Szymon Niemiec: "Die EU muss Polen die Gelder kürzen"

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Szymon, Du hast in der Vergangenheit immer wieder versucht, in Warschau Demonstrationen für die Rechte von Schwulen und Lesben zu organisieren, die aber immer wieder verboten wurden. Was war Dein persönlicher Eindruck von der Parade der Gleichheit? Nun eigentlich war alles sehr friedlich und ruhig. Ein paar Neonazis haben zwar Tumulte angezettelt und versucht, uns zu schlagen, aber die Polizei hat sie davon abgehalten. Wir wurden auch mit Steinen und Eiern beschmissen. Aber insgesamt hatten wir eine gute Zeit. Warum wurde die Parade denn diesmal nicht verboten? Ich denke, der Grund war einfach, dass wir sehr viel Unterstützung von ausländischen Politikern und der Europäischen Union bekommen haben. Sie haben Briefe ans polnische Parlament geschickt und sich darin gegen Homophobie ausgesprochen. Ich denke, die rechten Politiker in Polen hatten Angst, diese Parade zu verhindern, weil sie ansonsten wie homophobe Nazis dagestanden wären. Ihnen ging es nur ums Image. Denn eigentlich wollen die Regierungsparteien ja gegen uns kämpfen, weil wir einfach ein guter Feind sind. Wir sind nur ein kleiner Teil der Gesellschaft und haben nicht besonders viel Geld, um politisch aktiv zu werden. Was ist denn der Grund dafür, dass Eure Gegner mit so großer Energie gegen Euch ankämpfen? Mich erinnert diese Situation gerade an die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals hat die polnische Gesellschaft versucht, die Juden aus dem Land zu werfen, die damals ähnlich schwach waren wie wir jetzt. Sie machen uns für alles Mögliche verantwortlich, außer vielleicht für die finanzielle Situation des Landes. Sie werfen uns vor, eine Art homosexuelle Mafia zu sein, die die katholische Kirche, die Familien und sonstige Fundamente polnischer Traditionen zerstören will. Wie gehen die rechten Politiker denn gegen Homosexuelle in Polen vor? Sie versuchen, uns gesetzlich zu benachteiligen. Sie versuchen, eine Art Geheimpolizei aufzubauen, die uns zu Hause besucht und uns über unsere Lebensgewohnheiten ausfragt. Sie versuchen, unsere Clubs zu schließen. In den vergangenen beiden Jahren wollte der Warschauer Bürgermeister, der der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit angehört, zum Beispiel immer wieder einen Club namens „Le Madame“ dicht machen. Das war der einzige Ort in Warschau, an dem sich Homosexuelle mit Heterosexuellen treffen und alternative oder globalisierungskritische Veranstaltungen durchführen konnten. Sie haben den Club dann mit der Begründung geschlossen, dass das Gebäude abgerissen werden muss und dass dort ein Einkaufszentrum entstehen soll. Reden wir mal über Dich. Du warst ziemlich lange als Kämpfer für die Rechte von Schwulen und Lesben aktiv ... Ja, acht Jahre lang, genauer gesagt. Jetzt hast Du Dich ein bisschen zurückgezogen. Warum? In erster Linie bin ich einfach erschöpft. Ich hatte Probleme mit meiner Gesundheit und meinem Leben allgemein. Ich musste einfach mal an mich denken. Und dann gab es auch noch ein paar Probleme in unserer Organisation. Aber ich habe mich nicht zurückgezogen, weil ich Angst habe. Dabei hättest Du gute Gründe dafür, Angst zu haben. Schließlich bist Du oftmals bedroht oder sogar angegriffen worden. Ja, ich wurde in vielen Briefen, Emails oder Telefonanrufen beschimpft. Ich wurde mehrmals mit Steinen oder Baseballschlägern angegriffen, zweimal mit einem Messer, einmal mit einer Pistole. Zweimal hat jemand erfolglos versucht, meine Wohnung niederzubrennen. Und ich stehe zusammen mit anderen homosexuellen und linken Aktivisten und Politikern auf der schwarzen Liste einer polnischen Neonazi-Gruppe. Aber ich lebe noch und habe keine Angst vor ihnen. Sonst hätten sie ja das Gefühl gewonnen zu haben.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Demonstration mit Masken: Protest regt sich in Polen gegen Jaroslaw Kaczynski (links) und den Bildungsminister Roman Giertych (rechts), Foto: afp Du hast Dich 1998 öffentlich geoutet. Kannst Du Dich noch genau an die Situation damals erinnern? Ja, natürlich. Damals sind zum ersten Mal in Polen Homosexuelle auf die Straße gegangen. Eine kleine Gruppe hatte damals eine Veranstaltung mitten in der Altstadt organisiert. Ich habe als Journalist gearbeitet und wurde von meinem Chef zu dieser Veranstaltung geschickt, um Fotos zu machen und einen Bericht zu schreiben. Als ich dann zu diesem Platz kam, hab ich da nur zwei junge Männer gesehen, die ihre Gesichter mit Papiertüchern vermummt hatten und Schilder um den Hals trugen, auf denen ihre Berufe standen. Sie waren umlagert von etlichen Fotografen und Journalisten, ein paar Skinheads waren auch da. Ich bin dann zu den Jungs hingegangen und hab gesagt, hey, ihr müsstet entweder einer sein oder zu dritt, denn zwei Demonstranten sehen auf Fotos komisch aus. Sie haben dann geantwortet, dass es niemanden gibt, der mit ihnen dastehen will. Ich habe dann einen Moment lang nachgedacht und gesagt, dass sie mir etwas Klopapier für mein Gesicht geben sollen, weil ich dann bei ihnen bleiben würde. Mein Gesicht war anschließend in allen polnischen Medien zu sehen. Ich bin dann arbeitslos geworden, weil mein Chef gesagt hat, dass es ihm zwar Leid tut, aber dass er niemanden beschäftigen kann, der offen schwul ist. Ich habe vier Jahre lang keinen Job gefunden. Ein Gesetz gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz haben wir erst seit vergangenem Jahr, aber eigentlich hat sich trotzdem nichts geändert. Haben junge Menschen in Polen eine andere Einstellung zum Thema Homosexualität als ältere? Nein, da gibt es keinen Unterschied zwischen den Generationen. Viele der älteren Polen sind sogar toleranter als die jüngeren. Der Grund dafür ist, dass unser jetziges Bildungssystem sehr schlecht ist, was Themen wie Demokratie oder Bürgerrechte betrifft. Der neue polnische Bildungsminister Roman Giertych hat vor kurzem den Leiter des Zentralen Lehrer-Fortbildungszentrums entlassen, weil er Broschüren vom Europarat verwendet hat, in denen Treffen von Schulen und Homosexuellen-Organisationen angeregt wurden. Ja, und genau darin besteht doch auch die Gefahr, weil Giertych als Bildungsminister versuchen wird, die jungen Polen in den Schulen mit seiner Ideologie zu indoktrinieren. Aber viele Schüler wehren sich gottlob dagegen und gehen auf die Straße. Erst kürzlich wurden zehn junge Polen verhaftet, weil sie vor dem Bildungsministerium gegen Herrn Giertych demonstrieren wollten. Und in der vergangenen Woche sind 3.000 Lehrer vor das Parlamentgebäude marschiert, um zu protestieren. Momentan treffen sich die Staats- und Regierungschefs der EU gerade in Brüssel. Deutsche Grünen-Politiker fordern, dass die schwulenfeindliche Politik der polnischen Regierung Konsequenzen auf europäischer Ebene haben müsste. Sollte die Europäische Union etwas gegen die Regierung Deines Landes unternehmen? Ja, natürlich. Denn wenn sie nichts unternehmen, gibt es in Polen vielleicht wirklich irgendwann nationale Umerziehungslager für Homosexuelle. Das ist eine Idee vom stellvertretenden Vorsitzenden der Liga der polnischen Familien. Die Europäische Union muss Polen die Gelder kürzen. So ein finanzieller Protest ist wahrscheinlich der effektivste Weg, um unsere homophobe Regierung zu stoppen.

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