"Sich wegen Fußball auf die Fresse zu hauen, ist ziemlich erbärmlich."

In seinem neuen Film spielt Daniel Brühl den deutschen Fußball-Visionär Konrad Koch. Im Interview redet er über Frauenfußball, Klugscheißer und seine Liebe zum FC Barcelona.
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Sportfilme sind hierzulande eine schwierige Angelegenheit. Ist „Der ganz große Traum“ ein Fußballfilm?
Nein, die Geschichte ist vielschichtiger. Ich glaube, wenn der Film nur auf den Sport reduziert gewesen wäre, hätte mich das auch nicht so gereizt. Ich spiele darin einen Lehrer, der neben dem Fußball auch noch viele andere Dinge vermittelt wie Durchsetzungsvermögen, Teamgeist und den Glauben an sich selbst.  

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Illustration: Julia Schubert


Bist du selbst ein guter Fußballer?
Ich habe immer viel Fußball gespielt, war aber eher mittelmäßig begabt. Es gab bei uns ein paar Jungs, mit denen ich nie mithalten konnte, sodass ich im Verein dann lieber Tennis und Basketball gespielt habe. Ich würde gerne häufiger bolzen, aber man braucht eben mindestens sechs Leute, und daran hapert es meist. 

Du bist großer Fan des FC Barcelona und findest das Spiel der Bundesliga-Vereine vergleichsweise unattraktiv. Inwiefern?
Bei Barça wird einfach vieles richtig gemacht. Allein deren Jugendarbeit ist phänomenal, indem junge Spieler von klein auf gefördert werden und dadurch als Mannschaft sehr eng zusammenwachsen. Ich kenne alte youtube-Aufnahmen, auf denen man Messi, Iniesta, Xavi und Fàbregas schon als Kinder gemeinsam auf dem Schulhof kicken sieht. Die sind perfekt aufeinander eingespielt, verstehen sich blind und entsprechend attraktiv ist ihre Spielweise.  

Barça spielt in deinen Augen also tatsächlich „Fußball in Vollendung“?
Definitiv. Deren Spiel ist noch geprägt von der alten Johan-Cruyff-Mentalität: Nicht nur das Resultat zählt, sondern auch die Art und Weise, wie das Resultat erzielt wurde. Es geht darum, attraktiven Fußball zu spielen und den Sport zu einem Spektakel werden zu lassen. Wenn ich mir dagegen ein Spiel vom 1. FC Köln ansehe, von dem ich als gebürtiger Kölner ebenfalls Fan bin, dann fällt das Zuschauen schon manchmal schwer.

Was hältst du denn von Frauenfußball? Immerhin findet in diesem Jahr in Deutschland die Frauenfußball-WM statt.
Das ist ein ganz anderer Sport – weniger physisch, weniger hart, weniger schnell. Ich muss zugeben, dass ich eher auf Männerfußball fixiert bin. Aber wer weiß: Vielleicht kann mich die Frauenfußball-WM in diesem Jahr eines Besseren belehren. 

In einem Interview stand zu lesen, dass du mit weiblichen Fußball-Fans nichts anfangen kannst. Warum denn nicht?
Was? Nein, das habe ich so nicht gesagt. Es gibt allerdings Frauen, die besonders hervorheben wollen, dass sie das Spiel kapiert haben und deshalb unheimlich schlau aus der Wäsche reden. Das geht mir auf den Sack. Wenn ich Fußball kucke, will ich nicht ständig eine monologisierende Schnatterstimme im Nacken haben. Da kann ich schon mal ausflippen. Und natürlich gibt es auch Frauen, die bloß am Ende des Spiels den Trikottausch sehen wollen. Die nerven auch.  

Also hast du doch etwas gegen weibliche Fans?
Nein, nicht generell. Bloß gegen diese beiden Extreme. Ich mag es nicht, wenn bloß über die Haare der Fußballer gesprochen wird und ich mag keine Fußball-Klugscheißer. Aber von letztgenannter Spezies gibt es auch unter Männern eine ganze Menge. Ich habe mir auch schon viele Spiele gemeinsam mit Frauen angesehen, und das war ganz wunderbar.

"Der ganz große Traum" - Trailer
http://www.youtube.com/watch?v=5ALOePpgLKo

Eingefleischte Fußball-Fans sind oft ein komisches Völkchen, wenn sie mit ihren Vereinskutten und komischen Mützen gröhlend durch die Straßen ziehen. Was hältst du von dieser Fußball-Fan-Kultur?
Ach, ich finde das schon gut. Bloß bei plumper Gewalt unter dem Vorwand der Vereinsliebe hört es bei mir auf. Natürlich ist Fußball auch ein Ventil, um den ganzen Frust der Woche loszuwerden, aber man sollte immer bestimmte Grenzen wahren. Neulich saß ich mit meinem Barcelona-Trikot im Bernabéu-Stadion von Real Madrid. Hinter mir hat sich eine Gruppe von Real-Fans darüber unterhalten, wie sie die Katalanen mit Baseball-Schlägern weichprügeln wollen. Da habe ich schon ein bisschen Muffensausen bekommen. Witziges, verbales Anfeinden finde ich super. Aber sich wegen eines Fußball-Spiels auf die Fresse zu hauen, das ist ziemlich erbärmlich.  

Beim sogenannten Clásico, dem Duell des FC Barcelona gegen Real Madrid, spielen ja auch politische Faktoren eine Rolle. Real hatte stets einen guten Kontakt zum Franco-Regime, das die Katalanen unterdrückt hat.
Ja, klar. Im Club-Fußball gibt es wahrscheinlich kein Duell, das eine solche Relevanz hat. Höchstens noch das schottische Derby zwischen Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers, bei dem es zusätzlich um unterschiedliche Glaubensfragen geht. Aber in geschichtlich-politischer Hinsicht ist der Clásico das heftigste Spiel auf der ganzen Welt.  

Das ist aber doch alles schon Jahre her.
Das stimmt, aber die jahrelange Unterdrückung kocht da jedes Mal wieder hoch. Damals wurden Spiele getürkt, Transfers beeinflusst, Spieler kleingehalten – es gab eine ganze Reihe von Demütigungen gegenüber den Katalanen. Für die war der Fußball damals die einzige Möglichkeit, ihre Kultur und Identität zu bewahren – und das ist in den Köpfen immer noch drin. Trotzdem darf man bei all dem nicht vergessen, dass es am Ende nur ein Fußballspiel ist.  

Du hast mittlerweile eine Wohnung in Barcelona und gehst dort häufig ins Stadion. Gibt es große Unterschiede in der Fan-Kultur Spaniens und Deutschlands?
Fußball war immer auch ein Sport der Arbeiterklasse, und das ist in Deutschland spürbarer als in Spanien – besonders im Ruhrpott. Da kommt alles sehr ehrlich rüber, und das gefällt mir. Bei Fußballspielen in Spanien hat man hingegen manchmal eher das Gefühl, man geht in die Oper. 

In die Oper?
Ich hatte einmal das Privileg, im Camp Nou (das Stadion des FC Barcelona, Anm. d. Verf.) in die Ehrenloge eingeladen zu werden. Ich hatte Jeans an, und damit wollten die mich tatsächlich nicht reinlassen. Ich konnte das erst gar nicht glauben. Es kann doch nicht sein, dass ich mich für ein Fußballspiel erst in einen Anzug werfen muss. Das fand ich albern. Aber auch sonst sind die Spanier ein bisschen spießiger. Wirklich emotional wird es in Barcelona bloß beim Clásico und dem Lokalderby gegen Espanyol. 

In Deutschland gibt es im Stadion traditionell Bratwurst, Brezeln und Pommes zu essen. Welche Gaumenfreuden bekommt man denn in spanischen Stadien?
Im Camp Nou bekommt man „Frankfurt“ – was nichts anderes ist als eine Bockwurst. Man muss die „Rs“ in „Frankfurt“ allerdings rollen, sonst wird man am Würstchenstand nicht verstanden. Bratwurst gibt es aber auch, die wird dort allerdings „Braswurt“ genannt.


"Der ganz große Traum" mit Daniel Brühl läuft seit Donnerstag in den Kinos.



Text: daniel-schieferdecker - Foto: dapd

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