Senderchefs finden gut, was erfolgreich ist

Charlotte Roche, 27, über den Zustand des Musikfernsehens, ihre neue Sendung bei Arte und die Amerikanisierung des Intimbereichs.
aileen-tiedemann
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Illustration: Julia Schubert

Ein Jahr lang hat man dich nicht mehr im Fernsehen gesehen. Wie ist es dir ergangen, seit „Fast Forward“ abgesetzt wurde? Der Sturz war schwer. Ich habe ja direkt nach der Schule bei VIVA angefangen und danach ging es bei mir rasend schnell aufwärts. Mein Bekanntheitsgrad stieg, ich bekam Preise, durfte Superstars interviewen und eine Sendung bei ProSieben moderieren. Ich war atemlos. Alles kam schneller, als ich es mir hätte wünschen können. Was das Arbeitsleben betrifft, war ich eine total verwöhnte Göre. Aber nach dem Ende von „Fast Forward“ stand ich da und dachte: Was mach ich denn jetzt - ich habe ja schließlich ein Kind? Soll ich irgendwo anheuern, nur um Geld zu verdienen? Oder will ich das durchziehen, was ich mir aufgebaut habe? Das war ein schwerer Kampf, denn ich wusste nicht, ob ich jemals wieder einen Job zu meinen Bedingungen finden würde. Einen Sender, bei dem ich eine Stunde lang machen kann, was ich will. Mein Freund hat zu mir gesagt: „Charlotte, mach lieber erst mal gar nichts, bevor du etwas Schlechtes machst.“ Das hat mir geholfen. Jetzt habe ich zum Glück eine Sendung gefunden, die sehr gut zu mir passt. Warst du im Nachhinein froh, mal etwas Zeit für dich zu haben? Ja, auch wenn mir das Jahr streckenweise sehr lang vorkam. Ich war viel mit meiner Familie zusammen und ich habe ungefähr sechs total komplizierte Kochbücher durchgekocht. Außerdem war ich mit der Lesung: „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ auf Tour. Was gefällt dir an der Arbeit bei „Tracks“? Ich darf die Beiträge so anmoderieren, wie ich möchte. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann sage ich das – das kann man ja auch nett formulieren. Bei „Fast Forward“ habe ich die Videos für die Sendung ausgesucht, jetzt bekomme ich von Arte eine Überraschungstüte mit Beiträgen geschickt, zu denen ich mir Moderationen ausdenke. Außerdem führe ich das „Interview der Woche“. Für die erste Folge hast du Kim Cattrall von „Sex And The City“ getroffen – worüber habt ihr gesprochen? Am Anfang war sie sehr amerikanisch, hat gesagt: „Hi, it´s sooo nice to meet you Charlotte!“ So als würde sie mich schon seit Ewigkeiten kennen. Ich habe gedacht, die melkt jetzt so ihr Image ab. Mit einem Sexbuch, das wie ein Kochbuch aussieht und in dem Orchideen neben Nahaufnahmen von Muschis zu sehen sind. Zum Glück habe ich es geschafft, so heftige Sexsachen zu sagen, dass sogar sie erstaunt war. Da hat es zwischen uns gefunkt und wir haben gemeinsam den Gebrauch von Intimseifen verdammt. Alle Frauen denken immer: „Oh nein, ich rieche nach Fisch!“, obwohl eigentlich kein Mann ihren Geruch eklig findet. Das ist ja so eine Art Amerikanisierung des Intimbereichs. Seitdem sage ich nur noch nette Sachen über Kim Cattrall – denn sie ist klüger und weiser, als man denkt. Wie kam es eigentlich zum Aus deiner Sendung „Charlotte Roche trifft...“ bei ProSieben? Die hatten nur 13 Sendungen angefragt. Danach wurde mein Vertrag nicht verlängert, sicherlich auch, weil ich mich geweigert habe, als Sendergesicht Cross-Promotion zu machen. Ich hatte einfach keine Lust, vor der neuen Staffel von „Sex And The City“ mit eine Frauenrunde mit Barbara Schöneberger oder Vera Int-Veen zu machen oder nur Schauspieler aus ProSieben-Filmen zu interviewen. Da hack ich mir lieber den Kopf ab. Senderchefs finden ja alles gut, was erfolgreich ist und kennen die Bedeutung von Style nicht. Ist das Quotendenken die Wurzel allen Übels? Ja, denn es passiert immer seltener, dass man einer Sendung wie etwa der „Harald Schmidt Show“ eine Chance gibt, auch wenn die Quote nicht stimmt. Die Musiksender haben ja nicht mal nachts für Underground-Themen Platz. Wie fühlst du dich, wenn du heute Musikfernsehen schaust? Ich halte das nicht lange aus. Ich zappe rum und sehe so komisch japanisch aussehende Sendungen, wo schreckliche Sonnenbankleute Karaoke singen. Unerträglich finde ich die amerikanischen Datingshows auf MTV. Das ist so hohl. Bäh! Du merkst, ich rege mich darüber sehr auf. Was müsste sich ändern? Ich würde mir wünschen, dass wenigstens nachts coole alte Rockertypen, die unheimlich Ahnung von Musik haben, ein paar Stunden das Programm bestimmen dürfen. Gibt es noch eine Sendung auf VIVA oder MTV, die du gerne schaust? Die einzige Show, die ich überhaupt noch gucke, ist die von Sarah Kuttner. Das war schon immer so. Als ich noch bei VIVA gearbeitet habe, haben wir uns sehr gut verstanden. Sie findet bestimmt nicht alles an mir toll und ich nicht alles an ihr, aber im Vergleich zu allen anderen VIVA-Moderatorinnen ist sie super. Ich wusste nie so recht, worüber ich mich mit Colleen unterhalten sollte, aber wenn ich Sarah im Aufzug getroffen habe, habe ich mich gefreut. Hast du im letzten Jahr das Musikgeschehen verfolgt? Nein, überhaupt nicht. Wenn mich Leute nach der besten Platte des Jahres fragen, dann sagte ich: „Keine Ahnung, ich habe keine gehört.“

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Illustration: Julia Schubert

Nerven dich Leute, die ständig mit ihrem Musikwissen glänzen wollen? Total. Das ist ja auch definitiv ein Männerproblem. Die haben oft so einen Vinyl-Sammeltick. Das ist so ein Wettbewerb, bei dem ich früher mal mithalten wollte. Jetzt sage ich nur noch: „Ach echt? Kenne ich nicht!“ Auch wenn das nicht stimmt. Und dann sagst du, du würdest am liebsten die Beatles hören? Genau. Bloß nicht die hippen neue Platte! Das ist langweilig, doof und viel zu unbeständig. Typen merken sich unnützes Quatschwissen über die Musikszene, damit sie dann anderen erzählen können, wie super sie sind. So etwas ist echt öde und arm. Warum ist Plattensammeln so ein Männerding? Ich weiß es nicht. Das platteste Argument dafür, dass Männer sich in einer Sache so verfrickeln und verfangen, ist, dass sie keine Kinder kriegen können. Letztes Jahr hast du mit dem Regisseur Michael Hofmann „Eden“ gedreht. Worum geht es in dem Film? Obwohl ich im Film Ehemann und Kind habe, verliebe mich in einen dicken Koch, gespielt von dem berühmten Theaterschaupieler Josef Ostendorf. Er kocht all seine Gefühle, seine Stotterhaftigkeit, all das, was er nicht ausdrücken kann, in seine Gerichte. Und ich esse das dann auf. Das Drehbuch hat mir vom Anfang bis zum Ende gefallen. Ich fand wild, besonders und radikal. Ist dir das Schauspielen leicht gefallen? Nein, gar nicht, denn als Schauspielerin gibt man alles aus der Hand. Man ist wie ein kleines Mädchen, dem der Regisseur wie ein Papa Schritt für Schritt erklärt, was es machen soll. Und man versucht möglichst genau, das zu tun, was von einem verlangt wird. Ich hatte totalen Respekt vor dem Regisseur und war nicht mehr die Charlotte, die man kennt. (Fotos: Claudia Rorarius)

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