"Serbische Freunde habe ich nur in Deutschland"

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Burim ist 23 Jahre alt und lebt seit 16 Jahren in Ingolstadt. jetzt.de: Burim, woher kommst du? Burim: Ich bin in Peja, im Westen des Kosovo geboren. Als ich vier Jahre alt war, ist meine Familie nach Deutschland gekommen. Seitdem fahre ich etwa zweimal im Jahr zu meinen Verwandten, Großeltern und Freunden dorthin. Was zieht dich immer wieder dort hin? Die Geselligkeit und Gemütlichkeit der Leute. Alles ist locker, offen und heimisch. Ich habe dort keinen Stress, kann alles aus der Hand geben, gehe mit Freunden weg und esse unheimlich gut. Wie war das damals, als Anfang der 90er Jahre die Gewalt zunahm und später die ersten Bomben fielen? Die Kosovo-Albaner wurden von den Serben systematisch unterdrückt und entrechtet. Seit Milosevic 1990 das Parlament und die Regierung aufgelöst hat, nahmen die Spannungen von Tag zu Tag zu. Jeder Ruf, jede Demonstration nach Gerechtigkeit und einem Ende der Diskriminierung wurde mit Gewalt erstickt. Die Serben hatten alles in der Hand und das, obwohl dort 90 Prozent Albaner lebten. Mein Onkel zum Beispiel, wurde 1991 ohne Grund ins Gefängnis geworfen und auf den nackten Boden gestreckt. Dort haben sie ihn mehrere Tage ohne ärztliche Versorgung festgehalten. So oder so ähnlich passierte das häufig – willkürlich sind Menschen zusammengeschlagen worden oder verschwunden und niemand wusste was mit ihnen passiert ist, geschweige denn, wo sie waren. Als es immer schlimmer wurde, Häuser in Brand gesteckt und die ersten Luftangriffe geflogen wurden, ist meine Familie zu Fuß, mit ein bisschen Hab und Gut, nach Montenegro und später dann nach Albanien geflohen. Und wie ist es jetzt? Der Kosovo ist mittlerweile relativ stabil, aber insgesamt gibt es noch sehr viel Entwicklungsbedarf. Die Menschen trauen sich wieder auf die Straßen. Die KFOR Truppen schrumpfen und die Panzer und Armeefahrzeuge werden auch immer weniger. Dennoch sind viele noch vom Krieg gebeutelt. Zwar bemüht man sich um Routine, aber längst sind noch nicht alle Wunden geheilt. Allein die Infrastruktur gibt dies nicht her. Zu viel ist noch zerstört. Die Menschen kommen mit dem Wiederaufbau nur schleppend hinterher.

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Illustration: Julia Schubert

Gibt es jetzt so etwas wie ein friedliches Miteinander mit der serbischen Bevölkerung? Es gibt eher ein stummes Nebeneinander. Albaner und Serben leben strikt getrennt. Jede Gruppe bleibt unter sich, isoliert. Im Norden leben die Serben, im Süden die Albaner. In der geteilten Stadt Mitrovica, zum Beispiel, leben die Serben im Norden und die Albaner im Süden der Stadt. Alles ist durch den Fluss Iber und die Brücke, die darüber führt, getrennt. Diese Brücke ist nur mit schweren Kontrollen zu passieren und in der Vergangenheit kam es zu etlichen Ausschreitungen. Wovon erzählen dir deine Freunde, wenn du dort bist? Worauf hoffen sie? Die Jugend hofft, dass ihr Studium nicht umsonst ist und sie damit nicht als Barkeeper oder unbezahlte Arbeitskraft enden. Sie träumen von einem guten Job und Perspektiven im Leben. Dort zu studieren ist extrem hart; es gibt keine Unterstützung für Studenten, kein BAföG, nix. Außerdem gibt es kaum Berufsperspektiven und die Investoren fehlen. Vieles läuft über Beziehungen – Stellenausschreibungen werden oftmals mit unterqualifizierten Leuten besetzt, nur weil diese Leute die richtigen Leute kennen. Hast du auch serbische Freunde? In Albanien nicht, aber in Deutschland. Ist der Kosovo da ein Thema? Nein. War es noch nie. Ich glaube, wir meiden es alle ganz bewusst. Wahrscheinlich klappt es auch deshalb so gut, weil wir hier so weit von den Ereignissen weg sind und nichts hautnah miterleben. Geht es den Menschen denn seit der Unabhängigkeitserklärung besser? Auf jeden Fall. Zum einen emotional und zum anderen faktisch. Endlich haben die Menschen dort ein Ergebnis für ihren Kampf. Sie freuen sich über ihr eigenes Land über die Sicherheit, die sie jetzt genießen. Es gibt eine unabhängige Justiz und eigene politische Vertreter, auch wenn diese mehr als zweifelhaft sind. Warum? Weil die meisten korrupt und machtbesessen sind. Je südlicher man kommt, desto schlimmer. Alle wirtschaften in ihre eigene Tasche und so kommt das viele Geld der EU und aus den USA teilweise nicht an den richtigen Stellen an.


Nadine ist 24, ihre Mutter kommt aus Serbien. Sie lebt ebenfalls in Ingolstadt Jetzt.de: Nadine, woher kommst du? Nadine: Ich bin im Rheinland geboren, wo ich auch aufgewachsen bin. Jetzt lebe ich in Ingolstadt. Meine Mutter kommt aus Belgrad und ist mit 18 Jahren nach Deutschland gekommen, wo sie meinen Vater, der aus Frankreich stammt, kennengelernt hat. Warum kam deine Mutter damals nach Deutschland? Weil sie hier studieren wollte. Für sie war Deutschland das Traumland, wie es für viele andere Amerika war. Sie wollte in einem Land leben, in dem Ordnung, Demokratie und Rechtsstaat herrschen. Trotzdem fuhren wir jedes Jahr etwa viermal nach Serbien – bis heute. Wie lebt ihr dort und was zieht dich immer wieder dorthin? Wir haben ein Haus mitten im Grünen. Nach dem Aufwachen bin ich mit meinem Opa zum Markt und dann haben wir schön gefrühstückt. Alles ist sehr traditionell, man hält sich ständig im Freien auf und alles ist viel weniger schnelllebig. Ich genieße das. Habt ihr auch mit Albanern zusammengelebt? Ja. Bei meinem Onkel in Belgrad wohnten sogar sieben albanische und sieben serbische Familien in einem Wohnblock zusammen. Alles war ganz normal, erst später kamen die Probleme.

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Illustration: Julia Schubert

Wie war das damals, als Anfang der 90er Jahre die Gewalt zunahm und später die ersten Bomben fielen? Von Spannungen und Gewalt haben meine Verwandten wenig gemerkt. Die Leute, Albaner wie Serben, kamen gut miteinander klar. Vielleicht war das eher die Ausnahme, aber es war so. Erst als Belgrad bombardiert wurde, hat man angefangen zu verstehen, was los ist. Einmal, als die Familien, im Haus meines Onkels, es im Keller nicht mehr aushielten, haben sie sich einfach gemeinsam – Albaner und Serben - aufs Hochhaus gesetzt, Kaffee getrunken und sich den Bombenhagel angesehen. Wie das? Das Problem sind nicht die Menschen, die kulturellen Unterschiede oder die verschiedenen Glaubensrichtungen. Die Politiker verfolgen ganz bestimmte Machtinteressen, ohne Rücksicht auf Verluste. Da zählt das einzelne Menschenleben nicht viel, wenn die Sache aus dem Ruder läuft. Und irgendwann gibt es dann einen Dominoeffekt der Gewalt. Aber da können die einfachen Leute nichts dafür. Die meisten Serben wollten das auch nicht, wie es gelaufen ist. Und von der Hetze des Milosevic Regimes hat man in der Berichterstattung nichts mitbekommen. Die Politiker wollten doch den Krieg. Wovon erzählen dir deine Freunde, wenn du dort bist? Worauf hoffen sie? Sie erzählen vor allem von ihrer Arbeit und von Alltäglichem. Vom Krieg wird nicht gesprochen. Die Menschen wollen Routine. Dann fragen sie aber auch bald, ob man denn in Deutschland noch genug zu essen bekomme und ob man gesund sei, weil wir alle so dünn seien. Und dann wird man gefüttert. Ich liebe die serbische Gastfreundlichkeit. Dann gibt es Spanferkel, Lamm, fünf verschiedene Salate, Kuchen und Torten. Sie wollen einem alles bieten, worauf sie drei Monate gespart haben. Hast du auch albanische Freunde? In Serbien nicht, aber in Deutschland. Wenn wir zu Hause den Slava, den größten serbischen Feiertag feiern, dann lade ich sie auch immer ein. Ich mag dieses Multi-Kulti. 2008 haben mehr als 100.000 Serben gegen die Abspaltung des Kosovo demonstriert. Kannst du das verstehen? Ja, irgendwie schon. Die Serben sind ein sehr stolzes und temperamentvolles Volk. Sie lieben ihre Kulturgüter, die Klöster und die Ikonen, die vor allem im Kosovo sind. Andererseits sind sie wie die Gallier aus Asterix und Obelix, die kämpfen, obwohl’s schon rum ist. Sie wollen nicht, dass ihr Land entzweit ist. Das können in Deutschland wohl die wenigsten verstehen. Siehst du in der Unabhängigkeit die Lösung des Konflikts? Teilweise. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Zukünftig wird es wichtig sein, dass man die Menschen zueinander führt. Dass sie - noch mehr als bisher - gemeinsam leben und dass die Kinder in die gleichen Kindergarten und Schulen gehen.

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