Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr

China Keitetsi wird 1976 in Uganda geboren. Im Alter von acht Jahren flieht sie vor ihrem gewalttätigen Vater und gerät in ein Rekrutierungslager der ugandischen Widerstandsarmee NRA, die von Yowere Museveni, dem heutigen Staatspräsidenten angeführt wird. Dort bekommt sie ein Gewehr und für die nächsten zehn Jahre wird sie zu einer Kindersoldatin. 1999 kann sie mit Hilfe der Vereinten Nationen nach Dänemark fliehen und schrieb dort ein Buch über ihre Erfahrungen. Anlässlich des Welttags der Kindersoldaten spricht sie mit jetzt.de über ihr Leben nach der Armee.
michael-moorstedt
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Siehst du dich als Stellvertreterin für die Kinder, die gezwungen werden, in den Krieg zu ziehen? Ich bin frei und lebe. In Dänemark habe ich gemerkt, wie man Kinder behandeln sollte. Das möchte ich weitergeben an all die Kinder, die immer noch kämpfen müssen. Ich denke, das ist alles was ich für meine Freunde, die gestorben sind, tun kann. 1999 bist du nach zehn Jahren als Soldatin nach Dänemark geflohen. Welche Auswirkungen haben deine Erfahrungen aus Uganda auf dein heutiges Leben? Wir haben sehr viele schlimme Dinge getan und gesehen. Das ist immer noch da und wird auch nicht weggehen. Ich muss immer noch lernen mit der Vergangenheit zu leben. Das Buch zu schreiben hat mir sehr geholfen. In Dänemark fühle ich mich sicher, es hilft schon wenn man nicht jeden Tag Gewehrschüsse hört. Das hat mir schnell geholfen, aber natürlich gibt es Dinge, die man mir beim Militär genommen hat. Narben an meinen Beinen. Dass man mich missbraucht hat, das fühle ich immer auf meiner Haut. Mein Psychiater sagt, dass muss man akzeptieren. Aber in der Armee haben wir nicht gewusst, wie es ist unseren Verstand zu benutzen. Da gab es immer einen Kommandeur, der einem sagte, wie man zu laufen und was man zu denken hat. Und wen man erschießen soll. Jetzt habe ich die Gelegenheit selbst über mein Leben zu bestimmen. Die Kinder, die ich zurückgelassen habe, können das nicht. Das ist der Grund für meinen Einsatz. Ich möchte, dass sich diese Kinder eines Tages auch so fühlen können wie ich. Zu wissen, das jemand da ist, wenn man fällt. Vor zwei Jahren hast du deine eigene Hilfsorganisation namens xchield gegründet. An was wird dort gearbeitet? Es ist keine große Organisation. Wir versuchen, ehemaligen Kindersoldaten Kredite zu vermitteln und ihnen so eine kleine Starthilfe zu geben. Mein großes Ziel ist es ausserdem, ein Zentrum aufzubauen, in dem junge Leute die mein Schicksal teilen leben und arbeiten können und das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten. Wenn man so lange Soldat war, ist man nicht mehr fähig normal zur Schule zur gehen oder eine Ausbildung zu beginnen. Nach deiner Flucht hast du in einem Kindergarten gearbeitet. Wie hast du dich gefühlt, als du all die wohlbehüteten dänischen Kinder gesehen hast? Anfangs war es sehr schwierig. Das erste, was ich beim Militär gesagt bekam, war: nicht lachen. Man vergisst, dass man ein Kind ist. In Dänemark kennen die Kinder sogar ihre Rechte, wenn sie vier Jahre alt sind. Und Spielzeug, sie haben so viel Spielzeug. Einmal kam eine Frau, um ihre Tochter abzuholen. Das Kind war drei Jahre alt und ganz damit beschäftigt, ein Bild zu malen. Sie sagte „Du dumme Mutter, siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin.“ Damals dachte ich noch immer ein bisschen wie ein Soldat und hatte Angst vor der Reaktion der Mutter. Aber sie setzte sich einfach hin und wartete. Da begann ich nachzudenken, weil ich mein ganzes Leben nur „Yes, Sir!“ sagen durfte. Daran merkte ich auch das erste Mal, dass es einen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen gibt. Ich wollte auch malen, wollte tun, was die Kinder tun. Aber ich bin erwachsen, also gab ich vor, ihnen beim Malen zu helfen. In Wahrheit habe ich mir damit selbst geholfen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Wie haben die Leute reagiert, als sie erfahren haben, dass du eine ehemalige Kindersoldatin bist? Einmal gab ich einem dänischen Fernsehsender ein Interview. Am Tag nachdem es ausgestrahlt wurde, kamen die Eltern zu meinem Chef und beklagten sich, dass sie nichts von meiner Vergangenheit wussten. Sie hatten Angst, dass ich ihren Kindern etwas antun könnte. Das hat mich sehr traurig gemacht. Weil ich doch etwas Gutes tun wollte. Es waren keine Kinder, die mich missbraucht haben. Es waren keine Kinder, die mir ein Gewehr gegeben haben. Es gibt heutzutage so viele Kinder in Uniform und die Welt kümmert sich kaum darum. Manchmal denke ich, man hält uns für Monster. Wenn du Kindersoldat warst, wirst du von der Welt zurückgestoßen. Man vergisst, dass wir nicht für unseren Ruhm gekämpft haben. Wir wurden gezwungen diese Dinge zu tun. Wir sind keine Monster, wir haben die gleichen Wünsche und die gleichen Ängste, wie alle anderen Kinder auch. Am heutigen Sonntag ist der Welttag der Kindersoldaten. Denkst du, dass solche Gedenktage einen Nutzen haben? Ich denke, dass es wichtig ist, die Leute über die Situation zu informieren. Es wurde noch lange nicht genug getan. Natürlich gibt es einige Organisationen, die sich für unser Schicksal einsetzen, aber das reicht nicht. Es braucht auch die Hilfe der westlichen Regierungen. Schließlich sind das die Länder, die Waffen in die Krisengebiete liefern. Wenn man jetzt nichts tut, wird es in einem Jahr nicht mehr 300.000, sondern 400.000 Kindersoldaten geben. In deinem Buch erwähnst du mehrmals, wie wichtig es für dich ist, eigene Entscheidungen treffen zu können – was war das für ein Gefühl, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen? Das war wirklich schwer. Damals in der Armee hatte man keine andere Wahl als zu akzeptieren, dass andere Menschen über dein Leben bestimmen. Sie geben dir einen Dienstrang, eine Uniform und eine Waffe. Diese Dinge geben deinem Tag Struktur. Als ich nach Dänemark kam, musste ich erst lernen, mein eigener Boss zu sein. Ich musste lernen, mich mit anderen Leuten auseinanderzusetzen, ohne eine Waffe in der Hand. Ich musste lernen, meinen Verlust zu akzeptieren. Dass ich meinen Vater und meine Mutter verloren habe, dass ich keine Heimat habe. Manchmal fühle ich mich sehr alt, wegen all der Dinge, die ich gesehen habe. Manchmal wünsche ich mir, jemand Anders zu sein. Nur für einen Tag. (Fotos: Stephan Rumpf)

  • teilen
  • schließen