Schwule in Russland: "Der einzige Weg, die Haltung der Menschen zu verändern, ist, Aktivist zu werden."

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Die Bilder von der „Gay Pride“ in Moskau haben im letzten Jahr für Entsetzen gesorgt. Schwule und lesbische Aktivisten werden von einer Horde schwulenfeindlicher Gegendemonstranten attackiert und verprügelt. Wie konnte die Situation so eskalieren? Nikolai Alekseev: Was am 27. Mai 2006 passiert ist, ist nicht sehr repräsentativ für die generelle Situation in Russland. Dieser Gegenprotest war sehr gut organisiert. Leute aus allen möglichen anderen Städten wurden mit Bussen und Zügen nach Moskau gebracht. Sie wurden von einem Mitglied einer nationalistischen russischen Organisation bezahlt, damit sie schreien und demonstrieren. Es war eine Show wie im Zirkus.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Nikolai Alekseev auf der Berlinale Foto: carolin-stroebele Dennoch scheint die Stimmung in Russland im Vergleich zu anderen Ländern sehr homophob zu sein. Natürlich gibt es Gewalt gegen Homosexuelle, es gibt Clubs und Bars, die von den Behörden geschlossen werden. Aber die Menschen sind nicht von Natur aus homophob. Du kannst auch in Russland als schwules Paar leben, das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die staatlichen Behörden nicht versuchen, die Leute zu erziehen. Sie sagen nicht: Das ist normal, wir müssen tolerant sein. Sie tun genau das Gegenteil: Sie sagen, wie schrecklich und wie pervers Homosexuelle sind. Und das spiegelt sich in der öffentlichen Meinung wider. Wenn Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow die „Gay Pride“ als satanische Veranstaltung bezeichnet, was ist dann wohl die Meinung der Leute? Natürlich denken sie, dass er Recht hat. Luschkow hat die „Pride“ verboten. Auf welcher rechtlichen Grundlage? Es wurden immer Sicherheitsbedenken vorgeschoben. Doch das ist kein ausreichender Grund. Das Verbot verstößt gegen die russische Verfassung, die das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Demonstrationsrecht garantiert. Wir haben inzwischen Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht. Wie haben sich Polizei und Sicherheitskräfte auf der Demonstration verhalten? Sie haben nur das Minimum von dem gemacht, was sie unbedingt tun müssen. Wir hatten vor der „Gay Pride“ eine Konferenz mit vielen ausländischen Gästen, aber für unseren Schutz mussten wir private Sicherheitsdienste anheuern. Die Einsatzkräfte der Polizei kamen erst am letzten Tag, als die Pressekonferenz stattfand und viele Kameras da waren. Gleichzeitig hat mich der Moskauer Polizeichef davon überzeugen wollen, die „Pride“ abzusagen. Was ich aber nicht getan habe. Bei der Demonstration bin ich festgenommen worden, weil ich Blumen am ewigen Feuer gegen Faschismus ablegen wollte. Ich war dann etwa vier Stunden in Polizeigewahrsam und zwar im gleichen Raum wie die Gegendemonstranten, die uns angegriffen haben. In Deutschland haben die Ausschreitungen auch deshalb für Aufmerksamkeit gesorgt, weil der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck dort von einem Schwulengegner verprügelt wurde. Der Mann, der Volker Beck verletzt hat, stand am nächsten Tag mit vollem Namen und Foto in der Zeitung und hat sich mit seiner Tat gebrüstet. Doch es hatte keine rechtlichen Konsequenzen für ihn. Die Behörden verfolgen die Menschen nicht, die uns angreifen. Hast Du selbst auch schon Gewalt erfahren, weil Du schwul bist? Nein, Gewalt nicht, aber ich Diskriminierung. Ich habe Jura an der Moskauer Uni studiert und wollte meine Dissertation über die Rechte von Homosexuellen schreiben. Doch sie haben einfach „Nein“ gesagt und mich im Grunde genommen von der Uni geschmissen. Ich habe dann gemerkt, dass der einzige Weg, die Haltung der Menschen zu verändern, ist, Aktivist zu werden. Ist man als schwuler Aktivist in Russland Repressalien ausgesetzt? Wenn du dich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt, kann es sein, dass die Moskauer Stadtverwaltung zu dir kommt und sagt: „Willst Du deinen Laden oder deinen Club weiter führen?“ Deswegen werden sich die wenigsten engagieren, solange die Pride illegal ist, weil sie Angst um ihren Job haben. Das ist auch der Grund, warum ich kein Geschäft oder keinen Beruf habe, aus dem sie mich werfen könnten. Die Behörden können mich nicht unter Druck setzen. Wie kommt es eigentlich, dass es bis zum 27. Mai 2006 gedauert hat, um die erste Schwulendemonstration in Moskau zu organisieren? Man muss bedenken, dass Homosexualität in Russland erst 1993 entkriminalisiert wurde. Männliche Homosexualität wurde von 1934 bis zum Ende der Sowjetunion 1991 strafrechtlich verfolgt. Das Gesetz wurde auch nur deshalb geändert, weil Russland Mitglied des Europäischen Rats werden wollte und das die Voraussetzung dafür war. Was habt ihr rückblickend erreicht mit der ersten „Gay Pride“? Wir haben es geschafft das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Was glaubst Du, wie viele Journalisten zu unserer allerersten Pressekonferenz gekommen sind? Kein einziger. Inzwischen ist es so, dass russische Nachrichtenagenturen wie Interfax auf unsere Seite gehen und sich über unsere Veranstaltungen informieren und darüber berichten. Auch die Wahrnehmung in den Medien ändert sich: Als unser Film zur Berlinale eingeladen wurde, hat eine Moskauer Zeitung eine ganze Seite über uns geschrieben. Das Erstaunliche war: Es war ein positiver Artikel! Und das, obwohl es sich um ein sehr konservatives Blatt handelt und der Chefredakteur bekannt ist für seine Schwulenfeindlichkeit. Was ist Dein größter Wunsch für die Zukunft? Mein größter Wunsch und meine größte Hoffnung ist, dass es eine legale „Pride“ geben wird, die von den Behörden autorisiert und überwacht wird. Wenn das passiert - vielleicht noch nicht dieses, aber eventuell nächstes Jahr – dann kann ich sagen: Ich habe das erreicht, was ich tun wollte. Vielleicht findet sich dann auch mal ein Nachfolger für mich. Es gibt ja noch viele andere Dinge, die ich in meinem Leben tun möchte. Ich will schließlich nicht den Rest meines Lebens gegen den Moskauer Bürgermeister vor Gericht ziehen!

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