dörfern gibt es Gästezimmer. Einmal brachten mich Leute, denen ich begegnet bin, zu einer Mission, in der ich übernachtet habe. Sie sagten, ich solle lieber nicht weiter laufen, es sei nachts in der Gegend zu gefährlich. In der Mission lebte ein alter, kleiner Italiener, der mir Pasta gekocht hat.  

Hattest du keine Angst?
Eigentlich nicht. Ich hatte ja auch nichts dabei, was die Begehrlichkeiten eines Diebes hätte wecken können. Nein, wirklich, ich hatte keine Angst. Aber Respekt. Ich habe mir gesagt: "Kenne deine Grenzen, sei aufmerksam und konzentriert!" Ich habe Straßen gemieden, bei denen ich ein schlechtes Gefühl hatte. So wie ich auch in Europa Straßen meide, die mir gefährlich und dunkel vorkommen.  

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Illustration: Julia Schubert

Alexander unterwegs

Gab es keine gefährlichen Situationen?
Ganz ehrlich: Ich habe mich in Südafrika unwohler gefühlt, weil man über das Land die schlimmsten Dinge hört - manches ist wahr, manches übertrieben. Aber darum ist die gefühlte ständige Bedrohung dort sehr hoch. Als ich dann unterwegs war, ließ die Angst nach. Ich habe mir einfach gedacht: Ich kann auch zu Hause mein Leben verlieren. Natürlich hatte auch ich eine gewisse Skepsis, das steckt einfach in uns, aber man kann sie ablegen. Jeden Tag wurde sie ein bisschen weniger. Auf dem Land waren die Leute dann sehr entspannt, es gab immer ein großes hallo, wenn ich in ein Dorf kam, High-Five mit allen Bewohnern. Gefährliche Tiere sind mir nicht begegnet, auch wenn sie mit Sicherheit da waren.  

Hat dich niemand vor der Reise gewarnt?
Meine Familie war nicht begeistert. Aber was sollten sie tun? Ich war in Afrika und sie in Deutschland, also haben sie es zähneknirschend abgesegnet. Das Problem war, dass ich auch nicht immer die Möglichkeit hatte, ins Internet zu gehen, also konnte ich mich nicht regelmäßig melden. Das war sicher auch nicht ganz fair meiner Familie gegenüber. Aber ich habe versucht, einmal die Woche ein Lebenszeichen zu geben. Auch Leute vor Ort haben mir abgeraten. Der Vater eines südafrikanischen Freundes sagte: "Junge, wer keine Probleme hat, der macht sich welche." Aber ich war so überzeugt von der Idee, dass ich mir nicht habe reinreden lassen.  

Was hattest du bei dir?
Nur einen Rucksack mit dreckigen Unterhosen. Mein Gepäck wurde im Laufe der Zeit immer kleiner. Zu Beginn wog es zehn Kilo, dann habe ich angefangen Sachen zu verschenken oder gegen andere Dinge zu tauschen. In Afrika ist die Tauschkultur noch groß. Ein Typ sagte zu mir: "Cooles T-Shirt" und ich meinte: "Willst du es haben?" Dafür habe ich von ihm ein kleines Gemälde im Rahmen bekommen.   

Wie hast du dich verständigt?
Oft konnten die Leute Englisch und sonst reichte ein Lächeln oder ein Handzeichen. "Ich habe Hunger" kann man mit einem Zeigen auf den Mund andeuten und "Ich bin müde" lässt sich auch deutlich machen.  

Was hast du gelernt?
Ich habe unglaubliche Dinge gelernt; zum Beispiel, wie man eine Taube mit der Hand fängt. Und vielleicht das wichtigste: Menschen einschätzen. Das hilft mir auch jetzt noch. Und, dass man geduldig sein muss. Viele Situationen kann man einfach aussitzen.

Kannst du ein Beispiel geben?
An der Grenze von Kenia nach Äthiopien gab es eine brenzlige Situation. Bei der Passkontrolle sagten die Grenzbeamten plötzlich, dass mein Visum abgelaufen sei und dass sie mich ins Gefängnis stecken würden. Schon am nächsten Tag solle der Prozess beginnen. Natürlich war das nur Fake. Sie wollten Geld von mir. Ich habe also einfach nicht reagiert und geschwiegen. Dann haben sie mich tatsächlich gehen lassen.  

Hat die Reise dir noch mehr Erkenntnisse gebracht?
Reisen macht demütig. Ich weiß jetzt, dass ich nicht der Typ bin, der sich nur ins gemachte Nest setzen und im Luxus schwelgen will. Unsere mitteleuropäischen Standards sind so weit weg von denen anderer Gesellschaften. Da merkt man erst, wie gut es einem selber geht und dass man keinen Grund hat, sich zu beschweren. Ich habe gelernt, dass ich eine gewisse Verantwortung habe, weil ich das Privileg habe, in einem Land wie Deutschland geboren zu sein.  

Welche Konsequenzen ziehst du daraus?
Ich habe den Leuten, denen ich begegnet bin meine E-Mail-Adresse und meine Adresse in Deutschland gegeben und gesagt: Wenn ihr Hilfe braucht, meldet euch. Tatsächlich haben sich einige gemeldet, aber wirklich die allerwenigsten wollten etwas von mir. Die meisten wollten nur ganz nett fragen, wie es mir geht. Einer bat mich um ein Paar Sportschuhe. Die habe ich dann auch gekauft und ihm geschickt.  

Wie denkst du im Nachhinein über deine Idee?
Ich bereue nichts. Ich habe viel über mich gelernt, ich bin zur Ruhe gekommen. Das ganze hatte ja keine hintergründige, spirituelle Ebene, es war einfach ein spontaner Entschluss. Vielleicht wollte ich auch unterschwellig meine Grenzen testen, das ist gut möglich. Ich habe die Gewissheit bekommen, dass die Welt nicht so schlecht ist, wie man immer in der Zeitung liest. Das schlechte verkauft sich nur besser. Ich habe erlebt, dass gerade die Länder, über die man nur Furchtbares hört, gar nicht so schlimm waren.  

Du würdest es wieder machen?
Jetzt bin ich erstmal für ein paar Wochen in Albanien. Ich habe mit einer Freundin vor einem Atlas gesessen. "Albanien, kennst du das?", wollte sie wissen. Ich kannte es nicht und jetzt werden wir drei bis vier Wochen dort herumreisen.  

Bist du ein Abenteurer?
Ich weiß nicht. Ich glaube eher, ich bin rastlos. Die Trägheit kommt dann von selber im Alter. Ich habe auch nichts gegen Mallorca, aber auch dort würde ich nach Gebieten suchen, wo nicht so viele Touristen sind. Oft geht man zwei Meter weiter und dann kommt etwas viel Spannenderes.    

Alexander Bernhardt hat seine Erlebnisse im Buch „Bravado. Abenteuer Afrika - Allein vom Kap nach Kairo“ aufgeschrieben. Mehr dazu hier.



Text: marie-charlotte-maas - Foto: privat

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