Stammbaum reloaded: Wie die Familie im Netz eine neue Blütezeit erlebt

Der klassische Stammbaum, in goldenem Rahmen und mit leicht vergilbten Schwarzweiß-Fotos, im großelterlichen Wohnzimmer die Verwandschaftsverhältnisse illustrierend, ist ebenso tot wie die meisten Menschen auf seinen höher gelegenen Zweigen. Die Familie, so scheint es manchmal, liegt abseits dessen, was junge Menschen bewegt und wofür sie mehr Zeit investieren als dringend nötig. Aber Totgesagte leben länger, vor allem im Web 2.0. Seit einer Woche gibt es Kindo.com, einen Stammbaum im Internet. Im Unterschied zu seinem analogen Gegenstück fungiert die Seite als Kommunikationsplattform, die Familien, egal, wie weit sie in der realen Welt verstreut sein mögen, zusammenbringen soll. jetzt.de hat mit Marketingchef Mario Ruckh, 25, über den Status im Internetzeitalter gesprochen.
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So sieht er aus, der Online-Stammbaum. Hier ein fingierter der Familienministerin Ursula von der Leyen. Mario, warum braucht die Welt einen Online-Stammbaum? Eigentlich sehen wir uns nicht primär als Stammbaum, sondern als Kommunikationszentrale für die Familie. Eine Plattform, die die ganzen Kontaktdaten der Familie an einem zentralen Platz verfügbar macht. Kann ich das nicht auch in einem Notizbuch? Schon, aber da kannst du nicht auf deinen Cousin klicken und ihm gleich eine Botschaft schicken. Du hast auch keine Pinnwand, auf der du eine kurze Nachricht hinterlassen kannst, so dass jeder sofort sieht, was du gerade treibst, ob du zum Beispiel gerade im Urlaub bist oder ein Auslandssemester machst. Das mag für manche nach bloßer Spielerei klingen, aber ich finde, das hat einen großen Wert, vor allem, wenn man wie ich im Ausland lebt. Es geht also darum, alle Informationen über meine Familienmitglieder – sofern diese sie aktuell halten – gleich gesammelt parat zu haben? Ja, das ist einer der größten Vorteile. Es ist einfach schön, jederzeit zu sehen, wenn sich in der Familie etwas tut. Fotos vom Neugeborenen der Cousine, und so weiter. Aber besteht nicht auch die Gefahr, dass man sich noch weniger persönlich miteinander beschäftigt? Weil man mit ein paar Mausklicks seine Schuldigkeit getan hat und die Tante nicht mehr anrufen muss? Das kann letzten Endes nur die Zukunft zeigen. Ich glaube es aber nicht. Ich denke, dass ich, wenn ich ein bisschen mehr über das Leben meiner Verwandten im Bilde bin, weil sie mich darüber mit einfachen Updates informieren, eher dazu angeregt werde, sie auch mal wieder „offline“ zu besuchen oder anzurufen. Eine Plattform wie kindo.com ermöglicht es, mit allen Familienmitgliedern ein Minimum an Kontakt aufrecht zu erhalten. Man ist auf dem Laufenden und bekommt dadurch denke ich eher das Bedürfnis, seine Familie wieder zu sehen.

Mario Ruckh (Foto: privat) Glaubst du, dass die Familie im Vergleich zu früher für junge Menschen an Wert verloren hat? Schwer zu sagen. Ich glaube fast, dass es umgekehrt ist. Viele unserer Eltern stammen ja aus der 68er-Generation, die sich wiederum sehr von ihrer Elterngeneration abzusetzen versucht hat. Ich glaube, dass in unserer Generation ein viel versöhnlicheres Verhältnis zu unseren Eltern besteht. Die ideologischen Gräben sind nicht mehr so tief. Auch wenn man sich ideologisch näher ist, geografisch ist man es nicht. Unsere Generation reist viel und peppt ihre Lebensläufe mit Praktika oder Semestern im Ausland auf. Wird es dadurch schwieriger, mit der Familie in Kontakt zu bleiben? Irgendwie schon, ja. Aber es mehren sich auch die technischen Möglichkeiten und Kommunikationskanäle, um die Entfernungen wieder auszugleichen. Genau das ist ja auch unser Ziel. Wir wollen diese Kanäle auf unserem Portal bündeln. In der Theorie klingt das gut. Sind in der Praxis aber nicht gerade diese technischen Möglichkeiten das Problem, weil viele ältere Menschen mit Computern und Internet zu wenig vertraut sind? Das ist natürlich ein Problem. Zum Glück eines, das mit voranschreitender Zeit kleiner wird. Denn ich glaube, dass sich immer weniger ältere Leute dem Internet komplett verweigern – auch wenn es solche natürlich noch zur Genüge gibt. Viele fangen aber an, das Internet für sich zu entdecken, wenn sie das Pensionsalter erreichen und auf einmal mehr Zeit haben, sich damit zu beschäftigen. Mal abgesehen von den rein technischen Hindernissen: Haben ältere Leute nicht ohnehin mehr Hemmungen als wir, Persönliches im Netz zu veröffentlichen? Was das Online-Stellen von persönlichen Daten angeht, ist die ältere Generation mit Sicherheit weitaus vorsichtiger als unsere – und das zu Recht, würde ich sagen. Bei Kindo stellt sich diese Frage nicht so sehr, da bei uns die Informationen privat bleiben. Wir erlauben nicht jedem User, alle Daten zu durchsuchen. Es gibt keine Suchfunktion, mit der ich verfolgen könnte, wer in anderen Familienbäumen eingetragen ist. Was du einträgst, ist für dich und deine Familie sichtbar, und sonst für niemanden. Ich könnte mir schon vorstellen, dass das vielen Älteren wichtig ist.

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