Sellerie macht untauglich

2007 waren fast 42 Prozent der Gemusterten nicht wehrdienstfähig. Das liegt aber keineswegs daran, dass die deutschen Männer kränker geworden sind! Ein Interview
andreas-ernst

[b]jetzt.de: Stimmt die Statistik? Tobiassen: Ja. Deutsche Männer sind aber nicht kränker als vor sieben Jahren. Die Musterungsärzte handeln damals wie heute nicht willkürlich. Nur die Bewertungen sind geändert worden. Was früher tauglich war, bekommt heute den Stempel "untauglich" aufgedrückt, ohne dass sein Gesundheitszustand anders ist. [b]Wenn ich vor der Musterung stünde und mich irre fit fühlen würde...[/b] ... dann sind Sie es im Sinne der Tauglichkeitskriterien noch lange nicht. Wer eine Sellerie-Allergie hat, fühlt sich nicht krank, ist aber untauglich. [b]Die meisten besorgen sich schon vor der Musterung eine Zivildienststelle. Und wollen die vielleicht auch unbedingt antreten.[/b] Wer für die Wehrpflicht untauglich ist, kann sich dennoch engagieren – freiwillig eben. Er kann ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr einlegen. Der Haken: Bei diesem Freiwilligen Jahr gibt es doppelt so viele Bewerber wie Stellen. Beim Zivildienst ist es umgekehrt. Zwangsdienste stehen bei der Regierung eben höher im Kurs als Freiwilligkeit. Das sieht man an den verfügbaren Plätzen für diese Bereiche. [b]Wenn es immer weniger Taugliche gibt, dann gibt es doch auch immer weniger Zivis.[/b] 1999 hatten wir im Schnitt 135.000 Zivis im Dienst, 2007 62.000. Der Zivildienst hat sich also auch mehr als halbiert. Aber eine soziale Katastrophe hat nicht stattgefunden. Das zeigt, dass der Zivildienst im Sozialbereich keine sehr ernsthafte Rolle spielt.

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Illustration: Julia Schubert

Peter Tobiassen [b]Ich kann mich erinnern, dass in den 80ern und 90ern viele Verweigerungen zunächst nicht akzeptiert wurden. Ist das immer noch so?[/b] Nein. Wer die nötigen Unterlagen, Lebenslauf und Begründung - selbst geschrieben und nicht aus dem Internet abgepinnt - einreicht, wird anerkannt. [b]Wenn es immer weniger Kriegsdienstverweigerer gibt, haben Sie doch immer weniger zu tun![/b] Leider nicht. Viele fragen nach dem Musterungsverfahren und den dabei geltenden Kriterien, weil der Arbeitsplatz oder das Studium gefährdet werden oder die Ausbildung verschoben werden muss. [b]Wie viele von den Tauglichen verweigern denn?[/b] Knapp die Hälfte. Für den Wehrdienst stehen dann rund 120 000 Männer zur Verfügung, für den Zivildienst rund 100.000. Im letzten Jahr mussten davon 63.000 Wehrdienst leisten und 84.000 Zivildienst. Die Minderheit der Verfügbaren stellt die Mehrheit der Dienstleistenden. Wir finden das unfair. [b]Und die übrigen bekommen keinen Bescheid?[/b] Knapp die Hälfte derer, die zum Wehrdienst einberufen werden könnten, hören nichts mehr vom Bund. [b]Wie lässt sich das Problem lösen?[/b] Unser strikter Rat: Nicht vor und nicht bei der Musterung verweigern, auch wenn die Mitarbeiterinnen des Amtes darauf drängen. Abwarten, bis der Einberufungsbescheid zur Bundeswehr kommt. Erst dann weiß man, dass man tatsächlich dienen soll. Der Einberufungsbescheid wird mindestens vier Wochen vor Dienstantritt verschickt, meist sogar drei Monate. Das KDV-Anerkennungsverfahren dauert etwa 14 Tage. Keiner läuft also Gefahr, jemals tatsächlich "Guten Tag" in der Truppe sagen zu müssen. [b]Wird die Wehrpflicht abgeschafft?[/b] Vier der im Bundestag vertretenen Parteien meinen, die jetzige Wehrpflicht wird nicht mehr gebraucht. Nur die Union hält noch daran fest, ohne zu sagen warum. [b]Fällt die Wehrpflicht, gibt es keine Kriegsdienstverweigerer mehr. Und Sie sind dann arbeitslos.[/b] So ist das.

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