Tjorven Sievers, 27, hatte Glück: Für ihr achtmonatiges Praktikum bei der UN konnte sie ein Stipendium ergattern. Anders hätte sie sich das Praktikum in New York nicht leisten können. Jetzt ist sie fertig und setzt sich mit ihrer Initiative für die kommenden Generationen ein.

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UNO-Hauptquartier in New York. Es ist gar nicht so leicht, in diesem Gebäude Ban Ki-moon zu finden. 

jetzt.de: Wie fühlt es sich an, beim Generalsekretär der Vereinten Nationen einen Beschwerdebrief einzureichen?
Tjorven Sievers: Wir waren alle ziemlich nervös. Der Moment, als wir den Brief wirklich an Ban Ki-moon abgesendet hatten, war für uns alle eine riesige Erleichterung. Aber es war ja kein analoger Brief. Wir haben das per Mail eingereicht.  

Wie kommt man an die Mailadresse von Ban Ki-moon?
Das wussten wir erst auch nicht so richtig. Es war gar nicht leicht, an die Mailadresse des Büros zu kommen, da sind wir auch auf große Widerstände gestoßen. Erst nach mehreren Anläufen wurde die Mail an den Generalsekretär weitergelietet. Das passt ja auch zu der Kritik, die wir an den Strukturen der UN für Praktikanten haben.  

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                                                   Tjorven Sievers. 

Was kritisiert ihr an diesen Strukturen?
Besonders die unfairen finanziellen Bedingungen: Bevor du ein Praktikum bei der UN antrittst, musst du angeben, ob du das selbst bezahlen kannst oder nicht. New York und Genf, wo viele Praktikanten arbeiten, gehören zu den teuersten Städte der Welt. Da muss man im Monat schon mal so mit 2000$ Lebenshaltungskosten rechnen. Wir leben eben auch nicht von Luft und Liebe.

Was machen Leute, die sich das nicht leisten können?
Ich kenne Geschichten von Leuten, die kein Geld mehr hatten und deshalb das Praktikum abbrechen mussten. Oder welche, die sich komplett verschuldet haben. Und dann sind da noch die Leute, die sich gar nicht erst bewerben, weil sie eh nicht das Geld dazu haben.  

Das entspricht nicht gerade der UN-Menschenrechtserklärung, die Chancengleicheit fordert.
Eben. Das kritisieren wir in erster Linie. Überall sonst predigt die UN, dass jeder Mensch das Recht auf faire Arbeit hat. Bei ihren eigenen Praktikanten machen sie aber eine Ausnahme.  

Wie würde die Vereinten Nationen ohne Praktikanten aussehen?
Mittlerweile verlässt sich die UN so stark auf ihre unbezahlten Arbeitskräfte, dass der Laden ohne uns wahrscheinlich nicht mehr laufen würde. Ein Praktikum bei der UN hat nichts mit Kaffeekochen zu tun. Oft tragen die Praktikanten eine enorme Verantwortung, ohne dafür entlohnt zu werden.  

Gibt es keine Stipendien?
Auf der Homepage der UN sind die meisten Links zu den Stipendien völlig veraltet. Und wenn man dann doch irgendwie an die Informationen kommt, decken diese Stipendien meist nicht mal die Lebenshaltungskosten. Viele junge Leute nehmen deshalb einen Kredit auf oder müssen sich auf Unterstützung ihrer Familien verlassen.  

Trotzdem reißen sich junge Menschen um ein Praktikum dort.
Die Leute machen mit, weil es natürlich gut im Lebenslauf aussieht. Ich kenne aber kaum Praktikanten aus afrikanischen oder asiatischen Ländern. Die wenigen, die hier sind, haben davor schon in den USA studiert und kommen dementsprechend auch aus wohlhabenden Familien. Ich kenne keine Person, die direkt aus einem nicht-westlichen Land kommt. Das muss sich ändern.  

Wie findet man in einem so großen Apparat wie der UN Gleichgesinnte?
Das war echt nicht so einfach. Wir mussten uns die Email-Adressen der anderen Praktikanten ziemlich umständlich zusammensammeln. Das ist auch eine unserer Beschwerden: Es gibt keine zentrale Anlaufstelle oder Ansprechperson für Praktikanten. Sich untereinander vernetzen ist sehr aufwendig. Viel lief auch über Facebook, wo über 1000 junge Leute in der Praktikanten-Gruppe sind.  

Und dann plant man in der Kantine die Revolution?
Wir haben uns tatsächlich immer in der Mittagspause getroffen.  Wir waren acht Personen, die an den Formulierungen gearbeitet haben. Bei der UN muss man ein paar Codes einhalten. Zum Beispiel den Generalsekretär mit „Excellency“ ansprechen. Aber unser Anliegen ist nicht als Revolution gedacht. Wir waren trotzdem vorsichtig, dass niemand Schwierigkeiten bekommt. Den Brief haben wir zwar bis zum Ende geheim gehalten, aber wir suchen nach wie vor das Gespräch.

Hast du Angst, dass sich dein Engagement negativ auf deine Karriere auswirkt?
Nein. Unsere größte Angst war eigentlich, dass der Brief gar nicht erst ankommt. Es gab deshalb die Überlegung, sich erst mal an eine niedrigere Instanz zu wenden, aber dann dachten wir: ganz oder gar nicht. Vor meinem Chef habe ich die Treffen nur so oberflächlich erwähnt. Aber es gibt in meinem engeren Kreis einen jungen Mann, der ausdrücklich um Anonymisierung bitten musste, nachdem sein Name genannt wurde. Gerade bei denen, die noch ein Praktikum vor sich haben, waren wir sehr vorsichtig.  

Habt ihr schon eine Antwort?
Es gab bis jetzt noch keine Reaktion. Vergangene Woche gab es einen Fotoshoot mit den Praktikanten und Ban Ki-moon. Da entschuldigte er sich, dass die UN ihre Praktikanten nicht bezahlen könne, er wäre aber stolz auf uns und man würde dafür aber ja für das Wohl aller arbeiten. Das reicht uns nicht. Nachdem sich die Praktikanten in Genf in den letzten Wochen so stark gewehrt haben, wurde ihnen ein Gespräch angeboten. Das wollen wir auch erreichen. Vielleicht bekommen wir ja schon bald ein persönliches Gespräch mit dem Generalsekretär. 


Text: eva-hoffmann - Bloomberg, privat