Synthies in den Alpen

Jedes Jahr lädt Benedikt Brachtel Musiker in eine Hütte in den Alpen ein. Zwei Wochen lang basteln sie an Sounds und Songs und nennen das Ganze "Selbstversorgersound".
magdalena-pemler

jetzt.de: Benedikt, wie würdest du den ‚SVS’ beschreiben?  
Benedikt Brachtel: Es ist interessant, dass du ‚den’, also ‚der SVS’ sagst. Das macht Sinn, schließlich geht es ja um den Sound. Ich sage trotzdem ‚das SVS’, denn es bezeichnet das ganze Projekt; von der Aufnahme bis zum fertigen Sound. SVS ist etwas festivalmäßiges, die Zusammenkunft einer Gruppe musikaffiner Menschen in einer Hütte in den Bergen. Wir machen zusammen Sound, nehmen auf, produzieren – den ganzen Prozess halt.
 
Woher kommen die Musiker?  
Sobald ich weiß, wann und wo das nächste SVS stattfinden wird, frage ich bei meinen Kollegen rum, wer teilnehmen möchte. Alle anderen können ein Anmeldeformular ausfüllen. Ich suche dann 30 bis 40 Leute aus, die vom Niveau her einigermaßen zusammenpassen. Mir geht es nicht darum, Akademiker rauszupicken. Man kann auch von Anfängern etwas lernen. Überhaupt soll die Teilnahme nicht mega-exklusiv oder schwierig sein. Wenn sich aber ein krasser Metaller anmelden würde, der gar nicht zum Rest der Gruppe passt, würde ich ihm das sagen.  

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Illustration: Julia Schubert

Musizieren vor Bergpanorama: "Selbstversorgersound" in den Alpen

Habt ihr denn auf der Hütte überhaupt Strom und Wasser?  
Im ersten Jahr hatten wir tatsächlich nur einen Benzingenerator und einen Kanister zum Wasser holen. Das war ziemlich spannend, weil wir die Arbeitsprozesse entsprechend verändern mussten. Manche Arrangements konnten wir nur im Kopf durchspielen und nicht direkt umsetzen. Ab dem zweiten Jahr war dann aber immer sehr viel Technik dabei. Ich erinnere mich daran, dass wir zum Beispiel unsere Synthies vor der Kulisse des Dachsteins aufgebaut haben. Das sind schon einmalige Erfahrungen.  

Warum trefft ihr euch nicht im Übungsraum wie andere Musiker?  
SVS ist entstanden, weil man so garantiert keinen stört. Ich habe in Linz Jazzgitarre und Komposition studiert und dort nach Örtlichkeiten zum Musikmachen gesucht. Man hat mir gesagt, ich könnte in einem ehemaligen Naturkostenladen, einem Raum an einer befahrenen, lauten Straße üben. Ich habe wochenlang meine Ausrüstung dorthin transportiert, Geld und Zeit investiert und als ich die ersten drei Schläge am Schlagzeug machte, kamen die Nachbarn und beschwerten sich. Da kam mir die Idee zu SVS.  

Habt ihr einen festen Tagesablauf?  
Anfangs dachte ich, man bräuchte das, habe Workshops und Vorträge mit festen Zeiten organisiert. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass das Individuelle besser ist. Alles, vom Musik machen über Einkaufen bis zum Abwasch, passiert aus der Gruppe heraus und es funktioniert. Es ist sehr schön, dass es einfach läuft, ohne lange Absprachen. 

http://vimeo.com/2888758
Impressionen von "SVS"

Ihr seid wie eine Kommune?  
Teilweise. Unter Kommune verstehe ich eine eingeschweißte Gruppe. Das ist bei uns anders. Es gibt ein paar Leute – Violetta Parisini, Günther Lause, Harry Jen – die seit Jahren dabei sind, aber es kommen auch immer neue Leute dazu und andere fallen weg.  

Gibt es Musiker, die du gerne einmal in die Alpen mitnehmen würdest?  
Klar, jede Menge. Moderne klassische Komponisten wären genauso spannend wie Produzenten aus den Staaten. Ich bin da sehr offen. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass wir schon sehr viele tolle Leute dabei haben.  




Infos zum Projekt ‚Selbstversorgersound’ gibt es unter www.selbstversorgersound.de.

Text: magdalena-pemler - Foto: privat

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