"Rio ist das Klischee pur"

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Streets of Rio heißt das Spielfilmdebut des Regisseurs Alexander Pickl. Es erzählt die brutale Geschichte eines Jungen in den Favelas von Rio de Janeiro zwischen Fußball, Gewalt und Baile Funk. Thiago träumt von einer Karriere als Profifußballer, gerät aber immer mehr in die Abhängigkeit des Drogenbosses Tubarao. Der fordert von ihm bedingungslose Loyalität - und dass Thiago seine Hände von seiner Schwester lässt.

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Illustration: Julia Schubert

"Streets of Rio" spielt in den Slums von Rio, den Favelas. Man merkt dem Film eine große Liebe zu Land und Leuten an. Woher kommt das? Mich haben diese Armenviertel unglaublich fasziniert. Man muss sich das wie ein Dorf innerhalb einer Stadt vorstellen. Obwohl die Kriminalität wahnsinnig hoch ist und es oft zu Schießereien kommt, herrscht innerhalb der Viertel ein starker Zusammenhang untereinander. Auch zu uns waren die Menschen unglaublich freundlich und haben ihren letzten Chacaca mit uns geteilt. Oft gibt es zu diesen Vierteln, in denen bis zu 80.000 Menschen leben, nur einen einzigen Zugang. Mit Autos kommt man dort auch nicht rein. Wir haben einmal gesehen, als neues Wasser für die Favela Cantagalo angeliefert wurde: Da mussten hunderte von Trägern die Kanister eine riesige Treppe hoch tragen – die reinste Sklavenarbeit. Woher kamen die Schauspieler? Ein in Brasilien sehr berühmter Schauspieler hat vor einigen Jahren in den Favelas eine Schauspielschule gegründet. Aus dieser Schule wurden auch die Schauspieler für „City of God“ gecastet. Es waren also keine reinen Laienschauspieler, aber sie stammen alle aus den Favelas und sind keine professionellen Filmschauspieler. Wie funktionierte die Arbeit mit ihnen? Rio ist schon sehr anarchisch. Der Hauptdarsteller Thiago Martins lebt in Rocinha, eine der gefährlichsten Favelas Rio. Wir wollten eigentlich immer, dass er im Hotel übernachtet, aber er ging am Abend zurück nach Hause. Das war gerade zu der Zeit als Rocinha mit einer anderen Favela Cantagalo im Krieg lag. Von unserem Hotel aus zwischen Ipanema und Copacabana konnten wir die Schüsse hören. Wir wussten nicht, ob er am nächsten Tag wiederkommt. War es für euch selber gefährlich? Öfters, ja. Die Favelas leben hauptsächlich vom Drogenhandel – die wollen verständlicherweise nicht dabei gefilmt werden. Als wir die Schlussszene drehten, regelten zufällig auch zwei Polizisten weiter unten den Verkehr. Kamera und Polizei war wohl zuviel, denn plötzlich tauchten überall auf den Dächern Scharfschützen auf. Meistens aber lief es problemlos, wenn wir das Ok vom Favela-Boss hatten. Wir handelten mit ihm einen Preis aus und dann standen wir unter Schutz des Drogenbarons. Skurril war es trotzdem: eines Morgens trafen wir einen Banker im Anzug, der gerade seine Wohnungstür abschließt. In der rechten Hand trug er einen Aktenkoffer – in der linken hielt er ein Maschinengewehr und im Gürtel steckten drei Handgranaten. Viele Szenen in Streets of Rio sind von einer fast schon irrealen Ästhetik. Woher kommt das? Ich habe früher vor allem Werbespots gedreht. Von Werbeclips kam ich zu Videoclips, von dort zum Dokumentarfilm und schließlich zum Spielfilm. Dieses Morbide und Entsättigte ist eine Bildsprache, die ich über Jahre auf diesem Weg entwickelt habe. Ich bastele im Nachhinein sehr viel an den Bildern herum. Kritiker haben dem Film Klischeehaftigkeit vorgeworfen. Wir sind schon oft am Klischee vorbeigeschrammt, das stimmt – zum Beispiel, als man in der Schlussszene die Favelas von oben sieht und dazu ein wahnsinnig emotionales Lied läuft. Doch dazu muss man auch wissen: Rio ist das Klischee pur. Das Klischee lauert dort überall: Eines der größten Statussymbole in den Favelas zum Beispiel ist ein Ghettoblaster.

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Illustration: Julia Schubert

Gleichzeitig wirken viele Szenen eigenartig skurril gebrochen. Bei einer Sexorgie läuft ein langsames, schönes Liebeslied im Hintergrund. Das war auf jeden Fall Absicht. Für manche Leute wirkt das verstörend, aber wir wollten keinen schönen Liebesfilm, sondern einen realistischen Film drehen. Die Ähnlichkeit zu "City of God" ist unverkennbar. "Streets of Rio" gleicht einer härteren, puristischen Version. Welchen Einfluss hatte der Film auf deine Arbeit? Ganz ehrlich, das ist jetzt keine Lüge: Ich habe den „City of God“ erst gesehen, nachdem ich mit „Streets of Rio“ fertig war. Natürlich sind sich die Filme sehr ähnlich, aber "City of God" spielt in den 70ern, während "Streets of Rio" die Favelas von heute porträtiert. Abgesehen von der modernen Baile Funk-Musik, merkt man nicht, ob der Film in den 80ern, 90ern oder heute spielt. Die Bilder wirken zeitlos. So ist es dort tatsächlich: es herrscht ein ganz eigenartiger Stilmix aus 80er, 90er und heute. Das Leben läuft dort wie in einem abgeschnittenen Dorf ab. Der Film wurde 2005 fertig gestellt. Warum kommt er erst jetzt in die Kinos? Wir hatten eigentlich sehr schnell einen Verleih in Hollywood, der sogar auf den Arthouse- und Indiependentmarkt spezialisiert war. Aber in den USA ist zum einen Fußball kein Thema und Portugiesisch als Fremdsprache funktioniert dort auch nicht. Deswegen konnte der Film wahrscheinlich schwer platziert werden. Wir haben uns dann im Guten von dem Vertrieb getrennt und sind zu Falcom gewechselt. Wie waren die Reaktionen in Brasilien? Der Film läuft erst jetzt an. Witzigerweise wurden dort Szenen zensiert, darunter auch die vorher angesprochene Sexszene – obwohl Prostitution natürlich zur Realität an. Aber insgesamt haben wir sehr viel positive Rückmeldung bekommen, was mich eigentlich am meisten gefreut hat. Du hast gerade einen neuen Film abgedreht. Worum geht es da? Ich habe in Brasilien einen 95-jährigen Mann namens Graceis kennengelernt. Er ist der Erfinder einer Kampfsportart namens „Vale Tudo“. Der neue Film spielt in der illegalen Ultimate-Fighting-Szene in Miami, einer Kampfsportart, bei der alles erlaubt ist. Deutschland 2005 - Regie: Alexander Pickl - Darsteller: Thiago Martins, Luis Otávio Fernandes, Lui Mendes, Naima Santos, Gabriel Mattar, Ralf Richter – FSK: ab 16 Jahren – Verleih: Falcom

Text: philipp-mattheis - Fotos: www.falcom.ch

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