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jetzt.de: In deinem Debütroman „So was von da“ geht es um einen Clubbetreiber und die letzte Nacht vor dem Abriss seines Clubs. Du selbst hast in Hamburg mal einen Laden namens Weltbühne betrieben, der ebenfalls abgerissen wurde, bevor du dann das Uebel & Gefährlich mitgegründet hast. Da stellst sich natürlich die Frage nach dem Anteil von Wahrheit und Fiktion im Buch.
Tino Hanekamp: Sagen wir so: Ich weiß, worüber ich schreibe. Das Buch ist durchaus inspiriert von dem, was damals gewesen ist. Allerdings muss ich anfügen, dass die Sachen im Buch weit unterrieben sind, damit das Ganze nicht unglaubwürdig wirkt.

Du warst früher Musikjournalist. War der Weg zum Clubbetreiber für dich eine logische Konsequenz?
Rückblickend sieht das fast so aus, war aber eigentlich ein Unfall. Ich war einfach irgendwann durch mit dem Musikjournalismus, hatte keine Fragen mehr und wollte mal wieder wie ein normaler Mensch Musik genießen können, ohne jede Band sofort auf ihre mediale Verwertbarkeit abklopfen zu müssen. Eigentlich wollte ich in einem Club als Barkeeper arbeiten, habe mit einem Kumpel dann aber direkt meinen eigenen aufgemacht – die Weltbühne eben. Hat sich so ergeben. 

Konntest du als Clubbesitzer denn von deinen Erfahrungen aus dem Musikjournalismus profitieren?
Nicht mehr als jeder private Clubgänger auch. Ich habe mich damals ständig in Clubs und Kneipen herumgetrieben und war irgendwann genervt davon, dass es den perfekten Laden noch nicht gab. Als ich dann die Möglichkeit für einen eigenen Club hatte, musste ich's natürlich zumindest mal versuchen.  

Du bist Mitbegründer, Miteigentümer und Programmdirektor vom Uebel & Gefährlich – das klingt nach Traumjob. Ist es einer?
Natürlich ist es ein Traumjob. Ich habe viele schöne Momente erlebt mit großartigen Künstlern und tollen Konzerten und den vielen wunderbaren Leuten, die hier arbeiten. Aber das ist alles auch sehr aufreibend. Man muss sich irgendwann zurück nehmen, damit das alles nicht zu normal wird. Deshalb freue ich mich auch darauf, in absehbarer Zeit etwas anderes zu machen.  

Bücher veröffentlichen zum Beispiel.
Ja, vielleicht. Dieses eine Buch musste zumindest geschrieben werden, weil ich das schon seit Jahren versucht, aber nie auf die Reihe gekriegt habe. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Ich hätte kein Problem damit, wenn ich mit diesem Buch als Autor scheitere. Aber zu scheitern, ohne es überhaupt beendet zu haben, das hätte ich unerträglich gefunden.  

Was hat es denn so schwierig gemacht? Als Musikjournalist hast du doch lange Zeit nichts anderes gemacht als zu schreiben.
Das kann man aber nicht vergleichen. Wenn man einen Artikel schreibt, findet das in einem klar definierten Rahmen für eine bestimmte Zielgruppe statt. Es gibt einen klaren Adressaten, eine klare Länge und eine klare Größe. Musikartikel sind Funktionstexte, die eine bestimmte Aufgabe haben. Bei dem Buch habe ich mich hingegen ständig gefragt: Wer braucht das? Wer will das? Sämtliche Autoren, deren Werke in meinem Bücherschrank stehen, können das zehnmal besser als ich. Das sind natürlich dumme Gedanken, aber diese Gedanken hatte ich. Ich war schwach.  

Die Stärke hast du also erst unterwegs entwickelt.
Genau. Man muss einfach durchhalten.  

Wir haben eben von deinem Traumjob als Clubbetreiber gesprochen. Wenn man deinen Roman gelesen hat, wird die Club-Romantik jedoch schnell vom Leben eingeholt.
Als wir damals den ersten Laden gemacht haben, blieb überhaupt keine Zeit für irgendeine Form von Romantik. Es gibt zwar immer großartige Momente, aber die sind schnell wieder vorbei. Der Großteil des Ganzen besteht aus Arbeit und Wahnsinn.  

Also doch kein Traumjob?
Doch. Natürlich ist es romantisch, wenn man so ein tolles Quatschprojekt zu etwas Großem hochstilisiert und irgendwelche selbst kreierten Ideale verfolgt. Im Grunde genommen schaffen wir ja nur eine Gegenwelt  – für uns selbst und für ein paar andere Verrückte. Und ganz ehrlich: Lieber so etwas machen, als in irgendeiner Bank verfaulen. Ich kann das allen nur empfehlen.  

Was ist euch beim Betreiben des Clubs denn immer am wichtigsten gewesen? Was ist euer Geheimnis?
Das wichtigste ist, dass es allen gut geht, die hier arbeiten. Und dass alle wissen, worum es eigentlich geht. Um eine Idee, die Gegenwelt, den Mikrokosmos. Wir haben uns innerhalb des Systems und den damit einhergehenden Zwängen schließlich einen Freiraum erkämpft, den wir so gestalten können, wie wir es für richtig halten. Wir betreiben keine Abfertigungsmaschinerie, in der es in erster Linie um Gewinne geht.

Hast du das Gefühl, dass die angesprochenen Freiräume weniger werden?
Total. Hamburg wird gerade zubetoniert. Da geht überhaupt nichts mehr. Es ist mittlerweile wahnsinnig schwierig geworden, hier irgendetwas aufzumachen, das nicht nur auf Gelderwerb ausgerichtet ist. In den Stadtzentren ist kein Platz mehr für so einen Spinner-Kram. Wir haben das Glück, in diesem alten Nazi-Bunker zu sitzen, den man nicht einfach abreißen kann. Aber auf dem Gelände unseres ersten Ladens steht mittlerweile eine Privatklinik, in der man sich künstliche Hüftgelenke einsetzen lassen kann. 

Du hast es gerade angesprochen: Der Bunker, in dem ihr euren Club habt, wurde noch unter Hitler erbaut. Gab es anfängliche Bedenken deswegen?
Nein. Natürlich ist dieser Bunker von Idioten erbaut worden. Aber wie soll man so ein Gebäude, das man nicht abreißen kann, anders nutzen als wir es tun? Außerdem: Hitler würde im Grabe rotieren, wenn er sehen könnte, was wir hier machen. Das ist doch super.

Im Buch geht es unter anderem darum, was der Kiez mal war und was er heute ist. Ist die Reeperbahn für dich immer noch eine lohnenswerte Amüsiermeile oder nur noch ballermann-mäßige Touristen-Attraktion?
Das ist immer noch toll. Ich selbst bin mittlerweile zwar ein bisschen davon gelangweilt, aber jemand, der aus seinem kleinen Heimatkaff nach Hamburg zieht, wird das sicherlich ganz anders empfinden.  

Über deinen ersten Kiez-Besuch hast du mal gesagt, der hätte positive Schäden bei dir hinterlassen. Wie ist das zu verstehen?
Ich bin damals durch all die obskuren Läden getingelt, die heute zunehmend verschwinden. Diese ranzigen, merkwürdigen Kneipen, in denen alte, merkwürdige Leute neben einem quietschbunten Haufen junger Leute an der Bar abhängen. Da wurde einfach diese Kiez-Romantik spürbar. Das war total chaotisch und ungeordnet und wild und lustig und traurig. Das war viel intensiver als alles, was ich vorher kannte, und das hat eben geknallt.  

Wenn es dich mittlerweile aber langweilt, dann zieht es dich also weg?
Ja, unbedingt. Ich werde ganz nervös bei dem Gedanken, immer an demselben Ort und immer nur in Deutschland zu leben. Die Welt ist so groß und aufregend, man muss doch auch mal woanders hin.  

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Der Roman "So was von da." von Tino Hanekamp ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.