"Solange der Hunger bleibt, bleibt auch der Hass"

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jetzt.de: Die Proteste in Brasilien kamen für viele hier in Deutschland überraschend. Statt um Samba und Fußball ging es plötzlich um Politik. Woher kam der Zorn vieler Brasilianer?
Criolo: Eigentlich gab es diesen Zorn schon lange. In dem armen Stadtviertel von São Paulo, in dem ich wohne, müssen sich die Leute ihr ganzes Leben lang zur Wehr setzen. Dort erlebst du so viel Gewalt im Alltag, es gibt keine Ausbildung, keine Gesundheitsversorgung, keine Arbeit. Dagegen kämpfst du jeden Tag aufs Neue.

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Illustration: Julia Schubert

"Dass ich aus der Favela komme, sehe ich als Lob": Criolo.

Und warum gehen die Menschen dann gerade jetzt auf die Straße?
Als sie die Bus-Fahrpreise erhöhen wollten, war das sicher die Zündschnur, die es brauchte, damit dieser Aufstand explodiert. Ich denke, die Leute wollten einfach nicht länger die Rechnung übernehmen für einen extrem schlechten öffentlichen Nahverkehr. Es gibt bei uns so viel Korruption, und so lange ein Land so viel Korruption hat, wird es eben keine funktionierende Nation werden.

Was wird jetzt aus den Protesten?
Die Leute müssen aufpassen, das sie nicht zur Manövriermasse von Politikern werden. Aber: Solange der Hunger bleibt, bleibt auch der Hass bei den Menschen derselbe. Jeder einzelne weiß jetzt, dass er nicht allein ist.

Im Internet gibt es Fotos von dir auf einer Demo unter tausenden Demonstranten. Nach deinem erfolgreichem Album und deinen Fernsehauftritten, wirst du da wie eine Berühmtheit behandelt? Ich weiß nicht, wie sie mich sehen, aber ich sehe mich weiter als Bewohner von meinem Stadtviertel Grajaú, dem Stadtviertel von São Paulo, in dem ich wohne. Es ist schön, wenn Leute an mir vorbeigehen, mir zuwinken und mich grüßen. Aber ich bin hier immer noch der Kleber...

...Kleber Gomes, dein bürgerlicher Name...

Die Menschen in diesem Viertel arbeiten hart und müssen viel aushalten. Erst vor Kurzem wurden zwei Straßen von meinem Haus wieder zwei Menschen von der Polizei erschossen.

Siehst du auch deine Rapmusik als Form politischen Protests?
Auch wenn ich nicht ausdrücklich über Korruption singe, geht es in meinen Liedern viel darum. Wenn ich über einen Jungen in der Favela singe, der keine Chance hat, dann geht es um Korruption. Ich weiß, dass du in der Favela einen Schach-Weltmeister haben könntest oder den besten Klavierspieler. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie vergessen werden, ist brutal. Meine Lieder können daran nichts ändern. Sie sind nur eine Momentaufnahme, aber das hier ist der Kampf eines Volks, das nicht mehr will.

http://www.youtube.com/watch?v=Da04TlloTg0

Deine Eltern kamen als arme Zuwanderer nach São Paulo. Bist du auch ein Kind der Favela?
Ja, ich sehe das als Lob. Meine Eltern kamen aus dem armen Nordosten Brasiliens und hatten überhaupt keine Schulbildung. Mit 14 Jahren kam ich trotzdem auf die Sekundarschule, weil meiner Mutter das wichtig war. Sie hatte sich immer beschwert, dass sie nicht so eine Chance gehabt hätte, und deshalb überredete ich sie, sich auch bei meiner Schule anzumelden. Es klappte und wir gingen drei Jahre gemeinsam in die selbe Klasse. Dann machten wir gemeinsam unseren Abschluss und sie machte sogar noch ihren Doktor in Philosophie. Das hat mich sehr beeindruckt.

Und du wurdest ein erfolgreicher Rapper?
Überhaupt nicht. Ich habe zwar jahrelang Rapshows organisiert, aber bis vor zwei Jahren saß ich noch in São Paulo und die Leute mussten mich einladen, weil ich mir das Essen nicht leisten konnte. Ich war 34 Jahre alt und hatte nach zwanzig Jahren Rap-Karriere überhaupt kein Geld. Heute gebe ich Konzerte auf der ganzen Welt und kann es nicht fassen, weil ich nie gedacht hätte, dass so etwas noch einmal passiert. Ab jetzt ist für mich alles, was in meinem Leben passiert, der reine Luxus. 

Text: carsten-janke - Foto: Caroline Bittencourt

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