Synchronschwimmer in Springbrunnen: Wie dich Charlie Todd unterhalten will

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Warum macht ihr das? Als ich vor ungefähr sieben Jahren nach New York zog, war ich einer von tausend Schauspielern auf der Suche nach einem Engagement. Anstatt also darauf zu warten, auserwählt zu werden, erschuf ich mir meine eigene Bühne. Auf der Straße. Ihr fahrt ohne Hose U-Bahn, gebt auf Dächern gefakte U2-Konzerte und tretet als Synchronschwimmteam in öffentlichen Springbrunnenanlagen auf. Sind Eure Missionen eigentlich legal? Wir sind keine Gesetzesbrecher. Unsere Auslegung der Hausordnung in Geschäften mag zwar unüblich sein (siehe "No Shirts"), aber sie bewegt sich immer im legalen Rahmen. Die Stadt New York ist für ihre Polizeipräsenz und rigide Nulltoleranzstrategie bekannt - nie mit den Gesetzeshütern in Konflikt geraten? Bei ein paar unserer Missionen sind wir tatsächlich mit den Cops aneinander geraten. Nach dem gefakten U2-Gig sind wir zum Beispiel wegen Lärmbelästigung festgenommen worden, jedoch glücklicherweise nur mit einem kleinen Bußgeld belangt worden. Alles in allem sind wir bisher aber immer mit einem blauen Auge davon gekommen.

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Illustration: Julia Schubert

Herr Todd. Hast du eigentlich einen richtigen Beruf? Ja, ich arbeite an einem Improvisations-Theater, dem Upright Citizen Brigade Theatre in New York als Lehrer und unterrichte Schauspielschüler und angehende Comedians. Rekrutierst du dort auch deine Agenten? Zum Beispiel. Man kann sich aber auch in unsere offene Mailing List eintragen. Für den Großteil unserer Aktionen sind schauspielerische Fähigkeiten nicht unbedingt von Belang – es kann im Prinzip also jeder, der will, und aus New York oder Umgebung kommt an unseren Missionen teilhaben. Mittlerweile gibt es auch auf der ganzen Welt Improv Everywhere-Ableger, nachzusehen unter Improv Everywhere Global. ********************************************* Aktion "Mobile Desktops"

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Illustration: Julia Schubert

Es müssen ja nicht immer Notebooks sein: Zwei Agenten mit CRT-Monitoren, Tastaturen und Laufwerken in einer Starbucks-Filiale bei der Arbeit. Einer der PCs hat eine Wi-Fi-Karte installiert - sie ermöglicht es dem Agenten, das kostenlose WLAN der Kaffeekette zu nutzen. ********************************************* Wieso heißt es eigentlich Improv Everywhere? Eure Missionen sind doch durchgeplant. Ja, natürlich, aber du weißt ja nie wie sie ausgehen, oder? Wir können den Start planen, aber das Ende ist immer offen. Das ist der Moment, an dem das Improvisieren ins Spiel kommt. Wenn du auf öffentlichen Schauplätzen agierst, bleibt dir auch gar nichts anderes übrig. Wir haben ja schließlich keine Kontrolle über die Zivilisten. ********************************************* Aktion "No Shirts"

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Illustration: Julia Schubert

Der in New York angesagte Abercrombie & Fitch-Store auf der 5th Avenue fällt nicht nur durch überteuerte Preise, sondern vor allem auch durch die aggressive Zurschaustellung halbnackter Männermodels in seinen Schaufenstern auf. 111 männliche Agenten von Improv Everywhere nahmen die Geschäftspolitik des Hauses beim Wort und statteten dem Bekleidungsladen einen Besuch ab – ohne Shirts natürlich. ********************************************* Seht ihr euch eigentlich als eine soziale Bewegung? Existiert irgendeine versteckte Botschaft hinter euren Missionen? Nope. It’s all about fun. Wir glauben an organisiertes Vergnügen und alles was wir wollen, ist, dich auf dem Rückweg von deiner Arbeit kurz zum Lachen zu bringen oder wenigstens deine Aufmerksamkeit zu erregen. Fall es überhaupt eine Botschaft gibt, dann ist es die hier: Man kann die Leute unterhalten, ohne sich über sie lustig zu machen. Das ist alles, wofür wir stehen. We’re out to prove that a prank doesn’t have to involve humiliation or embarrassment!


Euer Humor unterscheidet sich sehr, von dem, was sonst so in amerikanischen Unterhaltungsmedien präsentiert wird. Ich weiß, was du meinst. Es gibt keine Punchline im klassischen Sinne und es wird sich auch über niemanden lustig gemacht. Eure Missionen erinnern in manchen Momenten sogar ein wenig an das Absurde Theater. Es gibt definitiv einige Referenzen zum absurden Theater, aber ich würde uns nicht darunter subsummieren. Was ist denn deine Lieblingsmission? Puh, schwer zu sagen. Wahrscheinlich The Moebius, Look Up More und Even Better Than The Real Thing ... (lacht) Sich als U2 auszugeben hat definitiv Spaß gemacht! Ihr habt als Ben Folds und U2 Konzerte gegeben. Gab es irgendwelche Reaktionen von den Musikern? Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob U2 jemals von der Aktion Wind bekommen haben. Wahrscheinlich schon, immerhin ist die Mission ziemlich durch die Presse gegangen. Beim Ben Folds Fake (siehe unten) lief die Sache ganz anders ab. Die Gigs waren von langer Hand geplant und mit ihm selbst abgesprochen. Tatsächlich kam der Anstoß für die Idee sogar von der Künstlerseite aus! Ben Folds hat uns persönlich angefragt, ob wir uns nicht etwas Lustiges für seine Shows in NYC ausdenken könnten. Er und seine Band kannten unsere Website und mochten, was wir tun und so führte eben schnell eins zum anderen. ********************************************* Aktion "Ben Folds"

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Illustration: Julia Schubert

Großer Fan von Improv Everywhere: Ben Folds. Auf seiner Amerika-Tour 2006 lud der US-amerikanische Sänger und Musiker Charlie Todd und seine Agenten ein, ihn bei einigen seiner Shows zu begleiten - als Ben Folds Fake. Zufällig fing auch fünf Jahre zuvor alles in einer Bar im West Village mit Ben Folds an. Charlie Todd wurde dort zufälligerweise für den Musiker gehalten - er ging auf das Spiel ein und Improv Everywhere war geboren. ********************************************* Wie sieht Eure nächste Mission aus? Schon irgendwelche Pläne? Das ist ein Geheimnis!

Text: katja-peglow - Fotos: improveverywhere.com

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