Telefonverarsche wird's immer geben: Ein Interview über Comedy im Radio

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Hallo Herr Pohlmeier. Hallo. Sie leiten die Comedy-Redaktion bei 1Live. Ich möchte von Ihnen gerne wissen, was ein Comedy-Autor können muss. Aber nicht dass Sie denken, das wird jetzt ein besonders lustiges Gespräch. Was machen Sie den ganzen Tag? Wir planen für 1Live, was wir in Sachen Comedy senden wollen, wir sprechen die Inhalte ab, planen neue Serien und überlegen, welche Themen sich aufbereiten lassen. Zum Beispiel? Puh, ich habe den Kopf so voll mit Sachen. Natürlich ist im Moment die Hitze ein Thema, wo man auch komödiantisch ran kann, oder - das Kabinett hat diese Woche beschlossen, dass das Briefmonopol fallen soll.

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Illustration: Julia Schubert

Das Bild zur Lukas-Comedy. Was gibt das? Eine Comedy-Szene, in der die Post zusammen mit der Pizza kommt. Sonst geht es viel um planbare Sachen – Sportereignisse, politische Entscheidungen, neue Filme, diese Woche war Welttag des Buches, kürzlich Freitag der 13. oder, kommt nächste Woche, Tanz in den Mai. Was kann man zum Maibaum-Aufschlagen machen? Einen klassischen Text vortragen reicht sicher nicht aus. Das ist nicht wie im Kabarett, dazu ist 1LIVE zu jung, als dass wir da nur vorlesen könnten. Wir machen nicht einfach nur Glossen. Deshalb suchen wir eierlegende Wollmilchsäue, die für´s Radio schreiben und auch performen können. Die auch Stimmen von Prominenten imitieren können, die unterschiedliche Comedy-Stimmen sprechen und das auch noch produzieren können. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, solche Leute zu finden. Das ist sehr selten. Unsere Stammautoren haben ja auch meist sehr jung beim Radio angefangen, haben gesehen, dass sie ein Talent für Comedy haben. Jetzt schreiben und produzieren sie zum Teil zu Hause in ihrem eigenen Studio. Bei Neulingen zum Beispiel sind wir schon glücklich, wenn jemand in der Lage ist, gute Ideen und Skripte zu liefern. Die können wir dann produzieren. Kann man den Job lernen? Es gibt schon das Handwerk, das man sich aneignen kann: Wie funktioniert eine klassische Pointe. Das kann man genau so lernen wie Autofahren oder Stenografie, aber dadurch allein wird man nicht zum Comedian. Ohne Talent geht da nix. Wie sieht die klassische Pointe aus? Das Briefmonopol fällt. Unsere radiophone Umsetzung ist vom Aufbau her die Szene, in der ein Mann die Pizza bringt und sagt: Das macht 12,80 Euro. Und, ach ja: hier noch ihre Post – ist leider ein bisschen Tomatensoße drauf. Das ist das Prinzip: Etwas in einen anderen Zusammenhang stellen, eine Brechung erzeugen. Für das Comedybild fragen wir uns: Es gibt also kein Monopol auf´s Briefe austragen mehr. Wer könnte es dann machen? Meinetwegen könnte da auch … ein Malestripper die Post bringen.

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Illustration: Julia Schubert

Das ist Tony Mono, der Mann aus der Rekordz-Comedy. Über was lachen die Hörer gerade am liebsten? Da gibt es eine Veränderung. Lange Zeit gab es sehr aufwendig produzierte Sachen, die eher comic-haft waren. Jetzt führt der Weg weg vom cartoon-haften. Das sieht man im TV an Serien wie Stromberg ganz gut: Da laufen Sachen gut, die pseudodokumentarisch sind und einen Bezug zum echten Leben haben. Wie in der Schillerstraße und vielen anderen Formaten, die zum Beispiel auf reine Improvisation setzen. Die klassische Sketch-Comedy verschwindet derzeit. Das lässt sich nicht eins-zu-eins auf Radio übertragen, aber: Wir hatten bei 1LIVE Anfang des Jahres eine Programmreform und haben uns dabei auch von fiktiven, virtuellen Welten verabschiedet. Wir versuchen auch, die Sachen stärker in der Realität zu verankern. Nix mehr mit Stimmenimitation. Schon, aber man muss nicht mehr Franz Beckenbauer imitieren. Da ist der Bart zu lang. Wen kann man gerade guten Gewissens parodieren? Was kommt nach der Telefoncomedy? Und was für Leute bewerben sich um Jobs in einer Comedy-Redaktion? Antworten auf der nächsten Seite.


Wer wird als Nächstes imitiert? Die Menschen reiben sich an Autoritäten, das war schon im Mittelalter so. Deshalb hat das mit der Gerd-Show funktioniert. Zu Zeiten von Rot-Grün waren die Protagonisten sowieso stärker besetzt: Schröder und Fischer eben. Mit Merkel klappt es noch ganz gut. Aber die großen Figuren in der Politik gibt es nicht – Stoiber bietet viel Fläche für Satire, ist aber auf Bundesebene eigentlich zu wenig präsent. Das Bundeskabinett hat in der Comedy noch nicht diesen Status – es ist schwierig, wenn man Müntefering und Schäuble imitiert. Die sind noch nicht so präsent bei den Leuten. Einen großen Schub hat die WM 2006 gegeben, bei der andere Sender Jürgen Klinsmann oder Beckenbauer gemacht haben und wir Lukas Podolski. Haben sich auf die Anzeige schon Leute gemeldet? Ja! Da kommt alles. Was? Naja, es trauen sich sehr viele Leute vor, weil sie auf jedem Geburtstag Witze erzählen. Einer hat sich mal bei uns beworben und eine handgeschriebene Referenz von einem Freund beigelegt. Das fand ich schon sehr süß. Wir sind aber weniger Ausbildungssender, eine bestimmte Grundlage sollte schon da sein. Das heißt? Vielleicht ein Praktikum im TV- oder Radio-Bereich. Wir haben das Problem: Wir gehen an die Comedy anders ran als andere Sender. Was heißt das? Wir sind dafür bekannt, ein bißchen frecher und schräger zu sein. Bei uns gibt es auch keine Telefon-Comedy, wie sie sich in der Branche so inflationär verbreitet hat. Das hatten wir vor zehn Jahren schon, jetzt läuft das überall, auf vielen Sendern sogar zwei oder drei verschiedene „Spasstelefone“. Das ist sicherlich immer noch sehr mehrheitsfähig, oder sagen wir mal: Mainstream. Aber dann wollen wir doch lieber mit einem unterscheidbaren Profil erfolgreich sein.

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Illustration: Julia Schubert

Ulf Pohlmeier. Was kommt denn nach der Telefoncomedy? Irgendeine Telefonverarsche wird immer Bestand haben, so wie im Fernsehen Quatschumfragen oder versteckte Kameras. Produzenten werden immer wieder auf Quatschumfragen und Anrufe zurückgreifen. Das sind Prinzipien, die immer funktionieren. Jeder guckt oder hört einfach gerne zu, wie jemand anders reingelegt wird. Wir wollen aber nicht die alte Frau auf der Strasse vorführen, unser Ziel ist eher, uns an Autoritäten abzuarbeiten. Und: Wir suchen nach neuen Feldern. Die große Frage für mich lautet zur Zeit: Welche Möglichkeiten bietet eigentlich das Internet für Comedy-Formate, die gleichzeitig in Netz und Radio funktionieren. Schauen Sie eigentlich auf YouTube nach Kandidaten? Was glauben sie, was ich mache? Ich schaue schon, was passiert. Aber das ist Fluch und Segen zugleich. Warum? Weil es auch viele Kopien von Kopien sind? Nein, da gibt es schon viele kreative Leute. Aber haben sie wirklich Potential? Viele machen eine kranke Idee und du denkst dir: Cool, sprich mal mit denen. Aber haben die mehr als diese eine großartige Idee? Haben die wenigstens jeden zweiten Tag eine Idee, die halbwegs lustig ist und knallt? Da scheidet sich wahrscheinlich die Spreu vom Weizen. Ja, ich rufe die Autoren an und sage: Du hast eine Stunde Zeit, denk dir was zu „Tanz in den Mai“ aus oder zum Thema Grillen. Und wenn dann nichts raus kommt? Wird man dann dennoch bezahlt? In 95 Prozent der Fälle gibt es ein Ergebnis – dann denkt man eben zu zweit drüber nach. Wieviele Leute arbeiten für Sie? Der harte Kern – etwas weniger als Dutzend Leute. Manche hoffen ja, via YouTube entdeckt zu werden. Haben Sie dort schon mal ein Talent gefunden und verpflichtet? Es gibt eine handvoll Leute, die ich dort gefunden habe, nicht nur youtube, es gibt ja noch mehr Portale, die für uns gerade konzeptionell arbeiten. Mal sehen, was dabei raus kommt. Bin ich sehr gespannt. Wer mehr kann als nur Witze erzählen und gern mit Comedy sein Geld verdienen möchte, der schreibt an eine dieser Adressen: WDR, 1LIVE Comedy-Redaktion, "Bewerbung", 50600 Köln bzw. 1live@wdr.de Alle Bilder: 1Live

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