„So eine nette Arbeitsstelle werde ich nie wieder haben“

Weil sie nicht weiß, wie sie ihr Leben und ihr Studium in Berlin finanzieren soll, verkauft Sonia Rossi, 25, jahrelang ihren Körper. Ihre Erlebnisse stehen jetzt im Buch "Fucking Berlin". Ein Interview über Prostitution als Lösung und ahnungslose Eltern
peter-wagner

Mit 18 zieht Sonia Rossi aus Italien nach Berlin und beginnt ein Mathematik-Studium. Die Eltern können sie nicht unterstützen und Sonia arbeitet erst in einem Erotik-Chat, ehe sie sich jahrelang in Massagesalons verkauft. Zu ihren Freiern gehören unter anderem Prenzlberg-Typen mit Baseballcap auf dem Kopf und Kindersitzen auf dem Fahrrad oder Männer, die zuhause vorgeben, Zigaretten zu holen und das Geld dann in einen Quickie investieren. Das eine oder andere Bonmot aus dem Puffleben schrieb Sonia in einen Weblog, auf den eine Journalistin aufmerksam wurde. Sie ermutigte Sonia, ein Buch zu schreiben. „Fucking Berlin“ heißt nun das Ergebnis, in dem das Berufsfeld Prostitution sicher nicht neu erzählt wird, dafür aber verblüffend gut - zumal wenn man bedenkt, dass Sonia Rossi vor sieben Jahren gerade einmal ein paar Brocken Deutsch sprach. Vom Verlag heißt es, dass am Text nur Feinheiten geändert werden mussten. Vor vier Wochen erschien das Buch, seit zwei Wochen steht es in der Spiegel-Bestsellerliste für Taschenbücher - ein Interview mit der Autorin. jetzt.de: Sonia, dein Name ist ein Pseudonym, du trittst mit Perücke und Sonnenbrille auf - wissen Freunde von deinem Buch? Sonia: Vielleicht zehn enge Freunde wussten schon früher, was ich mache und die wissen von dem Buch. Mit meinen Bekannten rede ich nicht darüber und zum Glück hat mich noch keiner gefragt, ob ich Sonia Rossi bin. Deine Eltern wissen also auch nicht, dass es dieses Buch gibt? Nee! Ein seltsames Gefühl, oder? Ja, sicherlich! Man möchte sagen, dass man schon die zweite Woche in der Spiegel-Bestsellerliste ist - aber ich darf das nicht. Das wäre für meine Eltern zu schockierend und ich hätte auch keine Ausrede parat. Stimmt der Satz, dass keine Frau der Welt freiwillig Prostituierte ist? Frauen, die das gemacht haben, weil sie den Sex mit jedem Mann genießen, habe ich in meiner Karriere gerade dreimal getroffen. Es gibt so Nymphomaninnen, die wirklich jeden Mann brauchen und zehn Mal am Tag Sex wollen. Aber das sind kleine Ausnahmen. Die meisten Frauen machen das aus Geldnot und wie groß die Geldnot ist, variiert von Fall zu Fall. Die eine macht das nur, um sich ein bisschen Luxus leisten zu können und es gibt alleinerziehende Mütter oder Studentinnen, die ihre Rechnungen zahlen müssen. Die wissen genau, dass sie mit einem anderen Job nicht das gleiche Geld machen können. Von daher kann man von Freiwilligkeit eigentlich nicht reden. Aber es ist eine Entscheidung, die man trifft. Und die meisten Frauen, die ich kennen gelernt habe, haben die Entscheidung freiwillig getroffen. Erst machst du nur Massagen, dann gehst du weiter. Wie war der Schritt? Jemandem einen Runterholen oder Ficken – ich sehe den Unterschied nicht. In dem Moment, in dem er mich angefasst hat und ich ihn, war das schon Sex. Ich habe darüber immer wieder mit Kolleginnen diskutiert, die meinten, das mache schon einen Unterschied. Der Sprung ins kalte Wasser war für mich ein anderer: als ich mit dem Job angefangen habe. Als ich das erste Mal einen nackten, fremden Mann vor mir gesehen habe, der etwas von mir wollte – das war die eigentliche Herausforderung.

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Illustration: Julia Schubert

Sonia Rossi Was hast du in den Jahren über Männer gelernt? Dass alle potentielle Puffkunden sind und dass Männer im Prinzip viel einfacher als Frauen sind. Er will eine Nummer schieben, aber sich nicht so viele Fragen stellen lassen. Und ich verstehe das auch und finde es sympathisch und legitim. Frauen brauchen eher das Drumherum mit Kerzenschein und Abendessen, das ist schon anders. Deswegen gibt es ja auch keine Bordelle für Frauen. Hat sich dein Verhältnis zu deinem Körper geändert? Manchmal habe ich zu Hause darüber nachgedacht - wenn jemand besonders eklig oder besonders nett zu mir war zum Beispiel. Aber eigentlich darf man sich diese Frage nicht stellen. Du schreibst von Kolja, einer Studentin, die den Job anfängt und sehr unsicher ist. Egal wie stark man ist, man braucht eine ganze Weile sich daran zu gewöhnen, dass Sex jetzt eine Dienstleistung ist und nichts Privates mehr. Im September erscheint auch in Deutschland das Buch „Mein teures Studium“. Eine 19-jährige Französin beschreibt darin, wie sie ihren Körper verkauft, um ihr Studium zu finanzieren. Angeblich prostituieren sich in Frankreich 40.000 Studentinnen, um ihren Unterhalt zu verdienen - hast du in Berlin Parallelen gesehen? Wenn man Auszubildende dazurechnet, gibt es auf jeden Fall jede Menge junge Frauen, die gerade ein Studium oder eine Ausbildung machen und sich Geld dazu verdienen. Wenn man Studieren und Arbeiten muss, ist man bestraft, wenn man keine reiche Familie hinter sich hat. Im Buch klingt durch, dass das Geschäft in den Puffs nicht mehr so gut lief. Gibt es zu viele Prostituierte oder hat die Nachfrage nachgelassen? Es hat sicher damit zu tun, dass so viele Frauen auf die Idee kommen, den Job machen. Ich habe die Zeit vor den Grenzöffnungen im Osten natürlich nicht miterlebt, aber ich habe von älteren Kolleginnen gehört, dass man in den 80ern in Westberlin noch richtig gutes Geld machen konnte. Jetzt kommen Frauen aus Osteuropa, aus Afrika, aus Asien und weil die Armut auch für viele deutsche Frauen ein Problem wird, sind immer mehr bereit, diesen Schritt zu machen. Und wenn das Angebot zu groß ist, gehen die Preise in den Keller. Du hast dich aus dem Job verabschiedet - was machst du im Moment? Ich schreibe die letzten Klausuren und suche ein Thema für meine Diplomarbeit. Fehlt dir etwas aus deiner Zeit als Prostituierte? Ja. Die Kameradschaft in den Massagesalons. Stimmt, so wie du die Stimmung in einem der Massagesalons beschreibst, klingt es beinah nach Familie. Dadurch, dass wir sehr lange auf Kunden gewartet haben, haben wir Karten gespielt, zusammen gegessen, getrunken – das macht man in einem normalen Job nicht. Ich glaube, so eine nette Arbeitsstelle werde ich nie wieder in meinem Leben haben. *** Fucking Berlin ist im Ullstein Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 8,95 Euro

Text: peter-wagner - Foto: Verlag (Hans Scherhaufer)

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