Rebellion gegen sich selbst

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Rebecca Martin ist 22 Jahre alt und hat im September ihren zweiten Roman "Und alle so Yeah" veröffentlicht. Darin erzählt sie die Geschichte der 19-jährigen Elina, die vor einiger Zeit einen erotischen Roman veröffentlicht hat, der zum Bestseller wurde, nach dem Abitur mit zu viel Geld und zu vielen Möglichkeiten in der Berliner WG ihres Bruders lebt und keine Ahnung hat, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Elina quält sich von Party zu Party, bis sie schließlich mit ihrem Bruder zu einem Roadtrip aufbricht, auf dem ihr einiges klar wird.

Der Roman hat autobiographische Züge, denn auch Rebecca Martin hat 2008 ihr Debüt veröffentlicht, in dem sich eine 17-Jährige, die sich eigentlich nach der großen Liebe sehnt, in verschiedene sexuelle Abenteuer stürzt. "Frühling und so" erschien in der erotischen Reihe des Schwarzkopf&Schwarzkopf-Verlags, bekam eine Menge Aufmerksamkeit in den Medien und landete auf der Bestseller-Liste.
Mit jetzt.de hat Rebecca über ihre Erfahrungen als junge Bestsellerautorin, das Erwachsenwerden, ihr neues Buch und den Traum vom Haus am Meer gesprochen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Rebecca, ist es für dich noch spannend, ein Buch zu veröffentlichen, nachdem dein erstes ein so großer Erfolg war?
Rebecca Martin: Ja, total. Weil es sich nochmal so anfühlt, als wäre es das erste. Das zweite Buch ist auch deswegen unheimlich, weil man schon mal was von sich gezeigt hat und jetzt nochmal einen drauflegen muss.

Hattest du denn Angst, dass es diesmal weniger gut laufen könnte als beim letzen Mal?
Ich hatte keine Erwartungen, deswegen konnten die nur übertroffen werden.

In "Und alle so Yeah" geht es ums Erwachsenwerden. Fühlst du dich erwachsen?
Nein, überhaupt nicht. Natürlich gewöhnt man sich langsam dran und im letzten Jahr gab es Momente, in denen ich dachte: Krass, es passieren auf einmal ganz verschiedene Dinge, die sich erwachsen anfühlen. Zum Beispiel Beziehungen, Entscheidungen treffen, Steuern zahlen oder plötzlich nicht mehr nur noch die Tochter sein.

Deine Protagonistin Elina hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Trotzdem geht es ihr dauern schlecht. Wie würdest du das Problem, das sie hat, beschreiben?
Das Problem ist, dass sie selbst genervt davon ist, dass sie ein Problem hat. Sie weiß ja darum, dass es ihr eigentlich wahnsinnig gut geht und sie ein Luxusproblem hat, aber sie ist unfähig, damit umzugehen. Sie weiß, sie kann alles machen und sie sollte machen, was sie will. Aber sie weiß einfach nicht, was sie will. Sie hat Angst, die falsche Entscheidung zu treffen.

Elina hat sehr viel Geld, was bei einer Abiturientin normalerweise nicht der Fall ist. Ist das eine zugespitze Version der heutigen Abiturienten und Studenten, die eigentlich sorglos sein könnten und sich trotzdem dauern sorgen?
Ja, absolut. Sie wünscht sich ja sogar irgendwie, dass das Geld nicht da wäre, weil sie nicht das Gefühl hat, dass sie es zu Recht verdient hat. Und wenn sie dieses Geld nicht hätte, dann wäre sie gezwungen zu arbeiten und Bildung in Anspruch zu nehmen.

An einer Stelle stellt sie die Frage: "Gegen was kann man noch rebellieren, außer gegen sich selbst?" Was genau heißt das?
Elina hat das Gefühl, dass ihr keine Grenzen gesetzt sind. Niemand schreibt ihr vor, was sie zu tun hat, niemand stellt Forderungen, alle würden sie unterstützen, egal, was sie macht. Das ist natürlich ein wahnsinnig großes Glück, aber es führt bei ihr dazu, dass sie gegen sich selbst rebelliert. Dass sie sich selbst fertigmacht, indem sie ihren Körper fertigmacht.

Elina hat einen Bruder, den sie sehr bewundert und den sie am liebsten ganz für sich alleine haben möchte. Was ist seine Rolle im Roman?
Der Bruder ist eine Projektionsfläche für Elina. Sie idealisiert ihn und projiziert alles, was sie an sich vermisst, auf ihn. Sie macht ihn natürlich viel schöner und heroischer als er ist und zu einem idealen Menschen, dessen Kraft und Entscheidungswillen sie gerne hätte. Am Ende stellt sich aber raus, dass es ein bröckelndes Bild ist und auch er nicht immer nur richtige Entscheidungen getroffen hat.

Elina hat einen erfolgreichen Debütroman geschrieben und in Rückblenden kommt die Aufregung rund um diese Veröffentlichung zur Sprache. Hast du da deine Erfahrungen mit "Frühling und so" verarbeitet?
Der neue Roman ist in Teilen sehr autobiographisch. Vor allem diese ganze Buchgeschichte und was Elina damit erlebt hat ist sehr nah an den Erfahrungen entlang geschrieben, die ich gemacht habe. Das war damals sehr viel auf einmal und dann auch noch in einer Zeit, in der sowieso alles sehr viel ist.

Hat dich das verändert?
Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das erlebt habe, aber es macht einen auch ein bisschen vorsichtig. Man beginnt zu verstehen, wie Medien funktionieren. Und früher habe ich Schreiben nie als Option gesehen. Mit ein bisschen Abstand hat sich ergeben, dass es vielleicht doch etwas ist, was ich machen möchte. Aber direkt danach gab es bei mir erstmal eine Zeit, in der ich nicht wusste, was ich machen will. In diesem Sinne ist das neue Buch auch autobiographisch.

In "Und alle so yeah" ist auch die Darstellung der eigenen Person in den Medien ein Thema. Elina fühlt sich oft falsch wiedergegeben. Ist dir das auch passiert?
Natürlich werden oft nur Aspekte dargestellt. Bei "Frühling und so" war das extrem, weil vor allem am Anfang sehr viel Boulevardpresse dabei war, dadurch wurde das Buch sehr einseitig dargestellt. Aber ich hatte das Glück, dass es nach ein paar Wochen auf andere und seriösere Medien übergegangen ist. Weil man sonst Schwierigkeiten bekommt und sagen muss: Okay, anscheinend bin ich jetzt eine skandalöse Sexautorin.

Wolltest du mit deinem neuen Buch der Öffentlichkeit erklären, wie es damals für dich war, dein Debüt zu veröffentlichen?
Es war nicht die Intention zu sagen: Ich muss klarstellen, was damals war. Das fände ich vermessen. Aber ich finde es gut, dass es drinsteht. Ich musste das für mich auch irgendwie wegschreiben. Das erste Buch ist halt in einer erotischen Reihe erschienen und wurde so vermarktet. Und es ist zum Beispiel auch wichtig für mich, dass ich jetzt bei einem anderen Verlag bin, weil das Buch so einfach einen anderen Kontext hat.

Die Schlussszene deines neuen Romans ist unglaublich idyllisch: Elina träumt sich in ein von Rosen umranktes Haus, ihr Bruder ist da, sie isst selbstgekochte Marmelade und schreibt an einem alten Schreibtisch mit Blick aufs Meer. Wie viel eigener Traum steckt da drin?
Sehr viel! Aber es ist eine überidealisierte Vorstellung, die nicht umsetzbar ist. Was auch gut so ist, ein pures Idyll wäre ja auch langweilig. Aber von Natur umgeben zu sein, ein Haus zu haben, eine Familie zu haben, gutes Essen und guten Wein zu haben, das wäre schon schön. Teilweise ist es auch schon so. Und es ist einer der weniger Träume, die ich noch habe und die vielleicht nie ganz in Erfüllung gehen werden. Aber es ist gut, dass sie da sind.

Ist Elina am Ende erwachsen geworden?
Nein, aber sie hat auf jeden Fall eine andere Lässigkeit und Ruhe, an sich selbst zu glauben, und weiß, dass es keine große Katastrophe ist, wenn man mal für ein paar Monate nicht weiß, was man machen will. Sondern, dass es auch eine wichtige Erfahrung ist. Ich selbst schätze es im Nachhinein total, dass ich diese Zeit hatte, in der ich nicht wusste, was ich machen soll. Wenn mir das nochmal passiert, kann ich auf diese Erfahrung zurückgreifen.

Ist das die einzige Lösung dieses Problems? Dass man einmal durch dieses Tal gehen muss, um am Ende festzustellen, dass alles nicht so schlimm ist?
Ich weiß nicht, ob das die einzige Lösung ist, aber für mich und für Elina war sie das. Das ist absolut nicht allgemeingültig. Viele fangen ja auch sofort was an und gehen ihren Weg, das ist beneidenswert. Bei mir was es nicht so und ich habe das akzeptiert.

Wie geht es jetzt für dich weiter?
Ich möchte auf jeden Fall weiter schreiben, wenn das irgendwie geht. Und ich möchte studieren. Ich habe das Bedürfnis, noch was zu lernen und fühle mich noch nicht fertig in meiner Entwicklung und in meiner Bildung.

Hast du schon eine Idee für einen neuen Roman?
Ja, aber nichts Spruchreifes. Ich schreibe schon, aber sehr ins Blaue rein und schaue dann mal. Ich tue mein Bestes. 

Text: nadja-schlueter - Foto: Nadja Klier

  • teilen
  • schließen