„Reiß’ die Heizung aus der Wand!“: Eine Bootstour mit Herrenmagazin

Es gibt frische deutschsprachige Musik aus Hamburg: Die Band Herrenmagazin im Gespräch über Melancholie, bizarre Kochrezepte und die Niederungen der Popkultur
johannes-graupner

Herrenmagazin sind Deniz (25, Gesang&Gitarre), Philip (27, Gitarre), Paul [i](„Faul“)[/i] (23, Bass) und Rasmus (28, Schlagzeug). Die vier Jungs erscheinen gut gelaunt zum Interviewtermin im Hamburger Hafen. Es geht mit dem Schiff zu einer Pommesbude auf Finkenwerder. [b]Euer Bandname „Herrenmagazin“ klingt irgendwie so nach schmierigen Brust-Blättern à la „Coupé“ oder „Praline“. So seht ihr eigentlich gar nicht aus.[/b] Deniz: Das war die Idee von Rasmus. Er wollte in seiner Jugend mal eine Bar-Jazz-Band gründen. Und weil Easy-Listening-Jazz das Schlimmste ist und von schmierigen Typen gemacht wird, braucht man auch einen passenden Namen. Allerdings machen wir ja ganz andere Musik. [b]Ihr sagt, ihr wollt euch ungern einordnen lassen. Aber wie würdet ihr denn den Stil eurer eigenen Musik bezeichnen? Rasmus:[/b] Es ist wohl Pop. Deniz: Das ist eine Definitionsfrage von „Pop“. Wir sind nicht Tokio Hotel oder Rihanna. Es ist Indie-Pop oder Indie-Rock, würde ich sagen.

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Illustration: Julia Schubert

[i]Eine Seefahrt, die ist lustig: Paul, Rasmus, Deniz, Philip (v.l.n.r.)[/i] [b]Euer Debütalbum heißt „Atzelgift“. Was um Gottes Willen ist das? Deniz:[/b] Rasmus ist früher oft an der Autobahnausfahrt „Atzelgift“ vorbeigefahren. Das ist ein rheinland-pfälzischer Erholungsort. Als wir dann ein Lied über Gift geschrieben haben, passte der Name hervorragend – und auch für das Album. [i]Das Interview wird durch ein lautstarkes „Einmal Pommes, einmal Currywurst!“ unterbrochen. Paul und Rasmus gehen begeistert zur Futterluke der Pommesbude, um die frische Frittierware in Empfang zu nehmen. [b]Mal abgesehen vom eigenen Leben – wer inspiriert euch, textlich und musikalisch? Rasmus:[/b] Ich bin als Teenager ein absoluter Boxhamsters-Fan gewesen. Und einer der besten deutschen Texter ist sicher Sven Regener [i](Sänger von Element of Crime, d. Red.)[/i] und ganz früher Franz Josef Degenhardt [i](Liedermacher, d. Red.)[/i]. Deniz: Für den besten englischen Songwriter halte ich John K. Samson [i](Sänger von The Weakerthans, d. Red.)[/i]. [b]Wer ist denn überhaupt bei euch für die Texte verantwortlich? Philip:[/b] Deniz hat sehr viel Output. Rasmus zwar weniger, dafür sind die Texte schon konkreter. Ich habe für das Album nur ein einziges Lied geschrieben. Deniz: Aber das wird hoffentlich noch mehr! [i](lacht)[/i] [b]Ihr schreibt relativ melancholische Texte, aber ihr formuliert selten einen Ausweg. Das klingt manchmal nach Resignation. Deniz:[/b] Auch wenn unsere Texte schlecht gelaunt daherkommen, hat das nichts mit Resignation zu tun. Unsere Musik ist ja gleichzeitig fröhlich und geht nach vorn, sie bleibt hoffnungsvoll. [b]Und wenn euer Leben gerade nicht so super läuft? Deniz:[/b] Die Lösung hat fünf Buchstaben und heißt Astra! [i](lacht)[/i]Nein, eigentlich sind unsere Leben toll. Philip: Ich finde mein Leben super. Ich hab’ ne Band, ne Frau...und nen Haufen Schulden. [i](lacht)[/i] [b]Jetzt habt ihr einen Plattenvertrag, eure CD kommt raus, ihr geht auf Tour...wird es da nicht schwieriger, Texte zu schreiben, weil man so gut gelaunt ist? Paul:[/b] Ja, auf jeden Fall. Traurigkeit ist einfach eine größere Inspirationsquelle.

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Illustration: Julia Schubert

[i]"Ich schreibe lieber ein Lied darüber, als tatsächlich den Heizkörper aus dem Putz zu reißen oder jemandem auf die Fresse zu hauen"[/i] [b]Und was ist mit der Liedzeile „Reiß’ die Heizung aus der Wand“? So aggressiv und unzufrieden seht ihr gar nicht aus. Deniz:[/b] Natürlich ist man oft aggro. Aber das ist mehr so ein Bauchgefühl. Ich schreibe lieber ein Lied darüber, als tatsächlich den Heizkörper aus dem Putz zu reißen oder jemandem auf die Fresse zu hauen. [b]Und was meint ihr mit „Stumpfsinn ist Stärke“? Rasmus:[/b] Damit sind Leute gemeint, die ohne großes Nachdenken durchs Leben gehen – und sich dabei unendlich breit machen. Allein schon auf dem Bürgersteig! Deniz: Aber auch die Tatsache, dass die Leute einfach gar keinen Inhalt wollen. Es muss nur bunt und Entertainment sein. Und dieses Aufgeilen an Schwächen der Anderen, wie in so schrecklichen Sendungen wie „Das Model und der Freak“. Paul: Das Schlimmste ist, dass man damit in dieser Welt so hervorragend fährt – Da wird der Stumpfsinn tatsächlich zur Stärke. [i]Auf der nächsten Seite: Herrenmagazin über tote Omas auf dem Teller, die Abgründe der deutschen Musiklandschaft und warum Hamburg viel besser als Berlin ist[/i]


[b]Wenn euch das alles so nervt – seid ihr denn eine politische Band? Philip:[/b] Wir sind definitiv keine politische Band. Zumindest nicht explizit. Rasmus: Aber wir sind kritisch. Und haben natürlich eine Meinung, die man sicher aus den Texten heraushören kann. Wer sich ausgerechnet von uns erklären lassen muss, warum eine Revolution hermuss, der ist wenig für selbige tauglich. Deniz: Wie heißt es so schön – „In Deutschland ist keine Revolution möglich, weil das Betreten des Rasens verboten ist“. [i](lacht)[/i] Philip: ...oder weil man sich eine Bahnsteigkarte kaufen muss, um einen Bahnhof zu besetzen! Rasmus, man kennt dich schon ein bisschen aus anderen Projekten, zum Beispiel als Drummer bei „Gary“, zusammen mit Robert Stadlober. Hat das beim Plattenvertrag geholfen? Rasmus: Natürlich war das ein Vorteil, schon einige Leute zu kennen. Aber wir haben das nicht bewusst genutzt. Es war hilfreich, weil wir ansonsten nicht so die Organisationstalente sind.

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[i]"Hamburg ist grüner als Berlin – und man kann große Schiffe gucken!"[/i] [b]Heißt das, ihr seid eigentlich eine unprofessionelle Band mit einem professionellen Plattenvertrag? Alle [i](lachend)[/i]:[/b] Ja, auf jeden Fall! Deniz: Im Vergleich zu Gründungstagen gehen wir die Sache aber wirklich viel engagierter an. Und jetzt noch ein Appell aus eigener Erfahrung: Liebe Bands – hört auf, Demos zu verschicken! Es bringt einfach nichts! Das landet alles in der Tonne, spart euch das Porto! Kauft für das Geld lieber Bier, Gitarrensaiten und nutzt die Zeit zum Liederschreiben! [b]Was habt ihr eigentlich vor der Konzentration auf die Band gemacht? Philipp:[/b] Paul, Deniz und ich waren schon gemeinsam in der Schule, im Internat. Rasmus habe ich dann anschließend kennengelernt. Und nach einigem Hin und Her in unterschiedlichen Bandprojekten haben wir uns dann alle zusammengetan. [b]Ihr habt auch als Support für Kettcar gespielt. Auf dem Konzert in Osnabrück wirkte es am Anfang, als hättet ihr doch etwas Respekt vor der Menschenmasse. Deniz:[/b] Ja, das war bestimmt so. Da meckern manchmal auch Leute drüber. Aber wir haben ja noch 10 oder 15 Jahre Zeit, die Rocksau raushängen zu lassen. Manche Leute denken, es wäre total professionell, wenn man sich einfach nur hinstellt und so ne Stadionrock-Attitüde rüberbringt. Vielleicht treten wir irgendwann selbstbewusster auf, aber bis dahin ist uns das auch irgendwie relativ egal. [b]Rasmus, du sagst, wenig nervt dich so wie die ekligen Niederungen der deutschen TV- und Musiklandschaft. Was wären da konkret die abschreckendsten Beispiele?[/b] Also eigentlich habe ich seit sieben Jahren keinen Fernseher mehr. Und Musikfernsehen ist mittlerweile grundsätzlich totaler Schrott, glaube ich. Deniz: Mir geht Bushido tierisch auf den Geist. Es gibt wirklich gute Rapper, aber der geht gar nicht. Rasmus: Dieses ganze Gehabe nervt einfach. Was bilden sich diese Leute eigentlich ein? Dass sie in 300 Jahren neben Napoléon auf dem Denkmal eingraviert werden? Die glauben, etwas von Wert zu schaffen und damit Geschichte zu schreiben. Die sollen sich gefälligst mal schön hinten anstellen – in 10 Jahren verkaufen die sowieso wieder Würstchen. Genau wie wir auch! Kochsendung! "Der langsame Tod eines sehr großen Tieres" von Herrenmagazin:

[b]Wo wir schon bei Würstchen sind – Ihr kocht gern und zaubert so mehrdeutige Gerichte wie „Cock im Wein“, die Rezepte stellt ihr auf eure Homepage. Würdet ihr das perfekte Dinner oder das Kochduell gewinnen? Paul:[/b] Bestimmt! Ich würde gerne zusammen mit Vincent Klink kochen – oder Johann Lafer! Philipp: Ich würde gerne mal mit Guido Knopp kochen. Ich hab’ keine Ahnung, wie der wohl kocht! Rasmus: Was willst du denn mit dem kochen? "Staub mit Lügen"? [i](Kollektives Gelächter der Band)[/i] Philipp: Also ich bin jedenfalls bekennender und großer Knopp-Fan. Paul: Jeder sollte mal das Gericht „Finsel“ ausprobieren! Im Osten der Republik ist das Gericht glaub’ ich auch als „Tote Oma“ bekannt. Das ist Grützwurst ohne Darm, mit Sauerkraut und Kartoffelbrei, dazu noch ein paar Spreewälder Gurken. [b]Zum Abschluss noch ein bisschen Platz für Lokalpatriotismus – Warum seid ihr in Hamburg und nicht in Berlin? Rasmus:[/b] Hier kann man auch einfach mal seine Ruhe haben und trotzdem 'ne Menge unternehmen. Es ist halt das größte Dorf Deutschlands. Deniz: Hamburg ist grüner als Berlin – und man kann große Schiffe gucken!

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Illustration: Julia Schubert

[i]Das Debüt-Album "Atzelgift" von Herrenmagazin erscheint am 13.06.2008 bei Motor Music.[/i]

Text: johannes-graupner - Fotos: johannes-graupner ; herrenmusik.de

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