"Spucke fliegt höchstens 1,20 Meter weit"

Till war als Praktikant in einem Krankenhaus in Sierra Leone, als die ersten Ebola-Patienten eingeliefert wurden. Statt zurück nach Deutschland zu fliegen, blieb er und half mit. Ein Gespräch über Angst und Aberglauben
kathrin-hollmer



Till Eckert (dritter von rechts), 22, studiert Medizin an der Universität Witten/Herdecke und war zusammen Nicolas Aschoff und Simon Scheiblhuber (beide ebenfalls in blau) im Juli für ein Praktikum vier Wochen in Makeni in Sierra Leone, um mehr über Tropenmedizin zu lernen. Dann brach Ebola dort aus.


jetzt.de: Ebola breitet sich seit Februar in Westafrika aus. Warum seid ihr für euer Praktikum ausgerechnet nach Sierra Leone geflogen?
Till Eckert: Ich kannte Sierra Leone gar nicht. Als klar war, dass wir für das Praktikum dort hingehen, haben wir es zum ersten Mal gegoogelt. Erst da wurde uns bewusst, dass es in der Region Ebola-Fälle gegeben hatte. Aber nicht in der Stadt, in die wir wollten. Makeni liegt relativ zentral, Ebola trat im Südosten des Landes auf, an der Grenze zu Liberia und Guinea. Bis Juli hat es sich von da aus auch nicht in den Rest des Landes ausgebreitet. Wir haben uns das so vorgestellt, als würden wir nach Hamburg fliegen, und das Virus wäre in München, also acht Autostunden entfernt. Wir fühlten uns sicher.  

Und dann kam das Virus näher.
In den Morgenbesprechungen im Krankenhaus haben wir jeden Tag darüber gesprochen. Irgendwann gab es Fälle in Masanga, wo die Ärzte ohne Grenzen ein Behandlungszentrum haben, das war noch vier Stunden von uns entfernt. Dann in Lunsar, das war nur noch 20 Autominuten weg. Da war klar, dass Ebola auch in unsere Stadt und unser Krankenhaus kommt.  

Die meisten wären spätestens jetzt zurück nach Deutschland geflogen.
Wir hatten da schon angefangen, die Isolationsstation aufzubauen. Als die ersten Patienten kamen, waren wir gerade fertig und konnten sie direkt isolieren. Wir wollten gerade anfangen, Ernstfalldurchläufe mit Simulationspatienten zu machen, als eine Ärztin auf uns zu kam und sagte, dass wir drei Verdachtsfälle im Krankenhaus haben.  

Du sagst das so entspannt.
Wir haben uns vorbereitet, aber es war trotzdem ein Schock, als die ersten Ebola-Patienten angekommen sind.  

Warum seid ihr trotzdem geblieben?
Es wäre nicht glaubwürdig gewesen, eine Station aufzubauen und abzuhauen, wenn Patienten kommen. Es wusste auch zu dem Zeitpunkt niemand außer uns, wie man die Station koordiniert. Wir haben dann in einem Crash-Kurs die Ärzte, Schwestern und Pfleger geschult, auch das Reinigungspersonal und die Person, die am Ende alles fachgerecht verbrennt.  

„Die meisten Leute dort wissen nicht, was Ebola ist. Und wenn sie es wissen, glauben sie nicht daran.“  

Woher wusstet ihr, wie so eine Isolationsstation aussehen muss?
Wir haben uns die Isolationsstation in einem anderen Krankenhaus in Matanga angesehen und uns im Internet und bei Ärzte ohne Grenzen informiert. Das mussten wir dann mit den Möglichkeiten in unserem Krankenhaus versuchen umzusetzen. Die Ärzte ohne Grenzen haben Chlorduschen, wir hatten im Krankenhaus weder einen Raum mit Abfluss noch genügend Chlor oder Wasser. Wir mussten das mit Eimern notdürftig ersetzen. Die haben wir auf dem Markt gekauft, genauso wie Schutzanzüge, Handschuhe und Medikamente. Es ist nicht so wie in Deutschland, dass alles einfach da ist. Es gab zu wenig Schutzanzüge, deswegen haben die Pfleger die Station nur drei Mal am Tag betreten, für eine angemessene Versorgung der Patienten wären eigentlich mindestens sechs Mal am Tag nötig gewesen.  

Ihr seid noch mitten um Studium. Haben euch die im Krankenhaus denn ernst genommen?
Wir sind schon auf Widerstand gestoßen.  

Bei den Ärzten?
Vor allem bei den Schwestern und Pflegern. Wir haben einen orangefarbenen Absperrzaun um die Ebola-Station herum gebaut, um Angehörige davon abzuhalten, Sachen mit den Patienten auszutauschen. Den mussten wir wieder abbauen, weil die Mitarbeiter Angst hatten, dass das andere Patienten abschreckt; ein Krankenhaus finanziert sich ja über Patienten. Die Mitarbeiter sahen die Station lange kritisch, aber die Alternative wäre gewesen, dass die Erkrankten mit 40 anderen Patienten im Zimmer gelegen hätten. Es ist ein Bildungsproblem, gegen das wir da kämpfen. Die meisten Leute dort wissen nicht, was Ebola ist. Und wenn sie es wissen, glauben sie nicht daran.  

Wie kann das sein?
Ein Virus kann man nicht sehen, hören, riechen oder schmecken. Für eine ungebildete Person liegt es nah zu denken, das sei ein Fluch Gottes oder eine Krankheit, die von den Weißen eingeschleppt wurde. Oder ein politischer Komplott, dass da „Leute vergiftet“ werden. Die Leute dort essen trotzdem noch Affen und Flughunde, obwohl die erwiesenermaßen die Überträger von Ebola sind.  

Wie war das im Krankenhaus?
Die Ärzte wussten, was Ebola ist und wie gefährlich es ist, aber selbst das Krankenhauspersonal hat teilweise nicht daran geglaubt, bevor die ersten Patienten kamen. Die Menschen dort sind der westlichen Medizin gegenüber sehr kritisch, was historisch bedingt ist. Der Kolonialismus liegt noch nicht so lange zurück. Der „weiße Mann“ hat ihnen mehr Schlechtes als Gutes gebracht, und das ist noch in den Köpfen.  



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Habt ihr auch Patienten erlebt?
Wir haben drei mitbekommen. Wir sind nie in die Station reingegangen, weil wir medizinisch gar nicht dafür ausgebildet sind, eine erkrankte Person zu behandeln. Wir haben die Patienten aus sicherer Entfernung gesehen, als sie eingeliefert und wieder abgeholt wurden. Was schockierend war, weil sich ihr Zustand innerhalb von drei Tagen enorm verschlechtert hat.  

Inwieweit verschlechtert?
Eine Patientin ist, als sie ankam, in die Station gelaufen. Als sie drei Tage später abgeholt wurde, konnte sie nicht mal mehr sitzen. Das Virus ist sehr aggressiv. Man hat Fieber, muss sich erbrechen und hat Durchfall, beides blutig, die Haut färbt sich rot, man hat Muskel- und Gliederschmerzen. Sämtliche Barrieren, die der Körper aufbaut, wie Haut oder Magenschleimhaut, werden durchlässig für Blut. Durch den Blutverlust werden die Patienten müde und schwach.  

Hattet ihr keine Angst?
Wir hatten nie ernsthaft Angst, uns anzustecken. Wir wissen, dass das Virus über direkten Kontakt mit Patienten übertragen wird, auch durch Schweiß oder Spucke. Im Studium haben wir gelernt: Spucke fliegt höchstens 1,20 Meter weit, so infiziert man sich ja auch an Husten oder Schnupfen. Wir wussten, dass wir sicher sind, wenn wir uns in einem Radius von vier bis fünf Metern aufhalten. Und wir haben unsere Kontakte minimiert, zum Krankenhauspersonal und zu allen.  

Wie haben eure Familien und Freunde reagiert?
Die Leute, zu denen wir Kontakt hatten, haben uns vertraut. Wir waren aber auch nicht oft in Verbindung, im Internet surfen und telefonieren kann man nur, wenn man Glück hat. Auch im Krankenhaus hatten wir nur vier Stunden Strom am Tag.  

Wann habt ihr die Station verlassen?
Die letzten Patienten wurden drei Tage vor unserer Abreise abgeholt und zu einem Camp der Ärzte ohne Grenzen gebracht. Wir hatten ja keine Behandlungsisolationsstation, sondern eine Übergangsisolationsstation. Die letzten drei Tage, als keine Patienten da waren, haben wir genutzt, um die Mitarbeiter zu schulen, damit sie wissen, wie man anderes Personal einweist.  

Wie war es, zurück in Deutschland zu sein?
Das war ein Kulturschock. Manche sagen heute noch: „Wie, du warst mit Ebola-Patienten in Kontakt!?“, und gehen dann zwei Schritte zurück. Dass ich inzwischen schon wieder zwei Monate da bin und gar nicht mehr an Ebola erkrankt sein kann, das muss man denen erst mal erklären. Dass Ebola nach Europa kommen kann, ist den meisten klar, aber sie kennen noch nicht einmal die Symptome oder wissen, wie man sich infizieren kann.  

„Man kann nicht ein Land abschotten, um ein anderes zu schützen.“  

Seid ihr noch in Kontakt mit dem Krankenhaus?
Wir stehen über Whatsapp in Kontakt. Die Station war regelmäßig immer mal wieder besetzt, und so weit wir es wissen, hat soweit alles geklappt. Das Krankenhaus in Matanga, wo wir uns das Isolationsystem angeschaut haben, ist inzwischen geschlossen, weil die Führungsposition im Krankenhaus abgezogen wurde.  

Wie kommt das?
Viele Organisationen ziehen ihre Ärzte ab, teilweise gegen deren Willen, aus Sicherheitsgründen. Das führt dazu, dass therapierbare Krankheiten wie Malaria, Typhus, Unterernährung, nicht mehr behandelt werden können. Deshalb sterben wegen Ebola viele Menschen an eigentlich therapierbaren Krankheiten. Und die Nahrungsmittel werden knapp, weil keine Schiffe mehr anlegen und keine Flugzeuge mehr landen. Das ganze Land wird in die Isolation gedrängt wird, zum Schutz der anderen Länder, aber meiner Meinung nach ist es falsch. Man kann nicht ein Land abschotten, um ein anderes zu schützen. Uns haben die vier Wochen dort darin bestärkt, dass wir Ärzte werden wollen. Und auch darin, in Krisengebieten arbeiten zu wollen.    


Das Krankenhaus in Makeni, in dem Till gearbeitet hat, ist auf Spendengelder angewiesen. Mehr Infos dazu findest du hier.

Text: kathrin-hollmer - Fotos: privat

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