Sibel Kekilli im jetzt.de-Interview: „Manchmal finde ich Deutschland zu tolerant“

Als Fatih Akins „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären in Berlin gewann, wurde Sibel Kekilli über Nacht berühmt. Die Freude hielt jedoch kaum einen Tag, dann begann die „Bild“-Zeitung eine Kampagne gegen die damals 23-Jährige. Nach über drei Jahren ist sie nun in der Rolle der jungen Dolmetscherin Leyla im Film „Winterreise“ wieder im deutschen Kino zu sehen.
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Seit dem Erfolg von „Gegen die Wand“ hat sich viel in Deinem Leben verändert, einiges zum Guten, aber es gab auch Tiefschläge. Wie siehst Du die letzten drei Jahre rückblickend? Sibel Kekilli: In meinem ganzen Leben ging es immer auf und ab und auf und ab – nicht erst in den letzten drei Jahren. Ich versuche, alles optimistisch zu sehen und sehe Tiefschläge als Art Reifeprozess an. Du hattest in sehr kurzer Zeit große Erfolge: der Goldene Bär für „Gegen die Wand“, der Deutsche Filmpreis als Beste Schauspielerin - jetzt wurdest Du auch in der Türkei als beste Darstellerin für „Eve Dönüs“ („Heimkehr“) ausgezeichnet. Fühlst Du Dich durch diese Anerkennungen bestätigt? Mit dem Preis in der Türkei habe ich gar nicht gerechnet. Meine erste Frage auf der Bühne war: „Kann es sein, dass es sich um einen Irrtum handelt?“ Auch als wir den Goldenen Bären für „Gegen die Wand“ bekommen haben, konnte ich nicht feiern. Ich bin nach der Verleihung ins Hotel und habe geweint. Und zwar nicht vor Glück, sondern weil ich diesen Glücksmoment nicht zulassen und genießen konnte. Ich hatte Angst davor.

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Illustration: Julia Schubert

Sibel Kekilli Foto: ddp In „Winterreise“ bist Du nach langer Zeit wieder im deutschen Kino zu sehen? Was hat Dich an der Figur der Übersetzerin Leyla interessiert? Sie ist ja eher eine Nebenrolle. Es geht für mich nicht darum, ob es eine Haupt- oder Nebenrolle ist, sondern ob diese Figur etwas zu sagen hat. Und ich finde, Leyla hat etwas zu sagen. Sie ist Kurdin, und ist stolz darauf, das ist sehr wichtig. Außerdem hat man nicht immer die Chance, mit so großartigen Schauspielern wie Josef Bierbichler und Hanna Schygulla zu drehen. Warst Du nervös, mit einer Schauspielerlegende wie Josef Bierbichler zusammenzuarbeiten? (lacht) Ich hatte Angst vor ihm. Er ist ja schon von der Statur her so ein großer Mann und dann auch noch so ein großer Schauspieler – da hat man natürlich doppelten Respekt. Ich bin dann zu ihm hingegangen und habe ihm gesagt, dass ich Angst vor ihm habe. Was hat er geantwortet? Er hat nur gelächelt. Du hast einmal gesagt, Du fühlst Dich als Nomadin – wie meinst Du das? Ich fühle mich nirgendwo zu Hause und ich möchte mich auch nirgendwo festsetzen. Das gilt auch für den Beruf: Ich möchte mich nicht festlegen und sagen: Ich möchte für immer Schauspielerin bleiben. Ich möchte irgendwann mal weg aus Hamburg, aus Deutschland, weiß aber noch nicht, wohin. Woher kommt dieses Gefühl des Entwurzeltseins? Man hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich Wurzeln habe, weder in der Türkei noch in Deutschland. Die Türken sehen mich nicht als Türkin - wenn ich dorthin reise, heißt es: Frau Kekilli ist in diesem Land als Gast. Und in Deutschland sind wir auch nicht akzeptiert. Das kann ich von Fatih Akin sagen, von Birol Ünel (Filmpartner aus „Gegen die Wand“,Anm. d. Red.) und von mir. Wir sind die Türken und nicht die Deutsch-Türken. Bevor „Gegen die Wand“ auf der Berlinale gewonnen hatte, hieß es immer: Es ist ein türkischer Film. Als wir gewonnen hatten, war es plötzlich ein deutsch-türkischer Film. Bist Du ein politisch denkender Mensch? Ja. Ich finde es beschämend, dass sich viele Leute nicht informieren und immer oberflächlicher werden. Einerseits kann ich verstehen, dass sie flüchten wollen vor ihren täglichen Problemen. Aber genau weil sich die Leute nicht informieren, passiert es, dass eine NPD wächst und wächst. Dass Leute, die andere Parteien wählen würden, gar nicht zur Wahl gehen. Die Leute müssen sich erkundigen. Auf der nächsten Seite liest du, was Sibel darüber denkt, dass man Rollen extra für sie in eine Türkin umschreibt - und warum sie denkt, dass Deutschland manchmal zu tolerant ist.


Bist Du selbst schon Opfer von Fremdenfeindlichkeit geworden? Einmal bin ich mit meinem Hund spazieren gegangen und obwohl er gar nichts gemacht hat, hat mich eine Joggerin beschimpft und gesagt ich soll wieder zurück in die Türkei gehen. Es kommt auch oft genug vor, dass man mir ein Drehbuch schickt und dazu schreibt: Wir haben für Sie, Frau Kekilli, die Rolle in eine Türkin umgeschrieben. Will ich das? Erwartet man ein Dankeschön von mir? Was hältst Du von Aktionen wie der Islamkonferenz, auf der ein Dialog mit Muslimen in Deutschland erzielt werden soll? Wenn sie etwas bringt, gut. Aber bis jetzt wurde immer geredet und man sieht ja, dass es sehr schwer ist, etwas umzusetzen. Manchmal finde ich Deutschland zu tolerant. Dass Mädchen dem Sportunterricht fern bleiben dürfen und dann auch noch vor Gericht gewinnen, finde ich unmöglich. In der Türkei dürfen die Frauen ja auch nicht mit Kopftuch in öffentlichen Gebäuden studieren oder arbeiten. Du engagierst Dich für die Frauenrechtsorganisation „Terre des femmes“. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Vor zwei Jahren haben sie erfahren, dass ich mich für Frauenrechte stark mache und mich gebeten, eine Rede über die Stellung von Frauen im Islam zu halten. Seitdem arbeite ich mit ihnen zusammen. Gibt es eine Frau, die ein Vorbild für Dich ist? (überlegt) Eine Frau? Ich würde ja jetzt Muhammad Ali sagen (lacht). Weil er so mutig ist. Alle Menschen waren gegen ihn, aber er stand zu seiner Sache, egal, welche Konsequenzen es hatte. Er hat sich für Schwarze eingesetzt, er hat sich ge-gen den Vietnamkrieg geäußert und sich geweigert, dort hinzugehen, obwohl ihn das seine Boxlizenz gekostet hat - und Boxen war sein Leben. Für mich ist er einer der mutigsten Menschen, die es gibt. Natürlich gibt es auch viele Frauen, die ich für ihre Arbeit, ihren Mut und ihr Leben sehr bewundere. Zum Beispiel Türkan Saylan, die durch ihr Engagement vielen Mädchen aus türkischen Dörfern eine Schulbildung ermöglicht hat und ermöglicht. Was hat sich in Deinem Leben am meisten geändert seit dem Erfolg von „Gegen die Wand“? Ich habe viele Menschen getroffen, konnte viel reisen und habe im Moment die Chance, einen Beruf auszuüben, die nicht jeder so leicht bekommt. Außerdem bin ich reifer und ruhiger geworden. Früher habe ich sehr schnell gelebt, mit dauern-den Aufs und Abs. Diese Selbstzerstörungsenergie hat sich jetzt gelegt. Ich muss sie nicht mehr in meinem wahren Leben ausleben, sondern kann sie für meine Rollen verwenden.

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