Rote Schnurrbartspitzen und Teufelsgeiger: Gogol Bordello wollen die Massen erobern

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Die Tür geht auf, Eugene Hütz schlendert ins Hotelzimmer, lässt sich mit dem Gesicht voran auf ein Bett fallen und rührt sich erstmal gar nicht. Schaut man ihm jetzt aufs Haupt, sieht man einen verbeulten Sinatra-Hut, unter dem rote Schnurrbartspitzen zittern. Eugene grunzt, dreht sich auf den Rücken, sagt "Was für ein übler Abend gestern" und fischt sich den New Musical Express vom Nachtkästchen. Auf den Seiten 3 bis 5 wird vom diesjährigen "Coachella Festival" in Kalifornien berichtet. Drei ganzseitige Fotos zeigen dabei Arcade Fire, Amy Winehouse und die Klaxons mit CSS. "Was soll denn der Scheiß?", sagt Eugene. "Wir waren auf Coachella ja wohl die mit Abstand stärkste Band und die machen sowas. Vollidioten." Eugene Hütz, 34, weiß: Gogol Bordello ist die beste Musikgruppe der Welt. Vor 20 Jahren ist Hütz aus der Ukraine in die USA ausgewandert, hat 1999 in New York das Gogol-Bordello-Gypsy-Punk-Projekt aus der Taufe gehoben, bewundert neben Iggy Pop vor allem Charlie Chaplin und spielt in Madonnas Regie-Debüt die Hauptrolle. Mehr darf er zu dem Thema momentan nicht sagen. Macht nichts. Der Mann hat eh genug zu erzählen.

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Illustration: Julia Schubert

Eugene, unter vielen sehr schönen Zitaten von Dir ist das schönste? Eugene Hütz:“Ironie vergiftet die Welt"? Exakt. Das ist fünf Jahre her, Mann. Damals ging's um das Album "Multi Contra Culti vs. Irony". Damals habe ich so gedacht. Aber natürlich ist Ironie ein wundervolles Stilmittel, ohne das Kunst nicht möglich wäre. Als künstlerisches Element ist sie äußerst wertvoll und bringt Farben in jedes Bild. Farben, die es ansonsten nicht geben würde. Was ich aber heute noch problematisch finde, ist die Tatsache, dass Ironie zu einer Lebenshaltung für Leute wird, die sich dadurch von jeder Leidenschaft abschotten. Dadurch entsteht wohl auch die leidenschaftslose Generation. Die verlorene Generation ohne Richtung und Authentizität. Das ist eine Generation dummer Touristen. Touristen im Sinne passiver Konsumenten, passiver Zuschauer. Leute, die nicht wissen, wohin sie sollen. Im Gegensatz dazu wusstest Du immer schon, wohin's gehen soll? Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wohin das Ganze führen wird. Die Reise ist an sich schon fantastisch. Seit meiner Jugend erhielt ich seitens des Publikums schon immer genug Aufmerksamkeit und Ermutigung und Verständnis für das, was ich tat. Weshalb sich mir zum Beispiel nie die Frage stellte, ob ich berühmt werden muss. Es war einfach so, als hätte ich mein Publikum schon seit Ewigkeiten. Es wuchs bloß. Ich versuche allerdings, dem Ganzen den Kultstatus zu nehmen, ich will nicht nur für irgendwelche Hardcore-Fans da sein, die ansonsten nichts mitbekommen. Ich glaube, dass ein Kultstatus einen Künstler nur lähmt. Als kommender Mainstream-Knaller bietet sich Gogol Bordello allerdings auch nicht zwingend an. Ich sehe da keinen Widerspruch. Das Ganze sollte nie klein gehalten werden. Es war schon immer 'ne große Sache. Da sind verdammt nochmal neun Leute in der Band. Die Band ist groß, physisch groß. Die Idee ist groß. Die Band wird so oder so groß sein, weil das Gefühl, das da drinsteckt, groß ist. Das Ganze ist nichts für Stadien voller Dummköpfe aber sehr wohl dafür, dass es sehr viele Menschen erreicht. Womit wir bei Charlie Chaplin wären... ... der auch sehr viele Menschen erreicht hat. Ganz genau. Charlie Chaplin war ein Sympathisant der Kommunisten und konsequenterweise auch der einzige amerikanische Künstler, der andauernd im sowjetischen Fernsehen zu sehen war. So habe ich ihn entdeckt. Weil er aber ein Weltklasse-Künstler war, hatte das großen Einfluss auf mich. Das ging mir in mehrfacher Hinsicht unter die Haut. Er war ein unglaublich produktiver und kreativer Schauspieler, Regisseur und Komponist und ich fühlte mich zu ihm hingezogen, weil das alles Sachen waren, die ich auch machen wollte. Dass seine Großmutter einer Roma-Familie entstammte, hatte mit Deiner Chaplin-Begeisterung nichts zu tun? Mittlerweile ist das eine besondere Ehre und Freude für unser Volk, aber früher wusste das niemand. Ich wusste es lange Zeit auch nicht, dass er Zigeuner-Wurzeln hatte. Wie so viele, von denen man es nicht vermuten würde. Elvis Presley etwa. Die Roma, die Zigeuner, sind seit Generationen als Entertainer tätig und was auch immer dein Stamm kultiviert, vererbt sich auch. Das geht schon seit tausend Jahren so. Wenn du heute Zigeuner in Osteuropa besuchst, kannst du Fünfjährige sehen, die tanzen wie Michael Jackson. Woher kommt das wohl? Haben Sie das in der Schule gelernt? Hat Ihnen das jemand vorgemacht? Nein, sie haben's einfach in sich. Es geht nur darum, die Flasche zu entkorken. Das ist nicht so wie bei vielen anderen talentierten Kids, die man so sieht, sondern wesentlich atemberaubender. Warst Du auch ein Kind, das auf der Straße tanzte? Ich bin anders aufgewachsen. Meine Familie hat sich verstellt, und ich glaube, sich selbst auch etwas vorgemacht, um andere und uns selbst nicht wissen zu lassen, dass wir Roma sind. Bis zu dem Zeitpunkt, wo es kaum mehr zu verbergen war. In der Sowjetunion hättest du eine Menge Ärger bekommen, wenn das rausgekommen wäre. Egal ob's um einen Arbeitsplatz, um die Karriere oder auch nur um eine Wohnung gegangen wäre. Bis zum Alter von 13, 14 Jahren log man mir vor, wir wären aus Moldawien. Und dass wir deshalb nicht wie Ukrainer aussähen. Ich habe mich in der Ukraine auch nie zu Hause gefühlt. Nachdem ich das Land verlassen konnte, wusste ich lange Zeit noch nicht mal, wer der Präsident der Ukraine ist. Es gibt echt nichts, was mich weniger juckt. Ich bin ein kultureller Flüchtling. Gab es für Dich so etwas wie eine entscheidende Erfahrung als Flüchtling? Die Erfahrung, ehrlich zu sein. Das ist definitiv etwas, was ich während meiner Einwanderungszeit gelernt habe, als ich mit Leuten zusammenlebte, mit denen ich normalerweise nichts zu tun haben wollte. Ich habe in winzigen Zimmern mit religiösen Fanatikern aus Sibirien gelebt, Leuten, mit denen du ansonsten nicht im selben Zimmer sein möchtest. Je ehrlicher du dann bist, desto weniger Zeit verschwendest du für dich und andere. Und was könnte beleidigender sein, als die Zeit eines anderen zu verschwenden? Wir haben nicht viel davon. Und etwas aus dieser Zeit habe ich mir wirklich gemerkt: Ich habe es oft erlebt, dass es kaum ein glücklicheres Ende gibt, als eine Sache mit einem klaren, krassen Schnitt zu beenden.

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Illustration: Julia Schubert

Das Album “Super Taranta",­ produziert von Victor Van Vugt (Nick Cave and The Bad Seeds, PJ Harvey),­ erscheint am 13. Juli bei Sideondummy Records. Am 12. August ist Eugene Hütz mit Gogol Bordello auf dem Taubertal-Festival zu Gast.

Text: uli-karg - Foto: Lauren Dukoff

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