Suche nach einem Freund

Wegen einer schweren Krankheit ist Pascal sozial isoliert, nur über das kann er mit anderen kommunizieren. Als der 22-Jährige per Twitter nach Freunden sucht, kann er sich vor Reaktionen kaum retten.
christian-endt

Pascal leidet an der seltenen Genkrankheit Epidermolysis bullosa, die auch als Schmetterlingskrankheit bezeichnet wird. Die Haut des 20-Jährigen ist sehr dünn, dadurch entstehen bei Druck sehr leicht Blasen. Er hat Wunden am ganzen Körper, die täglich neu verbunden werden müssen. Neben der äußeren Haut sind auch die Schleimhäute sehr empfindlich, darum kann Pascal vieles nur püriert essen. Seine Entwicklung ist verzögert, Schule und Berufsausbildung musste er abbrechen. Die Wohnung kann der junge Mann nur im Rollstuhl und in Begleitung verlassen. Kontakt zu anderen Menschen hat der Dresdner vor allem über das Internet, wo er auch einen Podcast betreibt. Am Sonntag postete Pascal einen mutigen Satz auf Twitter: “Ich suche einen Freund, der ab und zu mal mit mir rausgeht und was unternimmt.“ 

Was bedeutet das Internet für dich?
Das Internet ist mein Tor nach außen. Es ermöglicht mir, mit Leuten zu kommunizieren. Wegen meiner Krankheit kann ich fast nicht nach draußen gehen, ich verbringe den Tag mit Fernsehschauen, Playstation spielen und im Netz. Es ist der einzige Ort, an dem ich Freunde habe.

Jetzt hast du via Twitter nach Freunden gesucht, die sich persönlich mit dir treffen möchten. Was fehlt dir bei deinen Internet-Freundschaften?
Ich habe einfach genug davon, den ganzen Tag zu Hause zu sitzen, ich würde gerne rausgehen und mit Gleichaltrigen etwas unternehmen. Und letztendlich lernt man die Leute übers Internet ja doch nie so richtig kennen.

Du selbst gehst sehr offen mit deiner Krankheit um, machst niemandem etwas vor. Hast du nicht auch mal überlegt, diesen Teil deiner Identität im Netz zu verbergen?
Nein, das war für mich nie eine Option. Ich habe immer offen gesagt, dass ich behindert bin. Ich will mich nicht verstecken. Man merkt dann sehr schnell, ob die Leute ein Problem damit haben, wobei die Berührungsängste im Internet grundsätzlich etwas geringer sind. Und ich will ein Vorbild für andere sein, dass man mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit gehen kann.

Was hat dich jetzt zu deinem Aufruf verleitet?
Ich habe schon oft darüber nachgedacht, aber ich hatte immer Bedenken, dass ich dadurch an die falschen Leute geraten könnte. Letztendlich habe ich mir gedacht: Wie kann ich denn sonst Freunde finden? Vergangenen Sonntag habe ich es jetzt einfach spontan ausprobiert. Ich habe eh nicht mit viel Resonanz gerechnet.

Und was für Reaktionen hast du dann bekommen?
An dem Tag ging es mir nicht so gut, nach dem Absenden des Tweets habe ich mich hingelegt. Aber mein iPad hat nicht aufgehört zu piepsen. Als ich wieder aufstand, hatte ich schon über 50 Retweets. Und es hörte die ganze Nacht nicht auf, inzwischen sind es über 600.

Und was haben die Leute geantwortet?
Viele Leute haben geschrieben, dass sie aus anderen Städten kommen, mir aber viel Glück wünschen. Andere haben den Tweet total falsch verstanden, und dachten ich bin hilflos und brauche Unterstützung. Dabei bin ich ja gut versorgt. Andere Leute haben mir vorgeworfen, dass ich die Leute belästigen würde, und dass man Freundschaften nicht erzwingen könne. Dabei möchte ich auch überhaupt nichts erzwingen.

Waren denn auch Nachrichten dabei, bei denen eine Freundschaft entstehen könnte?
Eine Person hat sich gefunden, bei der es passen könnte. Mit der schreibe ich seitdem intensiv hin und her. Mal sehen was daraus wird.

Etwa 20 Stunden nach dem Aufruf hast du geschrieben: “Jetzt ist bitte gut. Mir ist das ein bisschen unangenehm.” Zu diesem Zeitpunkt wurde die erste Nachricht schon hunderte Male geretweetet.
Diese Ausmaße hätte ich nie erwartet. Irgendwann wurde mir die Masse der Reaktionen zu viel, auch die der positiven.

Was ziehst du nach der Aktion für ein Fazit?
Ich bin begeistert, was durch das Internet alles möglich ist. Ich habe sehr viel Hilfsbereitschaft erlebt. Es waren zwar ein paar Idioten dabei, aber insgesamt bin ich positiv überrascht. Ich bereue es nicht, diesen Schritt getan zu haben.

Was wünscht du dir für die Zukunft?
Ein langes, halbwegs gesundes Leben. Mein größter Traum ist es, in Köln zu leben. In dieser Stadt spüre ich etwas, was ich in Dresden noch nie erlebt habe. Die Leute dort sind unheimlich nett. In der Straßenbahn ist sogar eine alte, klapprige Frau aufgestanden und hat meiner Mutter einen Platz angeboten. Hier stellen sich alle vor den Rollstuhl und glotzen.

Text: christian-endt - Foto: Stephan Böhlig

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