rose und die Samstag Nacht in einem Buch

Auf jetzt.de kennt man Rosanne als rose, die wie kaum ein anderer den Wahnsinn des Nachtlebens beschreiben kann. Eine ihrer Geschichten ist nun in einer Anthologie erschienen. Im Interview erzählt sie, wie man übers Ausgehen schreibt und warum dieses Kapitel für sie jetzt vorbei ist
christina-waechter

rose, wie ist es dazu gekommen, dass du in einer Anthologie über die Samstag Nacht mitschreibst? Ich habe vor vielen Monaten aus heiterem Himmel eine Mail von einem der beiden Herausgeber bekommen. Jörn Morisse hat mich damals gefragt, ob ich Lust hätte, eine Geschichte für “Saturday Night” zu schreiben. Er und Stefan Rehberger waren über meine Geschichten bei jetzt.de auf mich aufmerksam geworden. Aber zu der Zeit hatte ich eine fürchterliche Schreibblockade und übte mich in der Diziplin “No Disko, no Disko, no Disko”. Ich versuchte einen Text über die c/o pop zu liefern, fand das aber alles ziemlich unlustig und habe Jörn dann einen anderen Text angeboten. Ein Text über eine verrückte Samstagnacht mit Rave, den ich schon einige Monate zuvor geschrieben hatte.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Wie ist die Anthologie konzeptioniert? Die beiden Herausgeber haben mir mal erzählt, dass sie zuallererst an den Mythos Saturday Night gedacht, ob jetzt mit Fever oder ohne. Samstagnacht ist immer DIE Nacht. Selbst, wenn man gemütlich zu Hause bleibt und Kakao trinkt, dann fühlt sich das ganz bestimmt anders an als an einem Donnerstag. Dem Samstag kann man sich eben nie entziehen, damit sind sehr viele Erwartungen und Hoffnungen verknüpft. Die beiden wollten Geschichten aus dem Inneren der Nacht versammeln, erzählen, ob und wie eine Nacht ein ganzes Leben verändern kann. Vieles scheint möglich in der wichtigsten Nacht des Wochenendes: neue Bekanntschaften, aber auch eine Hoffnung, die zerbricht, der Anfang oder das Ende einer Beziehung. Und wenn schon keine Katharsis stattgefunden hat, so bleibt zu hoffen, dass man sich gut unterhalten hat. Die beiden haben ihren Autoren eine Auswahl von 20 verschiedenen Themen aus dem Nightlife-Kontext vorgeschlagen, aus denen wir uns eins aussuchen oder eigene Ideen ergänzen konnten. Wichtig war, dass die Schriftsteller, Musiker und Journalisten das Thema mit der gebotenen Finesse, Spitzfindigkeit und Kaltschnäuzigkeit angegangen sind. Was sie eben nicht wollten, war diese erwartbare Berlin-Nacht-Disko-Abtanz-Sammlung. Wie ist bei dir das Schreiben übers Ausgehen entstanden? Geschrieben habe ich ja irgendwie schon immer und gefeiert habe ich auch irgendwie immer – da kam am Ende eins zum anderen. Heute sage ich, das war meine Art und Weise, mit diesem ganzen Rave und Diskowahnsinn fertig zu werden. Wie eine Therapie. Ich habe das ja mit fürchterlicher Authentizität betrieben. Nach drei Tagen wach ran an den Schreibtisch und dann in die Tasten gekloppt. Da sind dann manchmal morgens um halb elf, nach zwei oder drei durchfeierten Nächten ganze Manifeste entstanden. Natürlich auch viel Trauriges, weil nicht jede Nacht der Hit war. Wenn man sich gut zehn Jahre lang durch die Nächte feiert und drüber schreibt, ist da alles dabei. Was macht Schreiben übers Ausgehen besonders? Kann man den Rhythmus der Nacht auf Papier bringen? Oh ja, ich denke schon. Ich hatte auf Partys immer einen Stift und ein Notizbuch dabei. Und wenn nicht, dann mussten die Getränkekarten der DJ's, Bierdeckel und umgedrehte Gästelisten herhalten. Jeder Moment wollte von mir festgehalten werden. Das hat natürlich auch zu absurden Szenen geführt. Ich hinterm DJ Pult, im Dreck zwischen Plattentaschen kniend und irgendwas auf Papier kritzelnd. Dadurch konnte ich aber Dinge direkt festhalten. So eine Party, so eine Nacht, so ein Rave haben auch eine eigene Dramaturgie: das fertigmachen, das Warmlaufen, der Moment wo alles sich zu überschlagen droht. Ich habe mich sehr damit beschäftigt, was eine ganze Generation dazu treibt, sich so den Arsch abzufeiern. Warum diese Suche im Schatten des Diskolichts? Diese und andere Fragen haben mich immer wieder dazu gebracht mit die Nächte um die Ohren zu hauen und darüber zu schreiben. Ich habe inzwischen fast zwölf Jahre lang Geschichten über Partys geschrieben und seit 2001 eigentlich alle (bis auf ein paar, die ich wegen öffentlicher Entrüstung löschen musste) bei jetzt.de veröffentlicht. Das gab auch manchmal richtig Ärger. Leider. Wie wichtig ist die Samstagnacht noch in deiner Woche? Inzwischen bin ich sehr ruhig geworden. Wirklich. Das kam irgendwie ziemlich plötzlich, der Moment, den ich in meinen Texten so oft herbei gesehnt habe, war da. Ich hatte einfach plötzlich keine Lust mehr, mir mehrere Nächte hintereinander um die Ohren zu schlagen, das Szene-Gefrotzel ging mir auf die Nerven und auch der Drogenkonsum vieler Gruppierungen innerhalb der Szene war mir plötzlich nicht mehr geheuer. Ich hatte keine Lust mehr, mir die ewig gleichen Fragen zu stellen. Ich nahm mir eine Auszeit von Disko und bin zur langweiligen Samstags-Tante verkommen. Ich gucke momentan lieber DVD's mit meinem Freund und lese ein paar Bücher, kümmere mich um meine Ausbildung. Die derben Zeiten sind vorbei. Manchmal bin ich deswegen vielleicht etwas wehmütig. Aber nur manchmal. Ich war natürlich hin und wieder noch aus, es ist immer noch lustig, aber irgendwas hat sich verändert. Vielleicht ist es ganz einfach: Ich bin älter geworden. Außerdem hat mich der Gedanke verängstigt, mit Mitte 30 immer noch Nacht für Nacht einsam und verzweifelt hinter DJ Pulten rumzuhängen und im Schatten der Diskokugel auf den verlorenen Moment zu warten.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Hat sich deiner Meinung nach das Ausgehen verändert? Als ich neulich mal wieder „aus war“, da war es wie immer. Alle warten darauf, dass endlich was passiert. Klassisch dramatischer Aufbau einer Samstagnacht. Als ich angefangen habe zu feiern, da war das alles wahnsinnig neu. Es war ein Abenteuer: die ganzen Drogen und all der Kram. Die Leute. Die Musik, auch wenn es damals diese Raves auch schon fast zehn Jahre gab. Wir haben damals fast nur in Off – Locations gefeiert oder im Wald unter freiem Himmel. Die Klublandschaft war längst nicht so vielschichtig damals. Es gab ein paar große Klubs, so in Frankfurt, Köln, Berlin war weit weg. Inzwischen ist das sogenannte Nachtleben ja eine richtige Industrie für sich geworden, auf Profit ausgerichtet. Vielleicht schreckt mich auch das manchmal ab. Früher war das irgendwie dieses “We are one family” Ding. So doof das auch klingt. Es war ein Ausbruch aus den Reihenhäusern der Kleinstädte aus der auch ich kam. Am Ende ist mir auf Partys nur immer mehr aufgefallen, dass immer jüngere Mädchen und Jungen immer mehr Drogen nahmen. Und es sah am Ende nicht mehr schön aus, was mit denen passierte, eher sehr hässlich. Das sind die üblen und gefährlichen Seiten von “Feiern”. Flatratesaufen und so. Das kommt mir nicht gerade gut vor. Ich glaube schon, dass es heute alles kommerzieller ausgerichtet ist. Hedonismus auf dem Präsentierteller, gepaart mit viel Egoismus und manchmal leider auch Dummheit und Verblendung. Und jetzt liest du über die Samstag Nacht. Was wird denn bei eurer Lesung passieren? Die erste Lesung ist am 24. Januar in Hamburg, da lese ich zusammen mit den Autoren Kevin Hamann, Sonja Müller und Stefan Rehberger im Grünen Jäger in Hamburg. Danach ist - wie soll es auch anders sein - eine Party, ist ja Saturday Night. Die Buch-Release-Party-Lesung ist dann am 21. Februar im Golden Gate in Berlin. Beginn ist jeweils um 21 Uhr, in Hamburg kommt die Musikalische Beschallung von DAS AUDIOLITH, DONTCANDJ und KALASCHNIKLUB. Das Berliner Programm steht leider noch nicht ganz, wird aber sobald es komplett ist noch einmal auf meiner jetzt Page veröffentlicht. Bist du nervös? Oder ist das Lesen eh schon ein alter Hut für dich? Oh ich bin leider heute morgen mit Nervosität der Extraklasse aufgewacht. Es ist zwar nicht meine erste Lesung, aber die erste Lesung mit einem Buch im Rücken. Das ist schon etwas anderes. Ich weiß jetzt zwar in etwa, was ich lesen werde, aber das hilft mir nicht viel weiter. Ich habe fürchterliche Angst das ich vor lauter Nervosität viel zu schnell lese. Da muss ich noch etwas üben. Rosanne, 28, lebt in Köln und macht momentan, neben ihrer Arbeit als Texterin und Autorin, eine Zusatzaubildung zur PR-Referentin. Momentan arbeitet sie an ihrem ersten Roman.

  • teilen
  • schließen