"Spanier mögen es härter."

DJ, Produzent und Weltenbummler Matias Aguayo hat mit „Ay ay ay“ soeben eines der bemerkenswertesten Alben des Jahres veröffentlicht. Mit uns sprach er über globalisierte Musikkultur.
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Illustration: Julia Schubert

Du bist extrem viel unterwegs - wo lebst Du eigentlich gerade? Ich lebe momentan in Paris, gehe aber Ende des Jahres nach Buenos Aires zurück. Wegen der Platte bin ich zur Zeit eher in Europa, aber ständig auf Tour. Ich kann nicht schätzen, wie viele Kilometer ich im Jahr zurücklege. Ich war mit Hans Nieswandt mit der transibirischen Eisenbahn unterwegs, um für das Goethe-Institut in Sibirien zu spielen, ich war in Tromsø im äußersten Norden Norwegens, Ende des Jahres geht es noch nach Australien. Es existiert kein großes, aber doch ein globales Publikum für meine Musik. Eigentlich haben die Leute überall Bock auf meine Rhythmen. Würdest Du Dich als Kosmopolit bezeichnen? Ich bin in Südamerika geboren und wurde als Südamerikaner aufgezogen, es existieren also schon gewisse Wurzeln. Ich teile viel mit Leuten, die ähnlich gelebt haben oder leben wie ich, da gibt es dann gemeinsame Identitäten, und Techno ist ein ganz gutes Medium dafür. Das Wort Kosmopolit ist etwas ungünstig, aber andererseits fällt es mir schon schwer zu sagen, wo ich zu Hause bin. In Köln fühle mich zu Hause, aber das Schöne ist eigentlich, meine über die Welt verstreuten Freunde zusammenzubringen und dadurch so etwas wie Heimat zu etablieren. Mit der neuen Platte bist Du viel präsenter in den Medien als früher. Sind die vokalen Klangfarben zugänglicher für neue Hörer? Ja, ich hoffe es. Ich habe an vielen verschiedenen Orten der Welt gelebt, also bin ich gerne mit unterschiedlichen Leuten zusammen, nicht nur in meinem Alter oder meinem Kontext. Und meine Musik soll auch von allen Leuten gehört werden. Ich wünsche mir, dass meine Oma sie gut finden kann, aber auch meine Nichte. Was passiert bei Deiner Performance? Wie bekommst Du Deinen Sound auf die Bühne? Also hauptsächlich spiele ich eigene Rhythmen und unveröffentlichte Sachen von Freunden aus dem Cómeme-Bumbumbox-Umfeld, und ich singe darüber oder spiele Percussions dazu. So liegt mein Auftritt irgendwo zwischen Live- und DJ-Set, mit Betonung auf live, denn ich mache schon echte Musik. Das ist ziemlicher Körpereinsatz, und ich bin danach auch immer bisschen fertig. Aber so wird die Musik ein intensiveres Erlebnis, natürlich vor allem durch den Kontakt zum Publikum, der mit Mikrofon viel einfacher herzustellen ist. "Rollerskate"

Nächste Woche spielst Du im fast schon legendären Nitsa Club in Barcelona - wie unterscheidet sich das spanische vom deutschen Publikum? Lustigerweise mögen die Spanier es härter und zeigen weniger Groove-Kultur als beispielsweise die Deutschen. Hier in Köln zum Beispiel merken die Leute, was ein guter Groove ist, lassen sich eher von musikalischen Elementen erfreuen - in Spanien wollen sie auf die Fresse. Köln finde ich allgemein sehr gut zum Auflegen. Würdest Du Deine Technik denn als Beatboxing bezeichnen? Das hört sich für mich zu sehr nach einer Disziplin an, wie Graffiti oder Skateboarding. Ein richtiger Beatboxer kann Instrumente nachmachen, HiHats oder Snares. Das kann ich nicht, ich singe eher. Ich habe vielmehr das elektronische Gerüst der Stimme angepasst als andersrum. Ich kann mit dem Mund genauer sein und mehr erreichen, und das auch noch einfacher und leichter, als mit elektronischen Mitteln. Also habe ich alles, was an Programmierung dazu kam, nachträglich an der Stimme orientiert. Alle stimmlichen Sachen sind an einem unhörbaren, inneren Rhythmus orientiert. Das ist besser für Tanzmusik, die immer etwas mit Raum zu tun hat, den man als Tänzer füllen muss. Und so funktioniert es dank der guten Produktion auch im Club. Vom Begriff „World Music“ bekommen viele Musiker Ausschlag. Du auch? Ich mag den Begriff nicht, da er meistens in einem bestimmten Kontext verwendet wird: Was aus Europa oder den USA kommt, ist Musik - der Rest ist World Music. Diese Einteilung ist fragwürdig, deshalb kann ich mit dem Begriff nicht viel anfangen. Ich denke über solche Bezeichnungen auch nicht nach. Ich fühle mich der House-Musik verbunden, in dem Sinne, dass House kein Genre ist, sondern eben vielseitige Tanzmusik. Ich finde es gerade attraktiv, nicht so ganz definierbar zu sein. Wie sieht denn ein Künstler, der von seiner Musik leben will, das Internet? Für mich ist das gut, denn ich kann auch in einer Kleinstadt in Argentinien auflegen und weiß: Die Leute kennen meine Musik und der Raum wird voll. Wenn eine Import-Platte einen Viertelmonatslohn kostet, dann kriegen die Leute die Musik eben nur aus dem Internet. Gerade in Südamerika gibt es oft keine andere Möglichkeit, als die Musik herunterzuladen, weil die Infrastruktur fehlt. Es eröffnet auch mir neue Möglichkeiten, weil ich einen offeneren Zugang zu Musik aus aller Welt habe, ohne sich auf Vertriebe und Läden verlassen zu müssen. Klar ist das andererseits negativ für die Plattenfirmen. Grundsätzlich mag ich Vinyl, ohne jetzt gegen MP3s zu sein. Lustigerweise setzen sich die Europäer eher für Vinyl ein, die Südamerikaner für MP3s, jeweils aus subjektiven Gründen. Eines lernt man durchs Reisen: Minimal ist in Spanien gerade supercool, in Südamerika eher „Rich Kid Music“ und MP3s sind überall beliebt, wo keine Vinyls zu kriegen sind.

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Illustration: Julia Schubert

"Ay Ay Ay" von Matias Aguayo ist auf dem Plattenlabel kompakt erschienen.

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