Sido ist wieder Aggro

Am Freitag erscheint das neue Album von Sido. Aber das superintelligente Drogenopfer ist erwachsen geworden. Irgendwie. Ein Interview
daniel-schieferdecker

Während der Name Sido vor ein paar Jahren noch vornehmlich für den Gebrauch von elternverschreckendem Fäkalvokabular, der Verherrlichung von Drogenkonsum und das Repräsentieren einer sozial schwachen Gegend stand, denkt man bei Sido heute vor allem an seine Teilnahme bei der Wok WM, den Jury-Posten bei „Popstars“ und sein neu entflammtes Interesse an Politik. Der „Junge von der Straße“ ist erwachsen geworden. Irgendwie. jetzt.de: Mit deiner letzten Platte hast du deine Trilogie abgeschlossen, dein altes Label Aggro Berlin gibt es nicht mehr. War das Konzept hinter deinem neuen Album von Anfang an der Neubeginn? Sido: Ja, eindeutig, obwohl ich mich nicht hinsetzen und mir sagen kann: Das Album muss so und so werden. Das schaffe ich nicht. Ich kann mich nur hinsetzen und gute Songs machen. Das schaffe ich. Der Neuanfang war also vor allem durch die Umstände bedingt? Genau, denn sämtliche Lieder sprechen mir aus dem Herzen. Man kann hören, wie es mir während der Produktionsphase ging. Ich habe viel verarbeitet. Ich wollte jedoch kein Lied darüber machen, in dem erklärt wird, was bei Aggro Berlin genau passiert ist. Das müssen die Leute auch nicht wissen. Aber da die Trilogie vorbei ist, hätte ich mir auch mit Aggro Berlin überlegen müssen, wie es weitergeht.

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Illustration: Julia Schubert

Trotzdem heißt die Platte „Aggro Berlin“. Der Neubeginn ist also nach der Vergangenheit benannt. Ich möchte, dass der Name in guter Erinnerung behalten wird. Außerdem sollten sich die Fans keinen Kopf darüber machen, weil es Aggro Berlin nicht mehr gibt. Schließlich waren die Leute keine Fans von den Leuten im Hintergrund, sondern von uns Künstlern. Und wir sind alle noch am Start. Das Label Aggro Berlin mag tot sein, aber Aggro Berlin als Musik und Bewegung lebt durch mich weiter. Auf der Platte sprichst du auch über "Popstars" und schießt in die Richtung von Detlef Dee Soost. Würdest du dich rückblickend noch mal in die Jury setzen? Die haben mich gefragt, ob ich es noch mal machen würde, aber meine Auflagen waren denen dann zu hart. Ein paar Sachen haben mich wirklich angekotzt, und die hätte ich ändern wollen – angefangen bei der geringen Gage für den großen Aufwand. Außerdem bekommt die Band dort nicht die notwendige Aufmerksamkeit, so dass ich mich mit meiner Management-Firma gerne darum gekümmert hätte. Und die dritte Auflage war, dass jemand wie Detlef Dee Soost nicht mehr in der Jury sitzen darf. Der kann gerne Tanzlehrer sein, aber er besitzt keinerlei musikalische Kompetenz. Ich war wirklich so naiv und dachte, „Popstars“ sei eine Musiksendung, in der es um die Zusammenstellung einer guten Band geht. Aber was mit der Band nach Ende der Sendung passiert, interessiert leider niemanden. Glaubst du, dass du generell nicht in so ein Format hineinpasst? Ich finde sogar, dass ich sehr gut in so ein Format hineinpasse. Doch diese Sendung im Speziellen ist von ihren Strukturen und ihren Grundfesten absolut überholungsbedürftig. Bei „DSDS“ geht es beispielsweise sehr viel mehr um die Musik, weil Dieter Bohlen wichtig ist, was aus den Künstlern wird. Bei „Popstars“ geht es jedoch vor allem um das Zurschaustellen einzelner Charaktere. Wenn deine Mutter nicht mindestens Krebs hat, kommst du nicht weiter – egal, wie gut du bist. Eine „seriöse“ Castingsendung würdest du also machen wollen? Auf jeden Fall. Stefan Raab macht das doch auch sehr gut, da kommt immer was bei rum. Natürlich gibt es auch da immer ein paar Bescheuerte, über die man sich lustig macht. Trotzdem geht es dort vor allem um die Musik. In so eine Sendung würde ich wunderbar reinpassen, weil ich mich selbst als Musikfachmann bezeichnen würde. Ich erkenne, ob jemand gut singen kann. Ich weiß auch, dass ich selbst scheiße singe – und an dieser objektiven Beurteilung merkt man bereits, dass ich weiß, wovon ich spreche. Du hast eben erzählt, dass du auf dieser Platte viel verarbeitet hast. In den Medien wirst du aber meist als lustiger Clown dargestellt. Wie geht das zusammen? Ich mache mir gar keinen Kopf darum, wie ich in der Öffentlichkeit dastehe. Ich mache einfach meine Musik und weiß, dass die Medien sowieso etwas über mich bringen werden, weil ich anscheinend interessant genug bin. Die Sachen abseits der Musik mache ich vor allem deshalb, weil ich nicht eines Tages auf meinem Sterbebett liegen will und mich darüber ärgern möchte, dass ich nicht mit einer Bratpfanne eine Bobbahn heruntergefahren oder bei der Stock Car Crash Challenge mit meinem Auto in den Wendler reingefahren bin. Den Leuten wiederum scheint es Freude zu bereiten, mir dabei zuzusehen, wie ich Spaß habe. Insofern haben wir alle etwas davon. Die Sendung „Sido geht wählen“ hast du also auch bloß aus Spaß gemacht? Das passte zeitlich schon ziemlich gut zum Single-Release. Natürlich hat es meine Plattenfirma gefreut. Aber ich fand die Idee von Anfang an gut und hätte das auch ohne anstehende Veröffentlichung gemacht. Ich konnte schließlich all diese verschiedenen Politiker treffen und sie aus erster Hand nach all dem fragen, was ich nie verstanden habe. Früher habe ich bei Politiksendungen sofort umgeschaltet und lieber Spongebob geguckt, aber ich bin jetzt fast 30 Jahre alt und war der Meinung, dass ich mich langsam ein bisschen dafür interessieren sollte. Ich habe wirklich viel durch die Sendung gelernt und habe sogar schon eine Prognose für den nächsten Bundeskanzler. Und die wäre? Sagen wir so: Er ist auf jeden Fall schwul. Du glaubst also, dass Guido Westerwelle der nächste Bundeskanzler wird? Westerwelle oder Wowereit. Wird es auf deiner nächsten Platte denn auch politische Songs geben? Wenn man es genau nimmt, sind Songs wie „Mein Block“ oder „Augen auf“ bereits sehr politisch. Noch politischer wird es aber sicherlich nicht.

Im Gespräch mit einer Vertreterin der Grünen Jugend hast du sie irgendwann unterbrochen, weil sie dir zu viele Fachbegriffe wie „Konjunktur“ oder „Reform“ verwendet hat. Als Rapper machst du es aber letztlich auch nicht anders, wenn du kulturspezifische Begriffe wie „Battle“ oder „Punchline“ benutzt, die ein Außenstehender sicherlich auch nicht versteht. Die sollen mich ja auch nicht verstehen. Politik aber ist fürs Volk. Und Rap nicht? Nein. Rap ist für die HipHop-Kultur. Für uns. Mir ist es auch am liebsten, wenn Leute aus der HipHop-Kultur meine Alben hören. HipHop ist immer eine sehr elitäre Angelegenheit gewesen, die nicht fürs Volk gedacht ist, sondern lediglich für die Szene selbst. Aber gerade du bist doch jemand, der auch sehr viele Leute außerhalb der HipHop-Kultur anspricht und nicht nur Fans innerhalb der HipHop-Kultur hat. Ja, aber vor allem als Entertainer und nicht als HipHopper. Aber das geht doch Hand in Hand. Nein, ich trenne das. Ich finde es auch immer lächerlich, wenn irgendwelche Studenten mit ihren Arafat-Tüchern vor meiner Bühne stehen und versuchen mitzurappen. Die können das einfach nicht. Aber klar: Letztlich kann ich nichts dagegen sagen, denn am Ende des Tages verdiene ich damit mein Geld. Aber meine Musik machen ich nicht für diese Leute, sondern für HipHop. Für die Kultur. Hast du denn das Gefühl, dass die „echten HipHopper“ auf deinen Konzerten weniger geworden sind? Im Gegenteil. Sie werden mehr. Denn viele Leute, die früher andere Sachen gehört haben, fangen jetzt auch an, Rap zu hören. Aber doch deshalb, weil sie durch Leute wie dich, die auch abseits der einschlägigen Szene-Medien stattfinden, bei TV Total oder der Bravo abgeholt werden. Nein, weil sie einfach damit aufgewachsen sind. „Mein Block“ ist mittlerweile fünf Jahre her. Wer damals also fünfzehn Jahre alt war, ist heute zwanzig und mit mir groß geworden. Die Leute wachsen mit, deshalb kann ich denen natürlich auch nicht dieselbe komische Scheiße wie früher aufs Brot schmieren. Aber wer mit fünfzehn bereits Sido gehört hat, kann das heute immer noch tun, weil ich mich genauso weiterentwickelt habe wie der. Würde ich heute aber noch dieselbe Mucke machen wie früher, würde sich der 20-jährige heute dafür schämen. Und das würde ich auch. Für die damalige Zeit war das gut, aber heute kann ich über so eine Kinderkacke einfach keine Lieder mehr machen. „Aggro Berlin“ von Sido erscheint am 30.10. bei Universal.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: dpa

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