Kann es sein, dass Du derzeit einer der größten unbekannten Künstler im Pop-Business bist? Ron Sexsmith: Ach weißt Du, so ist es einfach für mich gelaufen. In der Musik hat es immer großartige Künstler gegeben, die unglaublichen Erfolg hatten, und es hat immer schlechte Künstler gegeben die unglaublichen Erfolg hatten und es hat immer schlechte Künstler gegeben, die überhaupt keinen Erfolg hatten. Als ich in meinen Dreißigern einen Vertrag bekommen habe, war ich einfach dankbar, dass ich einen Vertrag hatte. Ich kann in der Welt herumreisen und kann für Menschen spielen, denen das gefällt. So fühle ich mich sehr erfolgreich, aber es ist mir schon bewusst, dass mein Name nicht allgemein bekannt ist. Aber das macht mir wirklich nichts aus, weil ich das ohnehin nicht wollte. Ich wollte immer Platten machen, ich habe einen Beruf, den ich liebe und so gesehen bin ich sehr erfolgreich. Also bist Du mit deiner Situation zufrieden. Ron Sexsmith: Die einzige Sache, mit der ich manchmal nicht so zufrieden bin, ist meine finanzielle Situation. Viele Menschen haben Probleme mit Geld. Sobald sie alt werden, wollen sie irgendwie Sicherheit haben. Aber das sind unbedeutende Fragen und abgesehen davon ist es kein großes Problem. Kennst Du Pop-Kollegen, die unter ihrer Berühmtheit leiden? Ron Sexsmith: Ich kenne Coldplay und ich weiß, dass Chris Martin es hasst, fotografiert zu werden. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir in Hollywood waren und ich mit Chris auf einem Hügel saß. Er sah, wie Gwyneth (Paltrow, Chris Martins Frau. Anm.) hinter die Bühne fuhr, also sind wir von dem Hügel heruntergegangen und er ist zu ihr ins Auto gehüpft. Da war dieser Fotograf, der plötzlich genau neben dem Autofenster aufgetaucht ist und ein Foto gemacht hat. Chris war richtig sauer. Ich würde es hassen, wenn ich so etwas in meinem Leben hätte. Manchmal, wenn du in einem Lebensmittelgeschäft bist, willst du einfach nicht, dass jemand ein Bild macht, denn das ist einfach nicht der Ort dafür. Wenn man in die Öffentlichkeit geht um etwas zu promoten, ist das etwas anderes. Aber ich weiche vom Thema ab. Ich glaube, Chris Martin hat sogar einmal einem Fotografen eine verpasst. Ron Sexsmith: Ja, in Neuseeland oder Australien. Ist das nicht übertrieben? Ron Sexsmith: Ich denke, er hatte auf jeden Fall das Recht das zu tun. Die Fotografen sind wirklich skrupellos. Für mich ist es auf dem derzeitigen Niveau in Ordnung. Eigentlich werde ich dauernd erkannt, aber nicht auf so eine verrückte Art. Ich brauche keine Bodyguards. Es sind einfach Leute, die sagen, „Mach weiter so“ oder so etwas. Ich habe gehört, dass Menschen wie Paul McCartney dich und deine Musik mögen. Hat dich das bei diesem Album einem größeren Druck ausgesetzt als in den Alben davor? Ron Sexsmith: Nicht wirklich, weil diese Dinge schon früher in meiner Laufbahn passiert sind. Ich habe Kontakt zu ihm, weil wir uns manchmal online sehen. Ich versuche Alben in dem Bewusstsein zu machen, dass es immer Leute geben wird, die noch nie von mir gehört haben und so geht es mir eigentlich darum, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

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Das ist dein elftes Album. Würdest Du zustimmen, wenn man dich als Workaholic bezeichnen würde. Ron Sexsmith: Nein, das täuscht. Es entsteht bei den Menschen der Eindruck, dass ich die ganze Zeit nur am Schreiben bin. Aber eigentlich braucht es eine Menge Zeit, um Songs zu schreiben. Es ist doch so, dass Du eine Platte machst und daran arbeitest. Dann musst Du warten, bis das Album herauskommt. Und während ich so warte, schreibe ich wieder. Und wenn die Platte herauskommt, dann gehst Du auf Tour und wenn Du auf Tour bist, arbeitest Du an den Songs mit denen du angefangen hast, während du auf die Platte gewartet hast. Und wenn die Tour vorbei ist, hast Du schon eine ganze Menge geschriebener Songs. Dann braucht es nicht mehr lange, um das nächste Album aufzunehmen. Ist es möglich, soviel Musik zu schreiben und nebenbei eine Familie zu haben? Ron Sexsmith: Nun, ich habe keine Familie. Meine Familie ist aus diesem Grund auseinandergegangen. Mein Sohn ist 24 und meine Tochter 19. Als ich in meinen Zwanzigern war, war ich die ganze Zeit zuhause und habe meine Karriere begonnen. Als ich begann zu reisen, war mein Sohn zehn und meine Tochter sechs und ich war nie zuhause und das war hart. Ich war immer auf Tour und zwar jedes Mal sechs oder sieben Monate im Jahr. Schließlich hat das meine Familie auseinandergerissen. Ich gebe nur mir die Schuld, es gibt einfach so dumme Sachen, die man auf einer Tour eben macht. Daher ist es auf jeden Fall schwierig, beides in Einklang zu bringen. Aber jetzt sind sie älter und verstehen das. Ich bin nicht in der Situation wie manche der berühmten Künstler, die sagen können: „Ich werde nicht auf Tour gehen, ich werde keine Interviews machen“. Auf meinem Level arbeiten die Plattenfirmen sehr hart und ich muss meinen Teil dazu leisten. Du hast bei einem großen Label angefangen. Die haben dich dann fallengelassen, dann hast Du dir ein neues Label gesucht und jetzt bist Du bei Universal ... Ron Sexsmith: Das ist nur zum Teil richtig. Ich habe bei Interscope Records angefangen und habe für Interscope drei Alben gemacht. Als ich das vierte Album für Interscope machte, erfuhr ich, dass der Typ, der mich unter Vertrag genommen hatte, das Unternehmen verlassen würde. Ich wollte dann nicht mehr dort sein, weil er dort der einzige war, der irgendwie an mich geglaubt hat. Ich wurde dort nicht wirklich gekündigt, aber wir wollten dort nicht länger bleiben und haben deshalb gefragt, ob wir mit dem Album zu einem anderen Label gehen könnten und ihnen war das zu diesem Zeitpunkt egal. Wir sind dann damit zu SpinArt gegangen. Ich war bei ein paar Labels, ich war bei Polydor für zwei Alben, dann bei Warner, einem großen Label. Und dann bei V2, einem unabhängigen Label. In Schweden bin ich immer noch bei V2, aber sie wurden von Universal geschluckt. Es gibt wahrscheinlich nicht mehr viel, was Dir Angst macht ... Ron Sexsmith: Ich habe tatsächlich nicht mehr Angst vor irgendetwas. Außer Fliegen - ich hasse Flugzeuge. Ich habe großes Glück, dass es genug Interesse an meiner Musik gab, dass ich weitermachen konnte. Egal was passiert und wenn alle Plattenfirmen morgen drauf gehen würden, würde ich einen Weg finden, meine Platten zu veröffentlichen. Alles verändert sich, es verändert sich sogar ein bisschen zu schnell für mich, aber ich mag es bei Labels unter Vertrag zu stehen. Ich bin da altmodisch; ich mag es mit Menschen zu arbeiten, und ich will nicht CDs per Email oder Post zu Leuten schicken - das ist nicht mein Job. Du kannst einfach deine Musik auf den Computer speichern und es Leute für einen Dollar oder so runterladen lassen. Ron Sexsmith: Ja, es gibt Möglichkeiten so etwas zu machen, aber ich weiß nicht einmal, wie man so etwas macht. Ich weiß nicht einmal, wie man einen Song runterlädt. Ich höre mir immer noch Musik auf meinem Walkman an und ich höre mir immer noch Schallplatten an, ich hab' nicht mal einen iPod. Alles verändert sich und vielleicht kommt die Zeit, in der ich keine Platten mehr machen will. Ich mag Alben, ich höre mir gerne ein ganzes Album an, aber viele Leute tun das nicht. Sie wollen die Lieder durcheinander hören. Ich möchte nicht, dass die Leute so mein Album hören. Ich mache sie eher so wie Bücher oder Filme, ich mache mir gerne Gedanken über die Reihenfolge und das Ganze. Von wem kann jemand wie Du noch etwas lernen? Ron Sexsmith: Es gibt da einige Songwriter, die ich bewundere, die ich mir auch noch als Erwachsener angehört habe - Paul Simon oder Tom Waits zum Beispiel. Ich finde, sie alle schreiben immer noch großartige Songs. Oder Randy Newman. Sie sind alle inspirierend für mich. Das Album heißt „Exit Strategy For The Soul“ - sollten die Songs eine Strategie für deine oder unsere, die Seele der Hörer sein? Ron Sexsmith: Einfach nur für die Seele, nicht meine Seele, sondern die Seele im Allgemeinen. Der Albumtitel ist aus einem Gefühl heraus entstanden, das anscheinend viele Leute haben, das du hast, wenn du auf einer Brücke stehst oder wenn du darauf wartest, dass die U-Bahn kommt und wenn du dann dieses eigenartige Verlangen hast, von der Brücke oder vor die U-Bahn zu springen. Manchmal muss ich mich richtig von den Gleisen weglehnen; aber es ist kein Selbstmordgefühl. Es ist mehr eine Anziehungskraft. Eine Anziehungskraft zur anderen Seite. Es ist eigenartig was Du mir über diese U-Bahnsache erzählt hast, weil es bei mir nämlich ein anderes Gefühl ist. Ich steh immer an der Seite um zu sehen, ob da jemand ist, der versucht, mich zu schubsen. Ron Sexsmith: Das ist eine andere Furcht, weil es seit dem letzten Jahrhundert die Furcht gibt, dass einen jemand auf die Gleise schubsen will. Aber ich habe das starke Bedürfnis zu wissen, was auf der anderen Seite ist. Aber glaubst Du nicht, dass deine Erfahrung der anderen Seite früh genug kommt? Du bist 44 und du hast vielleicht noch 44 weitere Jahre zu leben. Woher also das Bedürfnis, es jetzt schon wissen zu wollen? Ron Sexsmith: Ich glaube, dass das jeder will und manche Leute sind auch sehr früh gestorben, wie zum Beispiel Jimi Hendrix, und das auf eine sehr tragische Weise. Aber wir wissen es nicht und vielleicht hat er alles getan, was er konnte und vielleicht war das Verlangen seiner Seele, hier herauszukommen so stark, dass das sein Schicksal war. Ich will hier noch eine lange Zeit sein, aber nicht mehr dann, wenn ich nichts mehr tun kann, alt und krank bin und nicht mehr in der Lage, zu gehen. Das ist für mich kein Leben. Und ich will nicht, wenn mein Geist noch funktioniert, meine Fähigkeiten verlieren.

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Das Album "Exit Strategy of The Soul" von Ron Sexsmith erscheint nächste Woche bei Universal.