"Sieh dem Mann doch in die Augen, er vögelt dich gerade!"

Was macht einen guten Porno aus? Don Houston ist professioneller Pornokritiker und hat fast 7000 Sexfilme rezensiert. Ein Gespräch über Augenkontakt beim Akt, falsches Stöhnen und Spaß bei der Arbeit.
dilek-ozyildirim

Uh, Ah, Ah: Falsch gestöhnt ist halb verloren, so der Pornokritiker.

jetzt.de: Don, wann ist eine Sexszene gelungen?
Don Houston: Was eine gute Szene ausmacht, ist das, was guten Sex ausmacht: dass die Leute Spaß haben, dass es danach aussieht, als hätten sie eine gute Zeit miteinander. Augenkontakt zwischen den Protagonisten, der Gesichtsausdruck, Mimik, Gestik müssen stimmen. Vor allem kommt es auf die Chemie zwischen den Darstellern an.

Und was macht einen guten Pornostar für dich aus?
Also erstens sollte man mindestens 18 sein. Außerdem hilft es, Sex zu mögen.

Viele Menschen mögen Sex – das macht sie noch lange nicht zu einem guten Pornodarsteller.
Das ist wahr. Aber es hilft, dass es dir nichts ausmacht, wenn noch zehn andere Leute mit dir in einem Raum stehen und dir beim Sex zusehen. Du solltest offen für Neues sein und eine exhibitionistische Ader haben. Es hilft natürlich auch, gut auszusehen.

Wann bekommt ein Film von dir schlechte Kritiken?
Schlecht wird es, wenn die Protagonisten irgendwie künstliches Gestöhne von sich geben (stöhnt); da denkt sich jeder: “Oh wow, was für ein Fake!”. Es muss glaubhaft sein. Insbesondere ältere Pornos haben dieses Problem. Schlimm sind auch diese “Clockwatcher”, die Frauen, die die ganze Zeit auf irgendeine Wanduhr starren und auf die nächste Szene warten. Sieh dem Mann doch in die Augen, er vögelt dich gerade! Amüsier’ dich!

Aber es gibt ja auch Pornos, in denen es gerade darum geht, dass die Protagonistin keinen Spaß hat.
Das sind dann eher die Fetischpornos, Bondage, BDSM und so weiter. Da ist es nicht wichtig, ob die Protagonisten Spaß haben, hier wollen die Zuschauer nur sehen, wie weit sie mit ihrer Sexualität gehen können. So etwas ist dann aber eher nicht mein Ding, denn ich mag Frauen und ich möchte, dass sie Spaß haben.

"Pornos porträtieren das echte Leben"


Wie bist du überhaupt Pornokritiker geworden?
Ein Freund von mir begann, eine Website mit Pornofilmen zu betreiben und suchte jemanden mit Erfahrung, der die Pornos bewerten könnte.

Und du bringst die Erfahrung mit?
Also bitte! Ich schaue seit 35 Jahren Pornos!

Beeindruckend!
Der Job ist wirklich jeden Tag anders!

Schreibst du nur Pornokritiken oder machst du noch was anderes nebenbei?
Mittlerweile bin ich in Rente und habe genug zusammengespart, um meine Zeit nur mit Pornos zu verbringen.

Wieviele Reviews hast du denn schon geschrieben?
Um die 6500.

Und es ist trotzdem nur ein Hobby?
Ja, vollkommen. Ich genieße Pornos und sehe es gerne, wenn sich Produktionsfirmen die Mühe geben, sie weiter zu entwickeln.

Es gibt dann also auch kein Geld für deine Kritiken?
Nein, aber ich habe öfters für verschiedene Websites oder Produktionsfirmen geschrieben, bei denen ich um die 25 bis 50 Dollar für ein Review bekommen habe. Aber ich schreibe lieber unabhängig meine Kritiken, denn man ist glaubwürdiger, wenn man nicht im Auftrag von irgendeiner Produktionsfirma schreibt.

Macht es einen nicht fertig, einen vierstündigen Porno anzuschauen?
Ich schaue nun schon so lange Pornos, das ist wirklich kein Problem mehr für mich. Manchmal schreibe ich über den ganzen Film, weil er wirklich von Anfang bis Ende gut war. Das ist aber eher selten der Fall. Meistens schreibe ich ja nur über die interessantesten Szenen.

Wir haben uns die Gewinner des XRCO Awards 2015 (Anm. der Red.: wichtiger Preis in der Pornobranche) näher angesehen und haben den Film “Wetwork” gefunden, der in der Kategorie “Best Epic” gewonnen hat. Der sieht eher nach einem Actionthriller aus als nach einem Porno. Lenkt so viel Handlung nicht eher ab?
Oft ist es so, dass einfach nur der Sex im Vordergrund steht. Da sieht man dann auch nur den Akt und nichts anderes, was okay ist. Bei Filmen wie “Wetwork” geht man einen Schritt weiter und versucht, ein Stück weit die Realität nachzuahmen. Seht euch doch nur mal die Hollywood-Filme an: In keinem dieser Filme haben die Protagonisten wirklich Sex, meistens zeigen sie nur zwei Menschen, die aufeinanderliegen und so tun. Aber Menschen haben nun mal Sex, immer und überall. Pornos sind da ehrlicher: Sie porträtieren das echte Leben.

Also denkst du, dass Pornos realistischer sind als Hollywood?
Ich denke, in manchen Aspekten sind sie realistischer als normale Filme. Insbesondere der Regisseur Eli Cross von ”Wetwork” hat darauf bestanden, einen richtigen Film zu machen. Nur eben mit echtem Sex.

"Ein Mal wurde ich von einem Typen mit einer Waffe bedroht."



Wie ist es denn, über Fetische zu schreiben, die man persönlich nicht mag?
Also, man weiß ja nie, was man eigentlich so mag, bevor man es gesehen hat. Ich versuche immer, meine eigene Komfortzone zu verlassen und auch Neues zu wagen.

Hattest du schon mal Ärger wegen einer Kritik? 
Einmal hat man mir gedroht, mich aus der Branche zu verdrängen, indem man mir Filme vorenthalten hat. Ein anderes Mal wurde ich von einem Typen mit einer Waffe bedroht. Selten schreiben mich die Darsteller persönlich an – meistens, um sich zu bedanken oder, wenn die Kritik negativ war, um sich zu rechtfertigen. Die meisten sind von sich und ihrem Film total überzeugt und können gar nicht nachvollziehen, wenn man sie schlecht findet. Ich denke, das liegt auch daran, dass sich die meisten Pornodarsteller ihre Filme gar nicht ansehen und nicht wissen, wie sie beim Sex aussehen.

Wieso nicht?
Wer schaut sich schon gerne bei der Arbeit zu? Viele schauen sich ja nicht einmal Pornos an, geschweige denn ihre eigenen. Somit haben sie auch keine Möglichkeit, sich mit andern zu vergleichen. Als Zuschauer ist man da sowieso auf einer ganz anderen Ebene: Man ist ja nicht derjenige, der gerade Sex hat, man schaut nur zu. Oft können die Darsteller den Unterschied zwischen dem, was zu sehen ist und ihren subjektivem Erleben nicht nachvollziehen.

Könntest du uns ein paar Filme empfehlen?
Jederzeit. “Wetwork” ist auf jeden Fall einen Blick wert. Auch der diesjährige XRCO Gewinner des Preises für Beste Parodie, “Barbarella, XXX: A Kinky Parody”, ist empfehlenswert. Ein guter Lesbenporno wäre “Angela loves women”, der Titel ist da wirklich Programm.

Und dein Lieblingsporno?
Ich mochte wirklich sehr “Corruption” aus dem Jahr 2006, von demselben Regisseur wie “Wetwork”. Das war eine der ersten größeren Produktion mit einem großen Budget.

Wir werden jetzt mal ein wenig persönlich: Regt sich beim Pornoschauen noch was bei dir, nach fast 7000 Pornokritiken?
Diese Frage stellen mir viele. Aber ja, ein guter Porno macht mich auch noch heute an.

Würdest du sagen, dass deine Arbeit einen positiven Effekt auf dein Privatleben hat?
Definitiv. Einige meiner Ex-Freundinnen hat meine riesige DVD-Sammlung genervt und sie verlangten von mir, sie wegzuwerfen. Da erkennt man dann, wer einem gut tut und wer nicht. Andere wollten sie sich mit mir ansehen. Meine letzte Ex-Freundin kommt heute noch manchmal vorbei. (lacht)

Um Pornos zu schauen?
Klar. Sie hilft mir dann bei den Kritiken. Das alles hat mein Sexleben nie negativ beeinflusst. Im Gegenteil, ich habe vieles von Pornos gelernt und auch schon oft andere beraten. Privat schaue ich mir aber eigentlich weniger Pornos an.

Grob geschätzt: Wie viele Rezensionen schreibst du in einer Woche? Eigentlich schon zwei bis drei Stück pro Tag.

Wie bitte?
Ich schreibe eben sehr gerne. Ich denke, das ist es, was mich so motiviert. (lacht)

Text: dilek-ozyildirim - und kristin-hoeller (Interview) Illustration: Daniela Rudolf

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